Der Etikettenschwindel mit der Schwarmintelligenz

Führung:

Von Christian Schimmelpfennig und Wolfgang Jenewein
18. August 2014
Gerda Genis via Getty Images

Beliebte Beispiele

Denkt man an Schwarmintelligenz, kommt einem sogleich das Bild eines Bienenschwarms in den Sinn, dem es gelingt, durch seine Schwarmflüge Angriffe von scheinbar Übermächtigen abzuwehren. Der Vorteil: In solchen Verbünden hat jedes einzelne Individuum die Möglichkeit, den Schwarm zu steuern und Handlungen zu beeinflussen. So kann das Kollektiv mehr Einflussfaktoren und Lösungsmöglichkeiten berücksichtigen und dadurch besser entscheiden. Als prominente Beispiele für Schwarmintelligenz werden gern die Quizsendung "Wer wird Millionär?" oder die Ochsenfleischschätzung anno 1906 angeführt - doch fraglich ist, ob solche Konzepte das Phänomen Schwarmintelligenz wirklich erfassen. Der britische Naturforscher Francis Galton ließ im Jahr 1906 auf der jährlichen Nutztierschau in Plymouth die Besucher raten, wie viel das Fleisch eines geschlachteten und zerlegten Ochsen wiegt. Er staunte nicht schlecht, als nach Auswertung aller 787 Schätzungen der Mittelwert um nur 0,8 Prozent vom tatsächlichen Gewicht des Ochsenfleisches abwich. Auch bei der Quizsendung "Wer wird Millionär?" kann ein Kandidat über den Publikumsjoker auf die Weisheit der Masse zurückgreifen. Regelmäßig erweisen sich die Einschätzungen des Publikums als sichere Wahl. Statistisch treffen die Zuschauer zu 91 Prozent ins Schwarze.

Fehlende Intelligenz

Ist das nun Schwarmintelligenz? Eine solche hohe Treffsicherheit ist wohl eher dem Gesetz der großen Zahlen zuzuschreiben, denn dieses besagt, dass sich der Mittelwert einer großen Zahl von Schätzungen dem tatsächlichen Wert annähert, obwohl einzelne Schätzer weit danebenliegen. Je höher die Zahl an Meinungen, desto höher also die Güte und Aussagekraft der kumulierten Einschätzung. Statt Schwarmintelligenz erklärt also vielmehr eine stochastische Gesetzmäßigkeit diese Phänomene. Aber nicht nur solche Klassiker lassen Zweifel auf-kommen, ob das Konzept im richtigen Kontext diskutiert wird. Neuerdings muss Schwarmintelligenz auch zur Erklärung gesellschaftlicher Vorgänge herhalten, darunter der Arabische Frühling oder die Piratenpartei. Darüber hinaus tragen viele Unternehmen zum inflationären Gebrauch des Begriffs bei - zum Beispiel wenn sie ihre Kunden für Produktverbesserungen und Kundenservice einspannen. Der Charakter des Schwarmverhaltens mag in vielen Fällen gegeben sein, aber Schwarmintelligenz? Laut Verhaltensbiologe Professor Jens Krause bedarf es hierzu Individuen, die unabhängig voneinander Informationen sammeln und diese in sozialen Interaktionen verarbeiten und zusammenführen, was dann in der Lösung eines kognitiven Problems mündet.

Das richtige Verständnis

Warum aber benötigen wir überhaupt Schwarmintelligenz? Und warum gerade im Management? Nun, die Antwort vermuten wir in den unternehmerischen Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts. Wer im harten, globalen Wettbewerb künftig bestehen will, muss sich anstrengen, der Konkurrenz stets einen Schritt voraus zu sein. Allein mit internen Ressourcen ist das nicht mehr zu bewerkstelligen. Es werden sich nur die Unternehmen behaupten können, denen es neben anderem gelingt, sich die kollektive Intelligenz ihres Umfelds zu eigen zu machen. Der Autohersteller BMW etwa bedient sich dieser Weisheit der vielen in Form seines Co-Création Lab, zu dem sämtliche Automobilinteressierte eingeladen sind, Wissen und Ideen beizusteuern. Unter anderem bat BMW um Einschätzungen und Vorschläge, wie sich die Mobilität der Zukunft darstellt und verbessern lässt. Mehr als 300 Ideen wurden diskutiert: neue Ansätze für Elektroautos, futuristische Parkmöglichkeiten oder künftige Fahrzeugkommunikation waren darunter.

Mitarbeiter einbinden

Solche Ansätze wie bei BMW gibt es derzeit noch sehr wenige. Die Unternehmen sollten mit dem Naheliegenden anfangen, wenn sie von der kollektiven Intelligenz profitieren wollen: ihren Mitarbeitern. Wie wäre es, wenn wir die Intelligenz unseres Mitarbeiterschwarms für die Weiterentwicklung und Verbesserung der Produkte, Dienstleistungen, vor allem aber interner Prozesse und Abläufe nutzen würden? Firmenwikis und andere Plattformen mögen gute Foren sein, den gedanklichen Austausch in großen Organisationen zu ermöglichen. Das sind Ansätze, aber Schwarmintelligenz darf weder auf postmoderne Kommunikationsformen noch auf kollaboratives Arbeiten in der Cloud reduziert werden. Wollen wir ernsthaft und seriös diesen Begriff diskutieren und anwenden, dann müssen wir uns davon lösen, ihn primär als technische Möglichkeit des gemeinsamen Arbeitens zu interpretieren oder gar als populärwissenschaftlichen Modebegriff für eine stochastische Gesetzmäßigkeit zu missbrauchen. Stattdessen sollten wir uns darauf besinnen, tatsächlich mehr den Schwarm und damit die Mitarbeiter und deren Führung in den Brennpunkt zu rücken und diesen zur Lösung kognitiver, komplexer Probleme und Herausforderungen zu nutzen.


Lesen Sie auch den Artikel der Autoren "Tiki-Taka für Manager", indem es um das dynamische Kollektiv in Fußball-Hochleistungsteams geht - und was Manager daraus lernen können.

Zum Autor
Wolfgang Jenewein ist Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St.Gallen, akademischer Direktor des Executive MBA und Direktor an der Forschungsstelle für Customer Insight.

Zum Autor
Christian Schimmelpfennig ist Leiter Weiterbildung am Institut für Entrepreneurship der Universität Liechtenstein.

Artikel
Kommentare
16
bosbach.mobi 18.08.2014

Spannend, ich bin selbst vor ein paar Tagen wieder über das Thema Schwarmintelligenz und die damit ggf. verbundenen Auswirkungen auf Leadership und Führung gestoßen. Die Frage für mich lautet welches minimale Maß an Voraussetzungen, Regeln, Richtlinien und Strukturen benötigt wird, um "echte" Schwarmintelligenz zu ermöglichen. Die zweite Frage ist, wohin dies dann wirklich führt und zukünftig führen kann.

eb.schmidt 18.08.2014

Ein hochinteressantes Thema, vor allem, wenn es in Verbindung mit Führung und Leadership erwähnt wird. Denke ich an einen Bienenschwarm und die beeindruckenden Leistungen eines Bienenvolkes, dann machen mir die Bergriffe Schwarmintelligenz und kollektive Intelligenz bewusst, wie begrenzt unser Verständnis für viele Zusammenhänge in der Natur immer noch ist. Mit diesem Beispiel wird natürlich auch deutlich, wie weit deutsche Vorstandsetagen von der Schwarmintelligenz entfernt sind. Im Bienenvolk gibt es klar zugewiesene Aufgabenbereiche, die effektiv und effizient wahrgenommen werden, man unterstützt sich, wenn es Schwierigkeiten gibt, und die Hierarchie ist extrem flach – darum funktioniert alles so gut . Natürlich sind wir Menschen keine Bienen – aber wenn wir in einem solchen Szenario auch noch unsere Intelligenz einsetzen, kann man sich gut vorstellen, wie viel Potenzial in der Schwarmintelligenz liegt. Aber was genau darf man darunter verstehen?

Lohe 19.08.2014

In der Betrachtung von Intelligenz, Emotionen und Verhalten versuchen wir uns im Spiegel von Tieren oder Technik zu verstehen. Wir suchen also nach Analogien und Kunstgriffen, die uns inspirieren und in die wir etwas hineinprojizieren. Ich denke wir hatten schon den Fuchs, die Wale, Vögel, die Delphine, Fische, Lemminge, Adler, Biber und Bienen, Naturvölker zuhauf und die mechanische Uhr, der Computer, technische und organische Netze...um uns besser zu verstehen, auch sowas wie Schwarmintelligenz, selten Schwarmdummheit, zu beschreiben. Durch soziale Kommunikation erschaffen wir neue Datenräume und Möglichkeiten, in der Intelligenz strukturiert wird und neuen Sinn erschafft, dies hängt sowohl am Individuum als auch am umgebenden sozialen und zunehmend auch technischem Netz (z.B. Watson).

alexander.zock 19.08.2014

Was in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht immer wieder durcheinander geworfen wird sind die Begriffe gemeinschaftliche Intelligenz, kollektive Intelligenz und Schwarmintelligenz. Ersteres ist ein Gruppenphänomen, welches über den sogenannten C-Faktor (das Äquivalent zum IQ bei der Einzelperson) stabil gemessen werden kann. Die Gruppenintelligenz besagt, dass bei hinreichender Diversität in der Gruppe und guter Vernetzung (also Vermeidung von Group Think etc.) die Intelligenz einer Gruppe höher als die höchste Einzelintelligenz sein kann. Kollektive Intelligenz beschreibt genau das Phänomen der Ochsengewichtsschätzung. Sie liegt auch der Börse oder Plattformen wie der Wahlstreet zu Grunde. Hier werden einfach unabhängige Beobachtungen (und ei Unabhängigkeit ist hier zentral) getitelt und heraus kommt eine sehr gute (weil multiperspektivische) Schätzung. Die Schwarmintelligenz wiederum setzt im Gegensatz zu den vorherigen Intelligenzformen keine große Individualintelligenz voraus. Sie beruht auf dem Prinzip, dass man mit einfachen lokalen Regeln komplexes Problemlöseverhalten erreichen kann. Das Problem ist hierbei nur, dass ein Reverse-Engineering eines globalen Problemlöseverhaltens zurück zu den einfachen lokalen Regeln (z.B. immer meinem Nachbarn folgen etc.) fast nie gelingt. Die Schwarmintelligenz besitzt also das Versprechen durch sehr einfache Regeln und einfache Akteure schwierige Aufgaben zu lösen. Es gibt nur kaum gute Kochrezepte wie man sie zielgerichtet operationalisieren kann. In diesem Sinne ist sie für die Praxis am schwersten einsetzbar.

Christian Dicke 19.08.2014

@bosbach.moby Es gibt eine Lösung, die die Schwarmintelligenz gut nachvollziehen lässt, die Prognosebörsen oder auch Idea-Markets. Die Prognosebörsen werden eingesetzt, um z.B. Wahlergebnisse vorauszusagen. Idea-Markets finden Verwendung in der Innovationsforschung z.B. für die Produktentwicklung. Beiden gemein ist, dass sie (fast) genau so funktionieren, wie die echte Börse: Marktteilnehmer sind nicht etwa repräsentativ ausgewählte Personen, sondern diejenigen, die ein hohes Involvement in das Thema (Produkt, Dienstleistung) haben. In einem Unternehmen beim Beispiel der Produktentwicklung sind das alle Entscheider, die in das Thema eingebunden werden müssen, um das Produkt in den Markt einzuführen: Produktmanager, Entwicklungsleiter, Kunden, Rechtsabteilung, Produktionsplanung, Vertrieb, Controlling, Marketing etc. Diese Personen erhalten ein bestimmtes Budget und setzten dieses auf die entsprechenden Produktvorschläge - kaufen also Aktien und können am Erfolg teilnhaben, in dem sie ihre Gewinne am Ende ausgeschüttet bekommen. Die Ideen werden innerhalb der Börse 2-3 mal optimiert. Am Ende sagt mit der "Schwarm" bzw. der Börsenwert der Idee, welches Produkt die größten Chancen auf einen Erfolg hat. Der Vorteil dieses Systems ist a), dass alle Marktbeteiligten sich aus Eigeninteresse intensiv mit dem Thema auseinandersetzten und dass b) unterschiedliche Blickwinkel (Kosten, Machbarkeit, Marktakzeptanz...) die Entwicklung ganzheitlich beurteilen lassen. Hierfür gibt es noch eine abgespeckte Version, die Delphi Methode, die mehrere Entwicklungsstufen abbilden kann. Eine weiter Möglichkeit ist nicht nichts anderes als die bekannten Umfragen (z.B. Conjoint, AHP zur Erfassung der Wichtigkeiten der Merkmalsausprägungen und deren Einfluss auf (Kauf-) Entscheidungen oder einfache Befragungen nach Akzeptanz oder Preismodellen. Aber: wichtig ist bei allen Methoden, ein sauberes und umfassendes Setup der Thematik: alle relevanten Einflussfaktoren, die den Erfolg eines Konzeptes beeinflussen können müssen Berücksichtigung finden. Werden einzelne Parameter (z.B. Ressourceneinsatz) ausgelassen, verliert das Modell an Realität und wird invalide.

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