Wie lebt es sich als Exotin?

Diversität:

29. Dezember 2017
Daniel Stolle für Harvard Business Manager

Man kann so sein wie ich - eine Frau, keine Ingenieurin, Ausländerin (also keine Japanerin), vergleichsweise jung - und trotzdem Senior Vice President eines japanischen Tech-Unternehmens werden. Ich bin sozusagen die Exotin, das "pinke Einhorn" schlechthin bei Fujitsu. Und extrem glücklich mit meiner Rolle.

Vorher war ich etwa 25 Jahre bei Siemens beziehungsweise später bei einer abgespaltenen Tochtergesellschaft - dort habe ich, zumindest gemessen an den eben genannten Kriterien, viel besser reingepasst -, aber steuerte am Ende geradewegs auf einen Burn-out zu.

Aber der Reihe nach: Siemens war mein erster Arbeitgeber, dort habe ich nach dem Abitur eine Lehre zur Kauffrau gemacht. Ich hatte zwar schon immer eine ausgeprägte Affinität zur Technik, doch zugleich habe ich mich im kaufmännischen Bereich besser aufgehoben gefühlt. Zum Ende meiner Tätigkeit bei Siemens wurde die Kommunikationssparte, bei der ich beschäftigt war, ausgegliedert und von einem Investor übernommen. Somit landete ich für fünf Jahre im Private-Equity-Bereich. Kurz nachdem ich zur Geschäftsführerin ernannt worden war, kamen zudem die Compliance-Altlasten auf. Salopp formuliert, hätte ein Bootcamp bei den Marines nicht viel härter sein können. Die Arbeit im Private-Equity-Sektor limitierte mich zudem auf eine reine Zahlenwelt. Dies schränkte meinen Handlungsspielraum erheblich ein, und ich empfand diese Zahlenfokussierung als belastend. Parallel dazu durchlebte ich gerade Veränderungen im persönlichen Umfeld. Ich spürte, wie mich dies körperlich und seelisch an meine Grenzen brachte, und mir wurde klar: Achtung, jetzt wird es gefährlich. Das war der Zeitpunkt, zu dem ich beschlossen hatte, eine neue Aufgabe zu suchen. Ich hatte erkannt, dass ich meine Talente und Vorlieben bei der Wahl neuer Aufgaben berücksichtigen muss. Leidenschaft ist eine Fähigkeit, die von ganz vielen Managern unterdrückt wird. Ich hatte das auch getan, und es bekam mir nicht gut.

Nach einer Auszeit, die mir körperlich und seelisch äußerst guttat, bin ich zu Fujitsu gewechselt. Ich habe auch nach dem Start bei Fujitsu weiter an mir gearbeitet und festgestellt: Das, was man kann, worin man gut ist, wofür man Leidenschaft hat, das ist immer das Richtige. Und man sollte sich durch nichts und niemanden limitieren lassen, nicht von der Herkunft, vom Partner, von den Kollegen oder dem Chef. Und vor allem nicht von sich selbst. Ich selbst war es, die sich lange nicht getraut hat, etwas zu ändern, die mit aller Kraft durchhalten wollte - das zu erkennen hat gedauert.

Als Senior Vice President trage ich natürlich weiterhin viel Verantwortung und lebe in großen Spannungsverhältnissen. Aber ich kann diese Krisen heute besser managen. Hierfür gibt es zwei Hauptgründe: Erstens weil ich überzeugt bin, für das richtige Ziel zu arbeiten - selbst wenn es manchmal mit harten Entscheidungen verbunden ist, die einem auch persönlich nahegehen.

Zweitens: Fujitsu ist ein japanischer Konzern, der aber auch in Deutschland starke Wurzeln hat. Und mein Job ist - obwohl ich in Deutschland sitze - kulturell japanisch geprägt. Die Japaner nehmen sich selbst nicht so wichtig, die Gemeinschaft zählt viel. Machogehabe und Eitelkeiten gibt es nicht. So ein Verhalten kommt mir als Frau sehr entgegen. Demütig zu sein hilft einem in Japan sehr, auch das finde ich eine schöne Eigenschaft. Demut ist das Gegenteil von Hochmut und dem, was wir in der Geschäftswelt traditioneller europäischer oder US-amerikanischer Konzerne häufig erleben.

Ich fühle mich extrem wohl in dieser Unternehmenskultur. Gleichzeitig habe ich meinen Exotenstatus als Ausländerin - die Japaner arbeiten ja selbst sehr viel, auch am Wochenende. Von mir erwartet das in dieser Form aber keiner. Es gibt einen Kodex, der in Tokio gilt, und einen für "abroad", für "Einhörner" wie mich. Am Wochenende habe ich meistens frei, und wenn ich doch einmal E-Mails beantworte, scheibt mir mein Chef eine Dankesmail. Da bin ich dann immer wieder sprachlos. Und sehr zufrieden mit meinem neuen Leben.


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Vera Schneevoigt
    Vera Schneevoigt leitet als Senior Vice President das internationale Produktgeschäft von Fujitsu und verantwortet die Aufgabenfelder Forschung und Entwicklung, Einkauf, Produktion sowie das Qualitäts- und Supply-Chain-Management. Sie ist zudem Mitglied der Geschäftsführung der Fujitsu Technology Solutions GmbH.
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