Die große Abkopplung

Heft 9/2015
Gordon Bennett

4. Teil: Ein anderes Teil des Puzzles

HBM: Was würden Sie Volkswirten entgegnen, die bezweifeln, dass digitale Technologien die Produktivität steigern können?

Brynjolfsson: Untersuchungen von uns und anderen kamen zu dem Ergebnis, dass der Anstieg der Arbeitsproduktivität Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts von der IT getrieben war. Doch das währte nicht lange: Mitte der 2000er Jahre war das Wachstum der Arbeitsproduktivität bereits wieder auf das Niveau vor 1996 zurückgegangen, und seitdem ist es relativ niedrig geblieben. Natürlich spielt auch die Rezession 2008 eine Rolle, denn letztlich ist die Produktivität ja das BIP dividiert durch die Arbeitsstunden. Wenn also das BIP absackt, sinkt in der Regel auch die Produktivität.

Ein anderes Teil des Puzzles ist aber die Tatsache, dass viele Aspekte des digitalen Prozesses im BIP nicht erfasst werden. Wikipedia ist im Gegensatz zur alten Printversion der Encyclopædia Britannica kostenlos. Deshalb fließt Wikipedia nicht in die Berechnung des BIP ein, obwohl es weit mehr Menschen einen Mehrwert bietet als das klassische Nachschlagewerk. Und, noch wichtiger: Es ist eine zeitliche Verzögerung zu beobachten zwischen der Entwicklung neuer Technologien und dem Zeitpunkt, zu dem die Vorteile in den Statistiken ablesbar sind. Das heißt, die jüngsten technologischen Errungenschaften haben sich in den Produktivitätszahlen noch nicht vollständig niedergeschlagen.

Dieses Phänomen kennen wir aus der Geschichte. Von 1906 bis 1928 beispielsweise war die Arbeitsproduktivität in den USA niedrig, obwohl die Wirtschaft in dieser Zeit anfing, neue technische Entwicklungen wie elektrisch betriebene Maschinen und den Verbrennungsmotor einzusetzen. Die Produktivität stieg aber erst in den darauffolgenden Jahrzehnten, als die Unternehmen lernten, diese Technologien effizienter einzusetzen.

McAfee: Die jüngsten technischen Errungenschaften haben ihr Potenzial noch gar nicht entfaltet. Produkte wie das iPhone sind erst acht Jahre alt, vor fünf Jahren gab es in den USA die ersten selbst fahrenden Autos, und erst vor Kurzem haben Systeme mit künstlicher Intelligenz bewiesen, dass sie auch ohne feste Regeln ihrer Programmierer Aufgaben wie das Kategorisieren von Bildern oder Videospiele bewältigen können. Das Baylor College of Medicine gab erst 2014 bekannt, dass es mit der Watson-Technologie von IBM Hypothesen über Proteine und das Wachstum von Krebszellen aufgestellt hatte und sich viele dieser Hypothesen als korrekt erwiesen.

All das sind große Fortschritte, aber sie werden sich nicht isoliert verbreiten, sondern immer wieder neu miteinander und mit seit Längerem bestehender Technologie verbunden. Wenn das geschieht, steigt auch die Produktivität wieder. Wir beide sind zuversichtlich, dass die digitalen Technologien sogar noch mehr Wohlstand schaffen werden, als es die Motoren im Zeitalter der industriellen Revolution getan haben.

Brynjolfsson: Man könnte das zweite Maschinenzeitalter in Phasen unterteilen. In Phase 2a bringen wir Menschen den Maschinen Schritt für Schritt bei, was wir wissen. So funktioniert traditionelle Softwareprogrammierung. In Phase 2b lernen die Maschinen selbstständig und entwickeln Wissen und Fähigkeiten, die wir nicht mehr erklären können. Maschinelle Lernprozesse zeigen bereits erste Erfolge in den unterschiedlichsten Bereichen, vom Sprachverstehen über die Erkennung von Betrug bis hin zum Spielen von Videospielen.

HBM: Wird es eine dritte Phase geben?

Brynjolfsson: Vielleicht. Sie könnte darin bestehen, dass Maschinen Emotionen und zwischenmenschliche Reaktionen verstehen, ein Bereich in dem wir Menschen den Maschinen immer noch überlegen sind. Obwohl: Im MIT-Media-Lab entstehen bereits Roboter, die Gefühle erkennen und in manchen Fällen Gesichtsausdrücke besser analysieren, als Sie und ich es je könnten.

Die Mittelschicht verschwindet: Der Anteil der Privathaushalte mit Personen im erwerbsfähigen Alter, die ein mittleres Einkommen beziehen, ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Haushalte mit Personen zwischen 25 und 64 Jahren, die im Median der Einkommensverteilung angesiedelt sind (Anteil in Prozent). Hinweis: Das Einkommen umfasst sowohl das Erwerbs- als auch das Vermögenseinkommen. Quelle: Die Analyse basiert auf Datenauszügen einer Bevölkerungsumfrage des Center for Economic Policy Research 2014. Der Chart wurde ursprünglich in "As Income Inequality Rises, America's Middle Class Shrinks" von Keith Miller und David Madland vom Center for American Progress veröffentlicht, 18. Dezember 2014 (www.americanprogress.org).

HBM: Gibt es überhaupt noch Arbeitsplätze für Menschen, wenn das zweite Maschinenzeitalter weiter voranschreitet?

McAfee: Ja, weil Menschen in drei Bereichen immer noch weit überlegen sind. Der erste ist Kreativität im Spitzenbereich, die erstklassige neue Geschäftsideen hervorbringt, revolutionäre wissenschaftliche Erkenntnisse, spannende Romane und so weiter. Die Technologie wird die Fähigkeiten der Menschen, die sich auf diese Dinge spezialisiert haben, nur erweitern. Die zweite Kategorie sind Emotionen, zwischenmenschliche Beziehungen, Pflege, Erziehung, Coaching, Motivation, Führung und so weiter. Über Millionen von Jahren der Evolution haben wir gelernt, die Körpersprache ...

Brynjolfsson: ... und Signale unserer Mitmenschen zu deuten und Sätze anderer zu Ende zu bringen. Hier hinken Maschinen hinterher. Der dritte Bereich ist Geschicklichkeit und Mobilität. Es ist unglaublich schwer, einen Roboter dazu zu bringen, durch ein volles Restaurant zu gehen, Speisen zu servieren oder Geschirr zurück in die Küche zu bringen und es in die Spüle zu stellen, ohne es zu zerbrechen - und all das natürlich, ohne die Gäste zu verschrecken. Sensorik und das Handhaben von Dingen sind für Roboter schwierig. Unantastbar ist allerdings keiner dieser Bereiche. In allen machen die Maschinen bereits Fortschritte.

McAfee: Die Mittelschicht wird weiter schrumpfen, Wachstum werden wir ganz unten und ganz oben erleben. Brillante Manager, Unternehmer, Investoren und Schriftsteller profitieren. Yo-Yo Ma wird wohl kaum demnächst durch einen Roboter ersetzt werden, aber die Nummer 100 unter den Cellisten dieser Welt würde ich zumindest aus finanzieller Sicht nicht sein wollen.

Artikel
Kommentare
1
mayconsult 19.04.2016

Die Technologie ist nur unser Werkzeug, heisst es im Schlusssatz. Ein Werkzeug kann man nutzen und wieder weglegen. Ich glaube, die Implikationen reichen viel weiter. Wenn wir menschliche Roboter, KI und irgendwann den Punkt der Singularität erreichen, den Ray Kurzweil im Jahr 2045 sieht, dann kommt etwas ganz anderes. Dann verschmelzen unser Raum und unsere Zeit zur Techno-Raumzeit, die uns unsichtbar, aber immerwährend umfasst. Wir könnten uns dieser Technik gar nicht mehr entledigen, weil wir untrennbar mit diesen Technologien verbunden sind. Ich glaube auch nicht, dass wir diesen Prozess wirklich steuern können. Alles was machbar ist wird gemacht werden. Schon im Jahr 1909 schrieb E.M. Forster "The Machine Stops", in dem Skype und Facebook vorhergesagt wurden. Es gibt möglicherweise einen unsichtbaren technologischen Richtungspfeil. Diese Technologien sind die ultimative Kundenbindung, aber auch Herrschaftsinstrument. Solche Technologien sind nur von großen, mächtigen Attraktoren machbar. Allerdings sind die gesellschaftliche Entwicklungen nicht vorherzusagen. Den Attraktoren ist etwas wie Demokratie unbekannt und auch nicht wichtig. Es wird daher möglicherweise weniger spannend sein, wie sich die Technologien entwickeln, sondern eher unsere Gesellschaften. Blade Runner, Brazil, Idiocracy, 1984, Schöne neue Welt oder Terminator. Alle die in den genannten SF- und anderen Filmen geschilderten Pfade - und viel mehr- sind möglich. Sehr spannend.

Diskussionsregeln

Wir freuen uns über lebendige, konstruktive und inspirierende Diskussionen auf HBM Online. Um die Qualität der Debattenbeiträge sicherzustellen, werden unsere Moderatoren jeden Beitrag prüfen. Eine Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Beiträge mit vorwiegend werblichem, strafbarem, beleidigendem oder anderweitig inakzeptablem Inhalt werden von unseren Moderatoren gelöscht.

© Harvard Business Manager 9/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
Nach oben