Die große Abkopplung

Heft 9/2015
Gordon Bennett

3. Teil: "Skill-biased change"

HBM: Es verschwinden aber doch nicht alle Arbeitsplätze. Warum trifft es manche härter als andere?

McAfee: Software für Gehaltsabrechnungen und Lagerverwaltung, automatisierte Fabriken, computergesteuerte Maschinenparks und Planungstools kosteten Stellen in der Fertigung, bei Bürotätigkeiten und in der einfachen Datenverarbeitung. Big Data, leistungsfähige Datenanalysen und Hochgeschwindigkeitskommunikation haben hingegen die Leistung und damit den Wert von Fachleuten in technischen und kreativen Bereichen gesteigert. Unter dem Strich ist die Nachfrage nach gering qualifizierten Informationsarbeitern gesunken und die nach hoch qualifizierten Kräften gestiegen.

Brynjolfsson: Diesen Trend haben Volkswirte in Dutzenden von Studien dokumentiert, etwa David Autor, Lawrence Kath, Alan Krueger, Frank Levy, Richard Murnane und Daran Acemoglu. Und auch Publikationen, die ich mit Tim Bresnahan, Lorin Hitt und anderen verfasst habe, bestätigen dies. Volkswirte sprechen von einem "skill-biased change". Darunter ist ein Wandel zu verstehen, der Arbeitnehmer mit besserer Bildung, Schulung oder mehr Erfahrung begünstigt. Autor und Acemoglu verdeutlichen in einer Arbeit die Auswirkungen dieser Entwicklung. Bis 1973 hatten alle amerikanischen Arbeitnehmer von erheblichen Lohn- und Gehaltssteigerungen profitiert - die zunehmende Produktivität erhöhte jedermanns Einkommen, ungeachtet des Bildungsniveaus. 1973 kehrten die Ölkrise und die Rezession diesen Trend für alle um. Erst danach öffnete sich die Schere. Anfang der 80er Jahre stiegen die Gehälter von Hochschulabsolventen wieder an. Doch der Arbeitsmarkt für die meisten Kandidaten ohne Hochschulabschluss war sehr viel weniger attraktiv. Hier stagnierten die Löhne und Gehälter, bei Menschen ohne Highschoolabschluss fielen sie sogar. Es ist vielleicht kein Zufall, dass Anfang der 80er Jahre die PC-Revolution begann.

Die Entwicklung wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass sich die Zahl der Universitätsstudenten zwischen 1960 und 1980 von rund 750000 auf über 1,5 Millionen mehr als verdoppelte. Die Absolventenflut hätte eigentlich die Gehälter drücken müssen, aber das war nicht der Fall. Das Zusammentreffen von höheren Gehältern und einem wachsenden Angebot deutet darauf hin, dass die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften schneller stieg als das Angebot. Gleichzeitig gab es zwar immer weniger Menschen ohne Highschoolabschluss, aber die Zahl der Stellen für solche Arbeitskräfte ging noch schneller zurück. Die fehlende Nachfrage nach ungelernten Arbeitern ließ deren Löhne weiter fallen und vergrößerte damit das Einkommensgefälle.

McAfee: Unterdessen entwickelte sich die Technologie immer weiter. Autor und Dorn kommen in einer weiteren Untersuchung zu dem Schluss, dass zwischen 1980 und 2005 die Computerisierung das Stellen- und Gehaltsgefüge maßgeblich veränderte. Die Studie zeigt, dass in den Tätigkeitsbereichen, die leicht von Computern übernommen werden konnten, vor allem Angehörige der Mittelschicht anzutreffen waren. Die Aushöhlung der Mittelschicht ist einer der Hauptgründe für den Rückgang des Durchschnittseinkommens. Das zweite Maschinenzeitalter entwickelt sich anders als das erste, denn es setzt zwar den langjährigen Trend zu materiellem Überfluss fort, nicht aber den der wachsenden Nachfrage nach Arbeitskräften.

HBM: Bringen digitale Technologien Volkswirtschaften hervor, in denen einige wenige alles haben und der Rest leer ausgeht?

Brynjolfsson: Dank digitaler Technologien sind Kopien praktisch zum Nulltarif zu haben. Jede Kopie ist ein perfektes Abbild des Originals und lässt sich praktisch sofort an nahezu jeden Ort auf der Erde übertragen. Anders als bei den analogen Gütern des ersten Maschinenzeitalters sind dies typische Eigenschaften digitaler Güter, und das führt zu ungewöhnlichen Ergebnissen, zum Beispiel zu Märkten, in denen die Gewinner vielleicht nicht alles, aber doch das meiste abschöpfen.

In vielen Branchen werden die wachsenden Einkommensunterschiede zwischen Menschen mit und ohne Hochschulbildung von noch größeren Veränderungen in den höchsten Einkommensgruppen überschattet. Von 2002 bis 2007 schöpfte in den Vereinigten Staaten das oberste Prozent zwei Drittel des Gewinns aus dem Wirtschaftswachstum ab. Wer fällt in diese Gruppe? Nicht alle von ihnen sind an der Wall Street. Steve Kaplan von der University of Chicago hat herausgefunden, dass auch Unternehmer, Topmanager und die Prominenz aus Medien, Unterhaltung, Sport und Rechtswissenschaften dazugehören. Diese Stars blicken wiederum zu den Superstars auf, deren Wohlstand sogar noch stärker gestiegen ist. Während auf das oberste Prozent rund 19 Prozent des gesamten Einkommens in den USA entfielen, konnten die obersten 0,01 Prozent ihren Anteil am nationalen Gesamteinkommen zwischen 1995 und 2007 sogar von 3 auf 6 Prozent verdoppeln. Für die noch höheren Einkommensgruppen gibt es kaum zuverlässige Daten, aber einiges deutet darauf hin, dass es noch extremer wird: Aus jeder Untergruppe der Superstars zieht eine kleinere Gruppe davon, die noch mehr verdient.

Bei dieser Entwicklung spielen wohl mehrere Faktoren eine Rolle. Dazu gehört das Entstehen riesiger Konzerne, die ihren Topmanagern entsprechend hohe Gehälter zahlen, dazu zählen aber auch Steuersenkungen in den USA und anderen Ländern, die dafür gesorgt haben, dass Menschen mit mehr Einkommen auch mehr davon behalten können. Außerdem hat der Technologiesektor viele wohlhabende Unternehmer und Investoren hervorgebracht. Meine Untersuchungen mit Heekyung Kim haben ergeben, dass Unternehmen, die intensiver auf IT setzen, ihre CEOs besser bezahlen, vielleicht weil die Technologie die Auswirkungen der Managemententscheidungen vergrößert. Der Trend hin zu einem technologischen Wandel, der nicht nur Kompetenz, sondern vor allem einige wenige Superstars begünstigt, scheint jedenfalls zuzunehmen.

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Kommentare
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mayconsult 19.04.2016

Die Technologie ist nur unser Werkzeug, heisst es im Schlusssatz. Ein Werkzeug kann man nutzen und wieder weglegen. Ich glaube, die Implikationen reichen viel weiter. Wenn wir menschliche Roboter, KI und irgendwann den Punkt der Singularität erreichen, den Ray Kurzweil im Jahr 2045 sieht, dann kommt etwas ganz anderes. Dann verschmelzen unser Raum und unsere Zeit zur Techno-Raumzeit, die uns unsichtbar, aber immerwährend umfasst. Wir könnten uns dieser Technik gar nicht mehr entledigen, weil wir untrennbar mit diesen Technologien verbunden sind. Ich glaube auch nicht, dass wir diesen Prozess wirklich steuern können. Alles was machbar ist wird gemacht werden. Schon im Jahr 1909 schrieb E.M. Forster "The Machine Stops", in dem Skype und Facebook vorhergesagt wurden. Es gibt möglicherweise einen unsichtbaren technologischen Richtungspfeil. Diese Technologien sind die ultimative Kundenbindung, aber auch Herrschaftsinstrument. Solche Technologien sind nur von großen, mächtigen Attraktoren machbar. Allerdings sind die gesellschaftliche Entwicklungen nicht vorherzusagen. Den Attraktoren ist etwas wie Demokratie unbekannt und auch nicht wichtig. Es wird daher möglicherweise weniger spannend sein, wie sich die Technologien entwickeln, sondern eher unsere Gesellschaften. Blade Runner, Brazil, Idiocracy, 1984, Schöne neue Welt oder Terminator. Alle die in den genannten SF- und anderen Filmen geschilderten Pfade - und viel mehr- sind möglich. Sehr spannend.

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