Warum der Maschinenbau hinterherhinkt

Innovation:

Von Werner Bick
16. August 2013

Maschinenbau: Einsparungen in Millionenhöhe
AP

Maschinenbau: Einsparungen in Millionenhöhe

Maschinenparks mit eigenem Facebook-Profil, via Wlan kommunizierende, energiesparende Fließbandroboter, Werkstücke, die Updates zum eigenen Fertigungsstatus mitteilen. Und Menschen, die dieses "Internet der Dinge" mit Tablets fernsteuern. Schöne neue Arbeitswelt - aber sieht so wirklich die Zukunft der industriellen Produktion aus?

Einige dieser Visionen werden tatsächlich schon bald Realität sein: Produktionsstandorte entwickeln sich immer weiter in Richtung einer flexiblen und intelligenten Automatisierung, die technische Innovationen optimal nutzt. Nur: eine Revolution ist das nicht, sondern eher der nächste konsequente Evolutionsschritt der modernen Industrialisierung.

Voraussetzung für diese Entwicklung ist die Organisationsstrategie der Unternehmen: Wie gut sind die Kernbranchen der deutschen Industrie aufgestellt, was die Vernetzung von Forschung und Entwicklung (F&E), Produktion und Supply Chain Management angeht? Ist ein mechatronischer Ansatz, also die frühzeitige Integration von Elektrotechnik und Informatik über die genannten Bereiche hinweg, schon in allen Branchen selbstverständlich?

Tatsache ist: Das mechatronische Denken ist in Deutschland noch unterschiedlich stark ausgeprägt - diplomatisch formuliert. Die Automobilindustrie ist ein gutes Beispiel. Sie beherrscht diese Integration bereits nahezu perfekt und lässt Designer, Elektroingenieure und Softwareentwickler schon seit Jahren simultan mit Produktionsverantwortlichen zusammenarbeiten.

Andere Branchen hinken hinterher: Völlig anders sieht es zum Beispiel bei vielen Maschinen- und Anlagenbauern aus. Dort laufen die Prozesse vielfach noch auf die traditionelle, sequenzielle Weise, wenn Ingenieure eine Maschine oder Komponente entwickeln und ihre Ideen erst im zweiten Schritt an Elektroniker und Software-Ingenieure weitergeben. Mechatronische Ansätze kommen in diesen Unternehmen einer Palastrevolution gleich.

Das ist gefährlich: Auf diese Weise setzen die Unternehmen ihre starke Stellung als Innovationstreiber im internationalen Wettbewerb aufs Spiel. Die Zeit drängt. Längst genügt ein Know-how-Vorsprung nicht mehr, sowohl auf der Produkt- als auch auf der Organisationsebene.

Laut der 2012 erschienenen Studie "IT und Automation in den Produkten des Maschinenbau bis 2015" des Branchenverbands VDMA geht jedes zweite der 200 befragten Unternehmen davon aus, dass Software, Elektrotechnik & Co. bis 2015 für die Produktentwicklung des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus unverzichtbar sein werden. Der Studie zufolge beeinflusst dieser Produktwandel zudem die künftige Zusammensetzung der Entwicklungsabteilungen: bis 2015 soll durchschnittlich ein Viertel der Entwickler für IT und Automatisierungstechnik zuständig sein.

Diese Prognosen sprechen also dafür, dass bereits ein Umdenken in den Unternehmen stattfindet. Aber diese Einschätzungen sind noch viel zu zaghaft. Der Handlungsbedarf ist viel größer, schon durch den Kostendruck des Marktes.

Seite
1
2
Artikel
Kommentare
1
Ulrich Reichel 16.08.2013

Viele Maschinenbauer leben eine lange Tradition, ausgehend von einem Verkäufermarkt. Die Entscheidung, eine gewisse Zeit so weiter zu machen ist leichter, als sich neu zu positionieren. Die modernen Möglichkeiten der Produktgestaltung erlauben es in einem ungeheuren Maß auf den Verbraucher und den durch ihn definierten Wunsch einzugehen. Dazu muss man sich zuerst fragen, was dem Kunden nutzt. Häufig erfährt der Kunde nicht den Stahlbau oder die Antriebe einer Maschine, sondern die Benutzeroberfläche. Das Eisen muss halten und die Elektrik dazu passen. Richtig begeistern lassen sich Kunden, wenn die Bedienung leicht fällt und die einzelnen Maschinen den Eindruck wecken, man hat im System gedacht und alles passt zusammen. Letztlich sind häufig die hohen Anlaufkosten mit der langen Anlaufzeit für eine funktionierende Software-Abteilung der häufigste Grund, warum viele Maschinenbauer diesen Schritt nicht wagen. Oft fallen Aussagen wie "für diese Entwicklungskosten können wir noch soundsoviele Maschinen bauen". Dazu kommt der von der Belegschaft vermittelte Eindruck schon mit den ersten Schritten in die Richtung überfordert zu sein. CAD-CAM-Kopplung, elektro-mechanische Stücklisten und Rapid Prototyping gehört nur in den wenigsten Firmen zu den Standardwerkzeugen. Selbst die Räumlichkeiten arbeiten häufig gegen den mechatronischen Ansatz mit Kundenorientierung. Die Maschinenbauer, die Elektriker und die Informatiker (aber auch z.B. der Einkauf) sitzen in getrennten Räumen statt als interdisziplinäres Team eng beisammen. Von funktionierender Kommunikation mit den Zulieferern ganz zu schweigen. Es ist ein seltenes Glück als Maschinenbaukonstrukteur bei einem solchen Projekt dabei sein zu dürfen.

Diskussionsregeln

Wir freuen uns über lebendige, konstruktive und inspirierende Diskussionen auf HBM Online. Um die Qualität der Debattenbeiträge sicherzustellen, werden unsere Moderatoren jeden Beitrag prüfen. Eine Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Beiträge mit vorwiegend werblichem, strafbarem, beleidigendem oder anderweitig inakzeptablem Inhalt werden von unseren Moderatoren gelöscht.

© Harvard Business Manager 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Nach oben