Die große Abkopplung

Heft 9/2015
Gordon Bennett

5. Teil: Fortschritt und Dynamik

HBM: Wie gut geht die Wirtschaft Ihrer Meinung nach mit diesem schnellen technologischen Wandel um?

Brynjolfsson: Der technische Fortschritt rast, aber die Dynamik in der Wirtschaft hat leider nachgelassen. Unternehmensgründern bietet sich nun die Chance, Menschen in neuen Betätigungsfeldern einzusetzen und mit Technologie zusammenzuspannen. Wir sprechen deshalb lieber von einem Wettlauf mit den Maschinen als von einem Wettlauf gegen die Maschinen. Aus irgendeinem Grund hat die Wirtschaft in letzter Zeit nicht so erfolgreich Stellen geschaffen wie früher.

McAfee: Die beste Reaktion auf Wandel sind Flexibilität und Beweglichkeit. Wir müssen den Bewegungen des Angreifers folgen. Stattdessen erleben wir aber einen Rückgang der unternehmerischen Dynamik und der Arbeitsflexibilität. Das ist ein bedauerlicher Trend, der uns daran hindert, auf die bevorstehende Ausbreitung der Technologie angemessen zu reagieren.

Brynjolfsson: Die Sklerose scheint weitverbreitet zu sein. Die Gründungsquote ist in den USA trotz der Entwicklungen im Silicon Valley rückläufig. Sich einen Prozess anzusehen und zu fragen: "Wie kann ich einen Teil dieser Aufgabe von einer Maschine erledigen lassen?" ist einfach. Mit etwas Einsatz und Einfallsreichtum lässt sich so Mehrwert schaffen. Aber weit mehr Kreativität ist nötig, wenn man nach Wegen sucht, wie Mensch und Maschine sich zusammentun und gemeinsam etwas ganz Neues, wirklich Wertvolles erschaffen.

HBM: Welches wirtschaftliche Umfeld würde die neuen digitalen Möglichkeiten optimal erschließen?

McAfee: Eines, das Innovationen, Unternehmensgründungen und Wirtschaftswachstum ermöglicht. Um so ein Umfeld zu schaffen, müssen wir uns auf fünf Bereiche konzentrieren:

Der erste ist die Bildung. Die Schulen der Primar- und der Sekundarstufe müssen relevante und wertvolle Fähigkeiten vermitteln, das heißt, Dinge, die Computer nicht gut können. Dazu gehören Kreativität, soziale Kompetenz und Problemlösung. Der zweite Bereich ist die Infrastruktur. Erstklassige Straßen, Flughäfen und Netzwerke sind Investitionen in die Zukunft und die Grundlage für Wachstum. Drittens brauchen wir mehr Unternehmertum. Junge Unternehmen, vor allem schnell wachsende, sind die beste Quelle für neue Arbeitsplätze. Aber in den meisten Branchen und Regionen gibt es heute weniger Gründungen als vor 30 Jahren. Der vierte Bereich ist die Einwanderung. Viele der talentiertesten Menschen kommen nach Amerika, um sich hier ein Leben und eine Karriere aufzubauen, und es gibt eindeutige Belege dafür, dass Unternehmen, die von Einwanderern gegründet wurden, starke Triebfedern für Beschäftigungswachstum waren. Die aktuelle Einwanderungspolitik ist viel zu restriktiv, und unsere Verwaltungsprozesse sind ein Bürokratiealbtraum. Der fünfte Bereich ist die Grundlagenforschung. Unternehmen konzentrieren sich in der Regel auf die Anwendung, deshalb muss der Staat die Grundlagenforschung fördern. Der Großteil unserer modernen technischen Errungenschaften, vom Internet bis hin zum Smartphone, hat irgendwo in seinem Stammbaum ein staatlich gefördertes Forschungsprogramm. Doch die Finanzierung von Grundlagenforschung in den USA ist rückläufig: Die staatlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung außerhalb des Verteidigungssektors sind sowohl absolut als auch gemessen am BIP seit 1980 um mehr als ein Drittel zurückgegangen. Das muss sich ändern.

Brynjolfsson: Wir wagen die optimistische Prognose, dass die digitalen Technologien der Welt mehr Wohlstand und Überfluss bringen und dass sie dazu beitragen, dass Quälerei und Schufterei abnehmen. Aber es gibt keine Garantie dafür, dass alle gleichermaßen profitieren, und deshalb haben viele Menschen zu Recht Angst. Das Ergebnis - entweder Wohlstand für alle oder wachsende Ungleichheit - wird nicht von den Technologien bestimmt, sondern von unseren Entscheidungen als Einzelpersonen, Unternehmen oder Gesellschaften. Wir sollten uns schämen, wenn wir uns die Zukunft verbauen und Volkswirtschaften und Gesellschaften entstehen lassen, in denen viele Menschen vom Wohlstandskreislauf ausgeschlossen sind.

Der technische Fortschritt ist eine enorme Kraft, aber er ist kein unausweichliches Schicksal. Wir steuern weder zwangsläufig auf eine Utopie zu, noch sind wir zu einer ungewollten Zukunft verdammt. Wir Menschen haben es in der Hand. Die Technologie ist nur unser Werkzeug.


Mit Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson sprachen Amy Bernstein und Anand Raman, Redakteure der Harvard Business Review.

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Kommentare
1
mayconsult 19.04.2016

Die Technologie ist nur unser Werkzeug, heisst es im Schlusssatz. Ein Werkzeug kann man nutzen und wieder weglegen. Ich glaube, die Implikationen reichen viel weiter. Wenn wir menschliche Roboter, KI und irgendwann den Punkt der Singularität erreichen, den Ray Kurzweil im Jahr 2045 sieht, dann kommt etwas ganz anderes. Dann verschmelzen unser Raum und unsere Zeit zur Techno-Raumzeit, die uns unsichtbar, aber immerwährend umfasst. Wir könnten uns dieser Technik gar nicht mehr entledigen, weil wir untrennbar mit diesen Technologien verbunden sind. Ich glaube auch nicht, dass wir diesen Prozess wirklich steuern können. Alles was machbar ist wird gemacht werden. Schon im Jahr 1909 schrieb E.M. Forster "The Machine Stops", in dem Skype und Facebook vorhergesagt wurden. Es gibt möglicherweise einen unsichtbaren technologischen Richtungspfeil. Diese Technologien sind die ultimative Kundenbindung, aber auch Herrschaftsinstrument. Solche Technologien sind nur von großen, mächtigen Attraktoren machbar. Allerdings sind die gesellschaftliche Entwicklungen nicht vorherzusagen. Den Attraktoren ist etwas wie Demokratie unbekannt und auch nicht wichtig. Es wird daher möglicherweise weniger spannend sein, wie sich die Technologien entwickeln, sondern eher unsere Gesellschaften. Blade Runner, Brazil, Idiocracy, 1984, Schöne neue Welt oder Terminator. Alle die in den genannten SF- und anderen Filmen geschilderten Pfade - und viel mehr- sind möglich. Sehr spannend.

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