Die große Abkopplung

Heft 9/2015
Gordon Bennett

2. Teil: Eine verblüffende Entwicklung

HBM: Die Wirtschaftsdaten zeigen steigende Produktivität, aber gleichzeitig stagniert oder sinkt das Einkommen vieler Amerikaner. Wie erklären Sie sich das?

Brynjolfsson: Werfen wir einen Blick auf die vier zentralen Kennziffern für den Zustand einer Volkswirtschaft: Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Arbeitsproduktivität, Zahl der Arbeitsplätze und Durchschnittseinkommen der privaten Haushalte. Wir haben uns diese Zahlen für die USA angesehen und sind auf eine verblüffende Entwicklung gestoßen: Nach dem Zweiten Weltkrieg stiegen alle vier Kennzahlen mehr als vier Jahrzehnte lang stetig und nahezu synchron. Beschäftigung und Löhne wuchsen also genauso stark wie Wirtschaftsleistung und Produktivität. Amerikanische Arbeitnehmer schufen nicht nur mehr Wohlstand, sondern waren auch proportional daran beteiligt.

In den 80er Jahren geriet das Wachstum des durchschnittlichen Haushaltseinkommens ins Stottern. In den vergangenen 15 Jahren war es sogar negativ. Inflationsbereinigt verdient ein amerikanischer Privathaushalt in der Mitte der Einkommensverteilungskurve heute weniger als 1998 - selbst unter Berücksichtigung von Veränderungen der Haushaltsgröße. Auch das Beschäftigungswachstum in der Privatwirtschaft hat nachgelassen, und das nicht erst seit der Rezession 2008. Nach der Jahrtausendwende war die Stellenzunahme trotz Wirtschaftswachstum ziemlich mau.

Dieses Phänomen bezeichnen wir als die große Abkopplung. Die beiden Hälften des Wohlstandskreislaufs hängen nicht mehr zusammen: Der gesamtwirtschaftliche Reichtum im Sinne von Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Produktivität setzt den Aufwärtstrend fort, während es mit dem Einkommen und den Karriereaussichten für die typischen Arbeitnehmer bergab geht. So etwas haben wir noch nie erlebt. Obwohl der Einsatz von Maschinen stetig zugenommen hat und die Bevölkerung seit nahezu 200 Jahren rapide wächst, ist der Wert der menschlichen Arbeit gestiegen. Dies schlug sich auch in einem stetigen Anstieg der Löhne und Gehälter von durchschnittlichen Arbeitnehmern nieder, und so ist die Auffassung entstanden, dass der technische Fortschritt allen zugutekommt. Doch diese Art von Erfolg stellt sich nicht automatisch ein. Es kommt ganz darauf an, wie die Technologie beschaffen ist und wie sich Menschen, Unternehmen und Politik anpassen. Wir stehen vor einer riesigen Herausforderung.

HBM: Vollzieht sich die Abkopplung nur in den USA?

Brynjolfsson: Nein. In den meisten Industrieländern sind ähnliche Trends zu beobachten. Die Einkommensunterschiede wurden in den vergangenen 30 Jahren zum Beispiel auch in Schweden, Finnland und Deutschland größer, wenn auch nicht im gleichen Maße wie in den USA. Dass die Mittelschicht in immer mehr Ländern schrumpft, zeigt: Die Abkopplung hat nicht nur mit Änderungen des Gesellschaftsvertrags zu tun. Deutsche, Schweden und US-Amerikaner haben unterschiedliche Vorstellungen von Kapitalismus, dem Umgang mit Menschen und so weiter. Damit wollen wir nicht sagen, dass gesellschaftliche oder soziale Entscheidungen nichts bewirken, und wir sagen auch nicht, dass die Globalisierung keine Auswirkungen hat. Aber es scheint eine Kraft zu geben, die in all diesen Ländern wirkt, und diese Kraft ist unserer Meinung nach die Technologie.

McAfee: Ein Maßstab für die Zukunftsaussichten der Arbeitnehmer ist der Anteil der Löhne und Gehälter am BIP. In Amerika blieb dieser Anteil über viele Jahrzehnte konstant, aber seit 2000 ist er drastisch gesunken. Gleichzeitig stiegen die Unternehmensgewinne vor der Finanz- und Wirtschaftskrise stark an und erholten sich im Anschluss daran schnell wieder. Heute sind sie auf dem höchsten Niveau seit dem Zweiten Weltkrieg.

Auch in den Schwellenländern trüben sich die Aussichten der Arbeitnehmer ein. Loukas Karabarbounis und Brent Neiman haben in einer aktuellen Untersuchung herausgefunden, dass der Anteil der Löhne und Gehälter am BIP in 42 von 59 Ländern gesunken ist, unter anderem in China, Mexiko und Indien. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass die Unternehmen weniger in Arbeit und mehr in Produktionskapital investieren, weil die Informationstechnologie Anlagen, Maschinen und Betriebsmittel billiger macht.

Brynjolfsson: In den vergangenen 30 Jahren ist die Beschäftigung im amerikanischen Fertigungssektor zurückgegangen, weil US-Unternehmen ihre Produktion aus Kostengründen ins Ausland verlagert haben. Unser MIT-Kollege David Autor und seine Forschungspartner David Dorn und Gordon Hanson schätzen, dass der Wettbewerb aus China für ungefähr ein Viertel des Rückgangs der Industriearbeitsplätze in den USA verantwortlich ist. Aber sowohl amerikanische als auch chinesische Arbeitnehmer werden durch Automatisierung effizienter.

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Kommentare
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mayconsult 19.04.2016

Die Technologie ist nur unser Werkzeug, heisst es im Schlusssatz. Ein Werkzeug kann man nutzen und wieder weglegen. Ich glaube, die Implikationen reichen viel weiter. Wenn wir menschliche Roboter, KI und irgendwann den Punkt der Singularität erreichen, den Ray Kurzweil im Jahr 2045 sieht, dann kommt etwas ganz anderes. Dann verschmelzen unser Raum und unsere Zeit zur Techno-Raumzeit, die uns unsichtbar, aber immerwährend umfasst. Wir könnten uns dieser Technik gar nicht mehr entledigen, weil wir untrennbar mit diesen Technologien verbunden sind. Ich glaube auch nicht, dass wir diesen Prozess wirklich steuern können. Alles was machbar ist wird gemacht werden. Schon im Jahr 1909 schrieb E.M. Forster "The Machine Stops", in dem Skype und Facebook vorhergesagt wurden. Es gibt möglicherweise einen unsichtbaren technologischen Richtungspfeil. Diese Technologien sind die ultimative Kundenbindung, aber auch Herrschaftsinstrument. Solche Technologien sind nur von großen, mächtigen Attraktoren machbar. Allerdings sind die gesellschaftliche Entwicklungen nicht vorherzusagen. Den Attraktoren ist etwas wie Demokratie unbekannt und auch nicht wichtig. Es wird daher möglicherweise weniger spannend sein, wie sich die Technologien entwickeln, sondern eher unsere Gesellschaften. Blade Runner, Brazil, Idiocracy, 1984, Schöne neue Welt oder Terminator. Alle die in den genannten SF- und anderen Filmen geschilderten Pfade - und viel mehr- sind möglich. Sehr spannend.

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