Vorsicht vor dem Mensch 2.0

Technologie:

21. September 2017
Der amerikanische Künstler und Cyborg-Aktivist Neil Harbisson ließ sich eine Antenne in den Kopf implantieren.
Rosdiana Ciaravolo/Getty Images

Der amerikanische Künstler und Cyborg-Aktivist Neil Harbisson ließ sich eine Antenne in den Kopf implantieren.

Inklusiver Wohlstand basiert auf einer positiven und wohlwollenden Vorstellung des Menschen. Aber bleibt eine solche wohlmeinende Art des Denkens über die Menschheit wirklich erhalten, wenn sich der Transhumanismus seinen Weg in die Eliten bahnt? Im Juni veröffentlichte die "Neue Züricher Zeitung" das Anti-Transhumanistische Manifest, das ich zusammen mit einer Reihe von Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen wie Psychologie, Wirtschaftsinformatik, Philosophie, Architektur und Theologie verfasst habe. In der NZZ weisen wir darauf hin, dass eine beängstigend große Zahl positivistischer Wissenschaftler eine Vorstellung vom Menschen vertritt, die nicht nur falsch, sondern in Zeiten des rasanten technologischen Fortschritts auch unglaublich gefährlich ist. Dieses Thema muss der Öffentlichkeit bewusst werden. Viele Stimmen aus der ganzen Welt kamen nach der Veröffentlichung auf uns zu, um unser Anliegen zu unterstützen.

Was ist Transhumanismus?

Wie der Begriff suggeriert, bezeichnet Transhumanismus eine Art und Weise, über uns selbst nachzudenken. Ein Denken, das geprägt ist vom Streben, über unsere angeborene Natur hinauszuwachsen und unsere Spezies zu "transformieren". Auf den ersten Blick klingt das ermutigend. Oftmals ist es notwendig, über sich selbst hinauszugehen, um sich weiter zu entwickeln. Leider ist diese Entwicklung nicht immer leicht. Wir kommen einzigartig auf die Welt. Gesegnet und verflucht zugleich mit einer vorgegebenen Mischung aus Talenten und Mängeln. Das Leben verlangt uns ab, diese zu entwickeln, indem wir an uns arbeiten. Positiv zu wachsen bedeutet, sich selbst zu erkennen, wie schon am Eingangstor des Orakel von Delphi stand: "Gnothi seauton". Eine Botschaft, die große Hoffnung in die Erkenntnis und die Entwicklung unserer individuellen Menschlichkeit setzt.

Transhumanisten haben diesen wohlwollenden Glauben und diese Geduld mit der Menschheit nicht. Für Transhumanisten sind normale Menschen nur "Ressourcen", ein "Präferenzbündel", "DAUs" (Dümmster Anzunehmende User) oder sogar "Wetware". Menschen sind nach ihrer Argumentation leider unberechenbar, suboptimal, irrational und sterblich; lediglich unser Gehirn zeichnet uns noch positiv aus. Diese suboptimale Spezies muss nun - so die "humanistische" Sicht der Transhumanisten - aufgewertet werden: mit Technologie und Medikamenten oder dem, was der Wissenschaftler Ray Kurzweil als die "GNR-Revolution" bezeichnet (Genetik, Nanotechnologie und Robotik)..

Im Manifest beschreiben wir das bizarre Menschenbild der Transhumanisten wie folgt: "Transhumanismus ist eine negative Sichtweise auf die menschliche Natur, gepaart mit einer technisch-wissenschaftlichen Vision davon, wie wir uns verbessern sollten. Diese Perspektive lässt sich am besten als abergläubische Fixierung auf die Wissenschaft als Retter begreifen, gepaart mit einer distanzierten Verachtung unserer gegebenen menschlichen Natur: unserer Zerbrechlichkeit, unserer Sterblichkeit, unserer Empfindungen, unseres Selbstbewusstseins und unseres tief empfundenen Verständnisses davon, "wer" wir sind (im Unterschied zum "was" wir sind).

Würde das Feld den Transhumanisten überlassen bleiben, könnte inklusiver Wohlstand darin enden, dass suboptimale Menschen in eine Techno-Abhängigkeit bugsiert werden; ähnlich wie in Aldous Huxleys Dystopie "Brave New World", in der eine schön geordnete Gesellschaft von genetisch kategorisierten Menschen ein kontrolliertes Leben erleidet.

Artikel
© Harvard Business Manager 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Die neuesten Blogs
Nach oben