Warum Konzerne nicht wie Startups handeln können

Unternehmertum:

31. August 2017
Richard Beech Photography / Getty Images

Was auf den ersten Blick wie eine Schwäche erscheint, ist in Wirklichkeit eine besondere Stärke von Startup-Unternehmen. In seinen Anfängen verfügt ein Startup weder über ein Geschäftsmodell, noch muss es einen Marktanteil verteidigen, und seine Mitarbeiter und Investoren sind auch nicht auf bereits existierende Einnahmequellen angewiesen. Und wenn das Startup sich irgendwann für ein Geschäftsmodell entscheidet, um seine Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen, muss es sich nicht von bereits bestehenden Vertriebskanälen verabschieden und auch nicht fürchten, seine Kunden oder Partner zu verärgern.

Diese Schwächen eines Startups sind gleichzeitig seine Stärken, weil sie ihm enorme Innovationsmöglichkeiten bieten. Ein solches Unternehmen kann mit allen möglichen Ideen und Geschäftsmodellen experimentieren - selbst mit solchen, die eigentlich illegal sind.

Manchmal dienen geltende Gesetze und Bestimmungen zum Schutz der Gesundheit und Sicherheit von Verbrauchern. Doch nur allzu oft wurden juristische Barrieren, die Startups im Weg stehen, von Unternehmen errichtet, die sich zum Schutz vor neuen Marktteilnehmern hinter Regierungen und Behörden verschanzen. (Außerdem nutzen etablierte Unternehmen auch gerne Netzwerkeffekte von Monopolen und Duopolen, Provisionen für Vertriebspartner und vieles mehr, um ihre Konkurrenz auszuschalten.)

Früher reichten solche Anti-Innovationsstrategien aus, um neue Konkurrenten vom Markt fernzuhalten. Doch inzwischen haben Investoren erkannt, dass Unternehmen, die auf Reglementierungen und künstliche Marktbeeinträchtigungen bauen, besonders angreifbar sind. Denn wenn Konsumenten vorher auf Unternehmen angewiesen waren, die politische Entscheidungsprozesse zu beeinflussen versuchten, werden sie diesen untreu, sobald man ihnen eine Alternative zum Status quo bietet: Dann laufen sie sofort zu innovativen Startups mit Geschäftsmodellen über, die ihnen einen besseren Service, niedrigere Preise usw. bieten. Daher können Startups, die gegen etablierte Unternehmen, Behörden und Gesetze antreten, enorme Gewinne einstreichen. Risikofreudige Investoren ermutigen neugegründete Unternehmen mittlerweile sogar dazu, sich auf große, statische Branchen zu konzentrieren, die förmlich auf eine Disruption zu warten scheinen.

Hier ein paar besonders typische Beispiele für dieses Phänomen:

Uber (aktuelle Bewertung: über 70 Milliarden Dollar) wusste vom ersten Tag an, dass sein Mitfahrservice in den meisten Gerichtsbarkeiten der Welt illegal war. Die Beförderung von Fahrgästen zu gewerblichen Zwecken unterlag in den meisten Städten genauen Vorschriften und Bestimmungen. Außerdem begrenzten manche Städte die Anzahl der Taxiunternehmen, indem sie sie zum Kauf von Lizenzen verpflichteten und sie dazu zwang, bestimmte regionale Vorschriften zu akzeptieren. Uber hat all diese Auflagen ignoriert und das regionale Beförderungswesen neu erfunden, indem es seinen Kunden einen bequemeren Service anbot. Heute gibt es in New York City 13.587 Yellow-Taxi-Lizenzen und über 50.000 Uber- und Lyft-Autos.

PayPal, das drei Jahre nach seiner Gründung zu einem Preis von 1,5 Milliarden Dollar von eBay übernommen wurde, war ursprünglich ein Geldtransfersystem für Käufer und Verkäufer bei eBay. Doch die Banken protestierten gegen Paypal, mit der Begründung, dabei handle es sich um eine unregulierte Bank. Banken unterstehen natürlich der Kontrolle von Regierung und Bundesstaaten. Als PayPal immer weiter wuchs, zwangen die etablierten Banken das Unternehmen, sich in allen Bundesstaaten, in denen es tätig war, als Bank zu registrieren. Doch nachdem PayPal sich der staatlichen Regulierung unterworfen und in den einzelnen Staaten als Geldtransferunternehmen registriert hatte, entstand dadurch paradoxerweise eine Barriere für den Eintritt weiterer neuer Unternehmen in diesen Markt.

Airbnb (aktuelle Bewertung: 31 Milliarden Dollar) ermöglicht Menschen die zeitweise Vermietung von Häusern, Wohnungen oder Zimmern an Gäste. Eigentlich überrascht es nicht, dass Airbnb in vielen Städten gegen die regionalen Gesetze und Vorschriften für das Wohnungswesen verstößt: Keiner der Mieter entrichtet Hotel- oder Touristensteuern. Jede Nacht, die ein Gast in einer Airbnb-Immobilie verbringt, bedeutet einen Einkommensverlust für die Hotels, denen dieser Konkurrent ein gewaltiger Dorn im Auge ist: Denn das Unternehmen verfügt über mehr Zimmer zur Vermietung als jede Hotelkette.

Tesla (aktuelle Bewertung: 50 Milliarden Dollar) verkauft Autos direkt über einen eigenen Vertriebskanal. Zum Schutz der Autohäuser wurden Direktverkäufe durch Automobilhersteller bereits in den 1920er Jahren in den meisten Bundesstaaten der USA verboten. Da Tesla der Ansicht war, dass es für die existierenden Autohändler keinerlei Anreize für den Verkauf von Elektroautos gebe, schuf das Unternehmen eine Alternative für die Verbraucher.

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