"Es geht nur um den Menschen"

Selbstmanagement:

Von Manfred Jaumann
22. Dezember 2015
Corbis

"Das Leben besteht aus großen Momenten - und die beiden größten sind die Geburt und der Tod. Mit drei Kindern bin ich reich beschenkt worden, aber mit dem Tod hatte ich bisher noch nicht so viel Berührungen gehabt. Sterben und Tod sind für die meisten Menschen angstbesetzte Themen, Tabus. Auf mich trifft das nicht zu, ich wollte mehr wissen. Als unser Personalleiter bei Airbus Defense & Space mich ansprach, ob ich beim Programm Seitenwechsel der Patriotischen Gesellschaft von 1765 mitmachen wollte, sagte ich sofort zu. Das Programm vermittelt Manager für ein einwöchiges Praktikum an soziale Einrichtungen, damit sie mehr soziale Kompetenzen in den Berufsalltag einbringen. Ich wollte Menschen in der letzten Phase ihres Lebens kennenlernen und wissen, wie sie betreut werden. Ich begann ein Vierteljahr nach der ersten Kontaktaufnahme mein Praktikum auf der Palliativstation des Klinikums Links der Weser in Bremen.

Ich weiß noch genau, wie ich vor fünf Jahren morgens dort hingefahren bin. Ich hatte zuvor alles Managerzubehör abgeben müssen - Dienstwagen, Handy, Anzug. Ich fuhr mit der Straßenbahn und dem Bus zu meinem Praktikumsort, wo ich um sechs Uhr meinen Dienst antrat. Allein das war mehr als ungewohnt.

An meinem ersten Vormittag kam ich sogleich in Kontakt mit einer kurz zuvor eingelieferten Frau. Als eine Schwester mich zu ihr ins Zimmer mitnahm, wurde ich mit einer Szene konfrontiert, die ziemlich heftig für mich war. Die Frau war mit der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs aufgenommen worden und stand selbst noch schwer unter Schock. Sie lag im Bett und weinte bitterlich. Am Bett saß ihr Mann, wie erstarrt; er schien nicht einmal zu atmen. Um die beiden herum saßen mehrere Leute - Mitarbeiter vom Sozialdienst, Krankenschwestern, Ärzte, ein Seelsorger. Es ging um die nun einzuleitenden medizinischen Maßnahmen, aber auch um administrative und rechtliche Dinge wie etwa die Patientenverfügung. Ich fand es sehr interessant; so intensiv die Situation auch war.

Als wir rausgingen, nahm mich einer der Ärzte zur Seite und sagte: "Kümmere dich mal bitte um den Mann, der kommt wie du aus der Industrie. Wir erreichen ihn nicht." Ich bin zu ihm hingegangen, habe kurz mit ihm gesprochen, und dann ist er mir weinend um den Hals gefallen. Das war auch für mich eine sehr emotionale und intensive Erfahrung.

Den Rest der Woche ging es ähnlich weiter, doch ich konnte mich schnell eingewöhnen. Die Pfleger und Schwestern haben mich vollständig eingebunden; ich half beim Waschen der Patienten, schnippelte Obst und führte viele Gespräche. Ich wurde aber auch mit dem Tod konfrontiert - ich hatte keine Vorstellung, wie schnell das geht. Eine Palliativstation ist kein Hospiz, manche Patienten sind nur wenige Tage da. Solche Stationen nehmen Menschen auf, die an einer weit fortgeschrittenen unheilbaren Erkrankung leiden und ihr Leben nicht mehr allein regeln können. Hier geht es um Schmerzeinstellungen, Patientenverfügungen, Seelsorge für Gläubige und das Seelenheil aller Menschen, damit sich die Situation beruhigt. Und das geschieht sehr schnell, es ist alles sehr professionell. Die Arbeit des ganzen Stationsteams hat mich schwer beeindruckt. Mit welcher Intensität sich um die Menschen und ihre Angehörigen gekümmert wird, hat mich erstaunt, weil es in meinem Arbeitsalltag anders ist - viel sachbezogener und schneller.

Mein zweites einschneidendes Erlebnis war der "Große Hospizkurs" bei einem ambulanten Hospizverein in Bremen, für den ich mich kurz nach meinem Praktikum angemeldet hatte. Ich wollte mich unbedingt weiter engagieren. Nach einem Vierteljahr intensiver Wochenendseminare erhält man das Zertifikat, das einen berechtigt, Sterbende zu begleiten. Auch in dieser Gruppe war ich der Exot - der einzige Manager aus der Industrie inmitten von Psychotherapeuten, Pflegekräften und betroffenen Privatpersonen. Nach anfänglicher Skepsis wurde ich aber schnell integriert. Neben der Wissensvermittlung ist dieser Kurs vor allem eine Reflexion des eigenen Lebens - und zwar von Geburt an. Man lernt, eigene Verlustsituationen zu verarbeiten und aufzuarbeiten. Man erfährt, welche Gefühle und Gedanken Sterbende haben und wie sie kommunizieren. Wir haben das in sogenannten Lebe-Sterbe-Mediationen selbst erlebt - danach war ich wirklich fertig. Aber es hat mich verändert und mein Leben bereichert. Heute weiß ich, dass Liebe das einzige Thema ist, was am Ende des Lebens zählt.

Nach meinem Abschluss als ehrenamtlicher Sterbebegleiter 2013 habe ich einige Menschen in ihrem Prozess begleitet. Ich schenke ihnen vor allem Zeit und meine Präsenz. Ich bin für sie und ihre Angehörigen ein wichtiger Ansprechpartner für alle möglichen Themen. Ich kann niemandem die Angst vor dem Tod nehmen, aber ich kann durch ein Gespräch eine Form von Entlastung, Entspannung und Vertrauen schaffen.

Die Dinge relativieren

Ich schenke ihnen immer einen kleinen Handschmeichler, einen Engel aus Bronze. Das gibt Halt. Einige sind mit diesem Engel in der Hand auch gestorben. Manche haben zu mir gesagt: "Manfred, du bist mein Engel." Das ist ein sehr intensives und hochemotionales Erlebnis. Mich selbst erden solche Erfahrungen, sie relativieren meinen Alltag und sind zugleich eine starke Bereicherung meines Lebens. Man bekommt das Zehnfache von dem zurück, was man gibt.

Es geht immer nur um den Menschen. Diese Erkenntnis hat mich auch in meinem Job stark beeinflusst. Ich wertschätze die Menschen mehr, ich gehe mehr auf meine Mitarbeiter ein als früher. Natürlich sind wir ein Betrieb und müssen Leistung bringen und Ergebnisse liefern. Aber gut zu führen heißt auch - frei nach Rupert Lay - gewinnen, ohne siegen zu müssen. Besser, man gewinnt die Menschen für sich und die gemeinsam zu erreichenden Ziele, damit sie das, was man von ihnen fordert, nicht tun müssen, sondern wollen. Ich bin schon früher dafür eingetreten, nur achte ich jetzt sehr viel mehr darauf. Ich hole die unterschiedlichen Menschen ab und nehme sie so, wie sie sind.

Die Arbeit mit Sterbenden hat mich mehr in die Bewusstheit geführt. Sei bei dem, was du gerade tust, mach es ordentlich oder lass es, lautet meine Devise. Vor wichtigen Besprechungen habe ich mir angewöhnt, mich vor Betreten des Raumes zu sammeln und die kommende Situation noch einmal zu reflektieren. Ich bin sehr viel stressresistenter geworden, weil ich die Dinge mit mehr Ruhe angehe. Vieles relativiert sich, es geht hier nicht um die ganz großen Dinge des Lebens, es ist nur Arbeit. Jemand, der nur seinen Bereich kennt, neigt dazu, die Dinge zu wichtig zu nehmen, und gerät schnell in Stress. Man muss auch mal fünfe gerade sein lassen.

Meine Managerkollegen finden es gut, dass ich Sterbende begleite. Es ist ein Mix aus Bewunderung und Hochachtung, mit dem sie mir begegnen, aber die meisten wollen nicht darüber reden. Es ist eben ein Tabuthema. Doch ich konnte beobachten, dass sich unser Verhältnis untereinander grundlegend verändert hat, wir gehen respektvoller miteinander um, und es wird sofort menschlicher. Einige Kollegen sind meinem Beispiel gefolgt und haben einen Seitenwechsel vollzogen. Ich hoffe sehr, dass es noch mehr werden - solche Erfahrungen prägen nachhaltig."

Diese Reise zu sich selbst begann mit dem Programm "Seitenwechsel" der Patriotischen Gesellschaft von 1765.


Lesen Sie in unserem Januar-Heft weitere vier sehr persönliche Erfahrungsberichte von Menschen, die sich bewusst für eine Pause entschieden haben, um für einen Moment innezuhalten, Fragen nachzugehen, ihren Weg zu überprüfen und sich auf neue Erfahrungen einzulassen.


Die neuen Verführer


Auch im Zeitalter von Customer-Journey-Management und Big-Data-Analysen kommt es vor allem auf Emotionen an


Zum Autor
  • Manfred Jaumann: Bereichsleiter, Luft- und Raumfahrtindustrie, 55 Jahre, begleitet Sterbende

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Kommentare
1
Dr. Sibylle Breiner 14.01.2016

Der Bericht von Manfred Jaumann hat mich sehr berührt. Ich finde sein soziales Engagement sehr, sehr mutig und bewundernswert. „Heute weiß ich, dass Liebe das einzige Thema ist, was am Ende des Lebens zählt“ und „Es geht immer nur um den Menschen“. Das sind Erkenntnisse, die alle von uns zum Nachdenken anregen sollten. Unsere Zeit auf dieser Erde ist begrenzt. Das gilt für jeden und jede von uns - unabhängig von allen anderen Merkmalen, Fähigkeiten und Erfolgen. Irgendwann ist hier unten für uns Schluss. Keiner weiss wann und wie viel Zeit ihm wirklich zur Verfügung steht. Vielleicht ist diese Unsicherheit mit ein Grund, warum wir diese Tatsache gerne verdrängen und uns so verhalten, als hätten wir unendlich viel Zeit zur Verfügung. Haben wir aber nicht! Folglich wäre es doch eigentlich höchst rational und wohl auch emotional sehr befriedigend, wenn wir diese knappe Zeit mit den Aktivitäten und Verhaltensweisen ausfüllen, die uns wirklich am Herzen liegen, zufrieden und glücklich machen und die am Ende wirklich zählen. Anstatt den Tod zum Tabuthema zu machen, könnten wir unserer begrenzten Zeit ins Auge blicken und daraus eine mentale Übung machen und „vom Ende her denken“ wie schon Steve Covey in seinem in den 1980er-Jahren erschienen Beststeller vorgeschlagen hat. Ich glaube, dann würde Welt ein besserer Ort werden....

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