Wie findet man die erste deutsche Astronautin?

Talente:

30. November 2017
Daniel Stolle für Harvard Business Manager

Im Grunde mit einem relativ normalen Recruitingprozess: Stellenausschreibung, Bewerbungen sichten, Gespräche führen. Nur dass das Verfahren deutlich aufwendiger war als bei einer normalen Stellenausschreibung. Immerhin geht es darum, 2020 die erste deutsche Astronautin zur Internationalen Raumstation ISS zu schicken. Deutschland ist die Nation mit den meisten Astronauten europaweit. Elf deutsche Männer waren schon im Weltall, aber noch keine Frau. Das möchte ich ändern.

Als CEO von HE Space Operations, einem Personaldienstleister für die Luft- und Raumfahrtbranche, suche ich ständig nach talentierten Frauen in Technikberufen. Deshalb habe ich 2016 das Projekt "Die Astronautin" ins Leben gerufen. Natürlich hätten wir auch warten können, bis die Europäische Weltraumorganisation ESA mal wieder Nachwuchs für das Europäische Astronautenkorps sucht. Aber dort hieß es nur, man wisse nicht, wann es wieder eine Ausschreibung gebe. Und bei der letzten Auswahlrunde 2009 blieb der Frauenanteil einfach dem Zufall überlassen. So kam neben sechs Männern nur eine Frau ins Astronautenteam, die Italienerin Samantha Cristoforetti, die 2014/15 auf der ISS war.

Das hat mir mal wieder gezeigt: Wenn wir den Frauenanteil steigern wollen, müssen wir das aktiv wollen. Deshalb habe ich die Sache irgendwann selbst in die Hand genommen und eine private Initiative gegründet.

Als wir Anfang März 2016 die Stelle für die erste deutsche Astronautin ausgeschrieben hatten, kamen zwei, drei Bewerbungen - und dann ganz lange gar nichts. Oder doch: Was kam, waren Hunderte Anrufe und E-Mails von Frauen, die uns ihren Lebenslauf schickten und fragten: Soll ich mich wirklich bewerben? Bin ich überhaupt geeignet? Es war ganz klar zu spüren, wie unsicher viele Kandidatinnen waren. Das ist ein Klassiker bei Stellenausschreibungen: Frauen bewerben sich erst, wenn sie die Anforderungen zu 100 Prozent erfüllen. Mein Sekretariat musste die Anruferinnen deshalb immer wieder bestärken, ihre Bewerbung einzureichen.

Irgendwann haben wir dann verstanden, dass es an der Formulierung der Stellenanzeige lag. Da stand zunächst: "Haben Sie schon mal mit dem Gedanken gespielt, Astronautin zu werden? Schlummert dieser Wunsch schon lange in Ihnen und hat Sie dahin gebracht, wo Sie heute sind? Dann greifen Sie jetzt nach den Sternen und bewerben Sie sich!" Wir wollten damit den klassischen Kindheitstraum aufgreifen. Aber was den kleinen Jungen im Manne anspricht, funktioniert bei Frauen offenbar nicht so gut. Viele haben sich wohl gedacht: "Astronautin - das ist so groß. Das traue ich mich nicht." Deshalb haben wir mit einer neuen Formulierung versucht, sie da abzuholen, wo sie jetzt schon sind - als erfolgreiche Wissenschaftlerinnen. Die neue Stellenanzeige las sich dann so: "Lieben Sie Ihren Beruf als Biologin, Chemikerin, Pharmakologin, Ärztin, Pilotin, Ingenieurin, Wissenschaftlerin oder Geologin? Sind Sie bereit, Ihren Beruf auch aus völlig neuer Perspektive zu leben? Dann greifen Sie jetzt nach den Sternen und werden Sie die erste deutsche Wissenschafts-Astronautin." Das machte den Unterschied. Zum Ende der Deadline am 30. April 2016 ist unser E-Mail-Server fast zusammengebrochen. Am Schluss hatten wir über 400 Bewerbungen, darunter sogar die einer 73-jährigen Marathonläuferin. Die ist persönlich bei uns im Büro vorbeigekommen, um ihre Bewerbung abzugeben.

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