Die große Abkopplung

Digitalisierung:

Von Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson
Heft 9/2015
Gordon Bennett

Dieser Text ist Teil unserer Themenwoche "Digitalisierung".
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Maschinen können fast alles, was auch Menschen können. So scheint es zumindest. Inzwischen fahren ja schon die Autos selbst. Aber was bedeutet das für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt? Gibt es für die Menschen überhaupt noch Arbeit? Übernehmen die Maschinen bald nicht nur die einfachen, sondern auch die komplexen Tätigkeiten? Wenn Mensch und Maschine zusammenarbeiten, wer trifft dann die Entscheidungen? Das sind einige der Fragen, denen sich Unternehmen, Branchen und Volkswirtschaften angesichts der digitalen Transformation unserer Wirtschaft stellen müssen.

Der technische Fortschritt bringt die Welt voran, er bringt aber auch neue Probleme mit sich, sagen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee von der Sloan School of Management an der Technischen Universität MIT in Cambridge. Die beiden untersuchen seit Jahren die Auswirkungen des technischen Fortschritts. In ihrem jüngsten Buch "The Second Machine Age - Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird" zeichnen sie ein grundsätzlich optimistisches Bild der hightechgeprägten Zukunft. Seit Erscheinen des Buches 2014 kämpfen die beiden Wissenschaftler aber mit einem Phänomen, dessen Dimensionen selbst sie überrascht: Warum tragen digitale Innovationen dazu bei, dass das Durchschnittseinkommen der Amerikaner stagniert und dass so viele Arbeitsplätze mit mittleren Qualifizierungsanforderungen wegfallen? In diesem Gespräch erklären die Wissenschaftler, dass digitale Technologien zwar zu schnellerem Wirtschaftswachstum führen, dass aber nicht alle gleichermaßen davon profitieren. Die jüngsten Daten zeigen dies bereits. Anders als die industrielle Revolution dürfte die digitale Revolution Märkte schaffen, in denen einige wenige alles haben und der Rest leer ausgeht.

Brynjolfsson und McAfee beklagen außerdem, dass die unternehmerische Dynamik trotz der rasanten technischen Entwicklung nachgelassen hat, und sie befürchten, dass die Politik bislang nicht angemessen reagiert hat. Ihr Fazit lautet: Auch wenn niemand die Zukunft vorhersagen kann, ist es jetzt an der Zeit, sich mit den wirtschaftlichen Nachteilen neuer Technologien auseinanderzusetzen.

HBM: Sie konzentrieren sich in Ihrer Forschung auf den Fortschritt durch digitale Technologien. In letzter Zeit sprechen Sie in diesem Zusammenhang aber auch über Probleme, die offenbar immer massiver werden. Was bereitet Ihnen so große Sorgen?

Mcafee: Über eines müssen wir uns im Klaren sein: Digitale Technologien sind für die geistigen Kräfte des Menschen das, was in der industriellen Revolution die Dampfmaschine und ähnliche technische Entwicklungen für die Muskelkraft waren. Mit ihrer Hilfe können wir viele Grenzen sprengen und in beispiellosem Tempo Neuland betreten. Das ist sensationell. Nur: Wie sich diese Entwicklung letztlich vollziehen wird, ist unklar. Genau wie es Jahrzehnte gedauert hat, die Dampfmaschine so weit zu verbessern, dass sie zum Motor der industriellen Revolution werden konnte, braucht es Zeit, die digitalen Technologien zu verfeinern. Computer und Roboter werden sich weiterentwickeln und in rasantem Tempo lernen, neue Dinge zu erledigen. Deshalb stehen wir heute an einem entscheidenden Punkt, nämlich am Beginn des "zweiten Maschinenzeitalters", wie wir es nennen.

Diese Ära wird Verbesserungen bringen, einfach weil wir dank digitaler Technologien mehr produzieren können: mehr Gesundheitsdienstleistungen, mehr Bildung, mehr Unterhaltung und mehr von all den anderen Gütern und Dienstleistungen, die uns wichtig sind. Außerdem werden wir diesen Reichtum auf mehr Menschen in aller Welt ausdehnen und gleichzeitig schonender mit den Ressourcen unseres Planeten umgehen können.

Brynjolfsson: Aber die Digitalisierung bringt ein paar ziemlich kernige Herausforderungen mit sich, das dürfte niemanden überraschen. Positive wirtschaftliche Entwicklungen hatten im Lauf der Geschichte häufig negative Begleiterscheinungen. Die erste industrielle Revolution brachte enormen Wohlstand, aber auch Umweltverschmutzung, Krankheiten und Kinderarbeit.

Die Digitalisierung führt zu neuen Verwerfungen. Zum Teil liegt dies daran, dass die Unternehmen dank immer leistungsstärkerer Computer weniger Bedarf an bestimmten Mitarbeitern haben. Einige Menschen, vielleicht sogar viele, werden bei dem rasanten technischen Fortschritt auf der Strecke bleiben. Andere blicken hingegen rosigen Zeiten entgegen. Für Technik- und Technologieexperten könnten die Zeiten nicht besser sein, denn sie können Werte schaffen und für sich erschließen. Für Menschen mit durchschnittlichen Fähigkeiten sind die Aussichten eher trübe, denn Computer und Roboter beherrschen schon heute viele grundlegende Tätigkeiten, und sie lernen in einem verblüffenden Tempo dazu.

Mcafee: Kein ökonomisches Gesetz sagt, dass technischer Fortschritt den Kuchen automatisch größer macht oder alle gleichermaßen profitieren. Digitale Technologien können wertvolle Ideen, Prozesse und Innovationen zu sehr niedrigen Kosten kopieren. Dies führt zu gesamtwirtschaftlichem Reichtum und zu Wohlstand für die Innovatoren, aber es verringert die Nachfrage nach bestimmten Arbeitskräften.

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Kommentare
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mayconsult 19.04.2016

Die Technologie ist nur unser Werkzeug, heisst es im Schlusssatz. Ein Werkzeug kann man nutzen und wieder weglegen. Ich glaube, die Implikationen reichen viel weiter. Wenn wir menschliche Roboter, KI und irgendwann den Punkt der Singularität erreichen, den Ray Kurzweil im Jahr 2045 sieht, dann kommt etwas ganz anderes. Dann verschmelzen unser Raum und unsere Zeit zur Techno-Raumzeit, die uns unsichtbar, aber immerwährend umfasst. Wir könnten uns dieser Technik gar nicht mehr entledigen, weil wir untrennbar mit diesen Technologien verbunden sind. Ich glaube auch nicht, dass wir diesen Prozess wirklich steuern können. Alles was machbar ist wird gemacht werden. Schon im Jahr 1909 schrieb E.M. Forster "The Machine Stops", in dem Skype und Facebook vorhergesagt wurden. Es gibt möglicherweise einen unsichtbaren technologischen Richtungspfeil. Diese Technologien sind die ultimative Kundenbindung, aber auch Herrschaftsinstrument. Solche Technologien sind nur von großen, mächtigen Attraktoren machbar. Allerdings sind die gesellschaftliche Entwicklungen nicht vorherzusagen. Den Attraktoren ist etwas wie Demokratie unbekannt und auch nicht wichtig. Es wird daher möglicherweise weniger spannend sein, wie sich die Technologien entwickeln, sondern eher unsere Gesellschaften. Blade Runner, Brazil, Idiocracy, 1984, Schöne neue Welt oder Terminator. Alle die in den genannten SF- und anderen Filmen geschilderten Pfade - und viel mehr- sind möglich. Sehr spannend.

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