Was ist Talent?

Talente:

21. November 2017
Daniel Stolle für Harvard Business Manager

Talent ist die Veranlagung oder Prädisposition, eine bestimmte Fähigkeit aufzubauen, die noch nicht ausgeprägt ist. Umgangssprachlich wird gesagt: "Der hat aber Talent." Gemeint ist dann aber schon eine Fähigkeit, eine Ressource, auf die jemand zurückgreifen kann. Wir alle kommen mit Talenten zur Welt. Sie werden bereits im Mutterleib durch das Zusammenspiel von Körper und Gehirn ausgebildet. Und weil jedes Kind einen anderen Körper hat, kommt es mit einem höchst individuellen Gehirn zur Welt, das genau zu seinem Körper passt und entsprechende Talente beeinhaltet. Im Prinzip stellt unser Gehirn eine so große Menge an Vernetzungsmöglichkeiten bereit, dass wir alles lernen können. Allerdings fällt uns das bei manchen Dingen leichter als bei anderen. Dieses besondere Potenzial ist dann unsere ureigene Begabung.

Wie erkenne ich eine solche Veranlagung?
Wenn ein Kind eine bestimmte Anlage hat, dann probiert es sie beim Spielen aus. Eltern können dann beobachten, dass ihr Kind ein besonderes Geschick für etwas hat. Manche sind motorisch sehr begabt, andere für sprachliche Äußerungen, manche für Musik oder Gestalterisches. Diese Kinder fangen dann etwa früher an zu malen als andere. Das kann man nicht fördern. Deshalb ist es gut, wenn Eltern nicht versuchen, dem Kind etwas beibringen zu wollen. Es ist besser, zu gucken, was rauskommen will. Das kann sehr unterschiedlich sein. Wie viel Wert wir dem beimessen, hängt von der Gesellschaft ab, in der wir leben. Wenn ein Kind eine besondere Koordinationsgabe der Zunge mitbringt und etwa besonders gut im Spucken ist, wäre es vor hundert Jahren im Regenwald ein begehrter Blasrohrschütze geworden. Bei uns ist diese Begabung aktuell nicht gefragt. In der westlichen Welt dreht sich fast alles um das analytische Denken.

Können Menschen ohne eine aktuell gefragte Begabung im Beruf erfolgreich sein?
Was man gut kann, wofür man begabt ist, bereitet Freude. Dann lernen wir sehr schnell, weil wir intrinsisch motiviert sind. Die Lernprozesse, die wir kennen, sind ja häufig von außen aufgezwungen. Meistens sind sie mit Belohnungen oder Bestrafungen verbunden - auch im Beruf. Es geht um Anerkennung oder Bewertungen, und das sind Lernkiller. Man lernt dann zwar - aber nur sehr mühsam. Manche bringen es trotzdem sehr weit damit. Sie haben ein Abitur mit 1,0, ein tolles Examen und einen wichtigen Job. Trotzdem ist das, was sie machen und womit sie augenscheinlich erfolgreich sind, nicht ihr Ding. Auf dem Feld ihrer eigentlichen Begabung wären sie viel besser gewesen - und hätten deutlich weniger Mühe aufwenden müssen und erheblich mehr Spaß gehabt. Sie wären auch zufriedener und glücklicher mit dem, was sie tun.

Kann eine intelligente Personalpolitik helfen, solche Begabungen herauszukitzeln?
Es gibt Versuche, so wie Jobrotation etwa. Manchmal landet dadurch jemand dort, wo er eigentlich viel besser aufgehoben ist. Was auch wirkungsvoll ist: Teams zu bilden und sie eigenständig ohne viele Vorgaben eine bestimmte Aufgabe lösen zu lassen. Fast immer stellen sich dann besondere Begabungen heraus: Einer ist der Stratege, der andere hält die Truppe zusammen und sorgt für gute Stimmung. Die Ergebnisse sind in der Regel umso besser, je weniger autoritär solche Gruppen geführt werden. Bei flachen Hierarchien finden Teams ganz allein heraus, wer an welcher Stelle besonders viel beitragen kann.

Viele High Potentials gehen offenbar am Druck in den Unternehmen kaputt. Und das, obwohl sie ausgeklügelte Förderprogramme durchlaufen, die ihnen helfen sollen, ihre Begabungen zu nutzen.
Das kann ich bestätigen. Sie zerbrechen an den unsinnigen Anforderungen, die an sie gestellt werden und gar nichts mehr mit ihnen selbst zu tun haben. Das liegt aber nicht an den jungen Leuten, sondern an den Unternehmen, die vor allem Strukturen erhalten wollen. Solche Dinosaurier fördern das, was ich Normopathen nenne. Also Mitarbeiter, die nicht von den gültigen Normen im Unternehmen abweichen - und im Grunde Kopien ihrer Vorgesetzten sind.

Wie kann eine Führungskraft lernen, die unterschiedlichen Talente zu erkennen und Teams entsprechend zu führen?
Die schönste Aufgabe einer Führungskraft besteht darin, sich entbehrlich zu machen. Sie muss loslassen können - und das auch dürfen. Sie muss den Mut haben, sehr unterschiedliche Leute ins Team zu holen. Zu viel Homogenität schadet. Wenn alle im Team Juristen sind, dann findet die Gruppe wahrscheinlich exzellente juristische Lösungen. Aber bunte, interessante Lösungen, die das Unternehmen wirklich weiterbringen, dürfen sie nicht erwarten. Insofern braucht eine Führungskraft heute das Talent und die Fähigkeit, aus unterschiedlichen Menschen die beste Teamzusammensetzung zu finden. Und sie kann Talente erkennen, indem sie für jeden Einzelnen die Möglichkeiten schafft, sich auszuprobieren.

Und wenn Strukturen dies nicht zulassen?
Ein solches Unternehmen schneidet schlechter ab als Wettbewerber, die die individuellen Stärken ihrer Mitarbeiter für sich nutzen. Nehmen Sie zum Beispiel den Drogeriemarkt dm: Hier bekommen die Mitarbeiter viel Raum. Und dm ist sehr erfolgreich - Schlecker hingegen ist Geschichte. Grundsätzlich haben es Start-ups leichter: Da tun sich ohnehin Leute zusammen, die sich ergänzen, weil sie ihre unterschiedlichen Stärken einbringen wollen. Konzerne haben es erheblich schwerer. Aber sie müssen umdenken, wenn sie erfolgreich bleiben wollen. Wenn sie nicht lernen, die individuellen Stärken ihrer Mitarbeiter zu berücksichtigen, werden die dort hingehen, wo sie ihre Fähigkeiten besser einsetzen können.


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Gerald Hüther
    Gerald Hüther ist Professor für Neurobiologie, Vorstand der Akademie für Potenzialentfaltung und Bestsellerautor.
Artikel
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