"Womöglich geht alles schneller, als wir denken"

Automatisierung:

Ein Interview von Britta Domke
4. August 2016
Getty Images

Wie werden wir arbeiten und leben, wenn 3-D-Drucker, Drohnenkuriere und selbstfahrende Autos Alltag sind? Eine Studie der Management-Beratung Bain entwirft für das Jahr 2036 das Szenario einer posturbanen Gesellschaft, in der Automatisierung und Digitalisierung die Entfernungskosten dramatisch gesenkt haben. Eine der prognostizierten Folgen: Statt täglich zwischen Vorort und Innenstadt zu pendeln, arbeiten in einer posturbanen Gesellschaft wieder mehr Menschen auf dem Land. Dabei haben die Studienautoren in erster Linie die USA im Blick, doch das Thema hat Potenzial, zum neuen globalen Megatrend zu werden. Wer allerdings als Deutscher die Studie liest, wird bisweilen stutzen oder gar den Kopf schütteln. Denn von Stadtflucht ist hierzulande nichts zu merken. Bis 2030 sollen die Einwohnerzahlen in München, Frankfurt, Berlin oder Hamburg sogar noch weiter ansteigen. Walter Sinn, Bain-Deutschland-Chef, glaubt trotzdem an den Trend zum Leben und Arbeiten auf dem Land.

Werden die Deutschen in 10, 20 Jahren tatsächlich in die entvölkerten Dörfer Ostdeutschlands und auf der Schwäbischen Alb zurückkehren, nur weil es dort 3-D-Druck-Shops und schnelles Internet gibt?

Sinn: Noch immer verlassen viele Menschen ihren Wohnort auf dem Land, weil ihr Job in Bank, Apotheke oder Kaufhaus vor Ort weggefallen ist. Aber neue Arbeitsplätze entstehen dort, wo sich die Rahmenbedingungen ändern. Gerade im ländlichen Raum investieren Telekommunikationsanbieter massiv in Hochleistungsglasfaserkabel und Satellitenlösungen für schnelles Internet. Wenn die Politik heute noch Gewerbecenter im nahen Umland großer Metropolen fördert, sind das fehlgeleitete Investitionen.

Technologien wie selbstfahrende Autos, 3-D-Druck für Konsumgüter und Lieferdrohnen sind noch lange nicht alltagstauglich - und in Deutschland sind die gesetzlichen Hürden hoch. Ist ein Zeitrahmen von ein bis zwei Jahrzehnten, wie ihn Ihre Studie prognostiziert, nicht zu eng gesteckt?

Sinn: In den genannten Bereichen tut sich gerade enorm viel. Womöglich geht alles viel schneller, als wir uns das heute vorstellen können. Die Digitalisierung von Gesellschaft und Industrie ist im vollen Gange. Ein paar Beispiele: Bosch rechnet damit, dass sich Autos bereits in vier, fünf Jahren völlig autonom von der Autobahnauffahrt bis zur -abfahrt fortbewegen, ohne dass der Fahrer eingreift. Mit einem 3-D-Drucker lässt sich heute schon nahezu alles für deutlich unter 3000 Euro herstellen: Autoteile, Designprodukte oder Musikinstrumente. Und bei Lieferdrohnen beraten Experten und Politik gerade intensiv über Flugzonen, die den Luftverkehr nicht stören. Unternehmen sollten diese neuen Technologien rasch auf ihre Einsatzmöglichkeiten testen. Denn es braucht Zeit, zu erkennen, welche disruptive Technologie sich wo einsetzen lässt.

Sie prognostizieren die Roboterisierung des Servicesektors. Sind Kunden bereit, sich für niedrigere Preise in Hotels oder Restaurants von Maschinen bedienen zu lassen?

Sinn: Gerade der deutsche Verbraucher ist im internationalen Vergleich sehr preissensibel. Wir wechseln besonders schnell das Produkt oder den Anbieter. Warum sollte das nicht auch für Restaurants oder Hotels gelten, die dank Robotern weniger kosten. Vorreiter der "Roboter-Hotels" sind hierzulande die preisgünstigen Budgethotels mit begrenztem Service, in denen Kunden ohne Kontakt zu Rezeptionisten oder Zimmerservice übernachten können. Das muss man natürlich mögen, aber vieles regelt dann doch der Preis. Ich bleibe aber dabei: Die Digitalisierung greift schneller in unsere Arbeits- und Lebenswelt ein, als wir das heute glauben mögen. Die Veränderungen in Deutschland werden umfassender und turbulenter sein, als es die heutige Generation von Unternehmenslenkern je erlebt hat.

Zum Autor
Walter Sinn sprach mit Britta Domke, Redakteurin des Harvard Business Managers.

Mehr zur Studie finden Sie in unserem aktuellen Heft.


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