Vorsicht vor dem Mensch 2.0

21. September 2017
Der amerikanische Künstler und Cyborg-Aktivist Neil Harbisson ließ sich eine Antenne in den Kopf implantieren.
Rosdiana Ciaravolo/Getty Images

Der amerikanische Künstler und Cyborg-Aktivist Neil Harbisson ließ sich eine Antenne in den Kopf implantieren.

2. Teil: Warum sollten wir uns um diese verrückten Transhumanisten und ihre Vorstellung vom Menschen kümmern?

Normalerweise lasse ich Leuten ihren persönlichen Wahnsinn durchgehen. Die Meinungsfreiheit erschien mir immer noch ein hohes Gut. Und wenn es den Transhumanisten an dem mangelt, was der Philosoph Martin Heidegger "in der Welt sein" genannt hatte, dann sei es so. Aber leider hat sich der Transhumanismus zu einer Art Ideologie entwickelt, die von einer gewaltigen ökonomischen Rückendeckung und einer unberechenbar gefährlichen Macht profitiert. Sie hat akademische Institutionen, Geldgeber, Politik und Medien in einem Maße unterwandert, dass sie andere Ansichten an den Rand zu drängen droht. Transhumanisten sind aufgrund großer Spendengelder mit hoch angesehenen Universitäten assoziiert, die es ihnen ermöglichen, ihre verrückten Ideen von "Super-Intelligenz", "Singularität", "Cyborgs", "rationaler Berechenbarkeit des Lebens" oder "Transzendenz der Menschheit" als "wissenschaftlich" oder gar "ethisch" zu deklarieren.

Wenn sie nicht direkt in den Elite-Universitäten Fuß fassen, bauen sie einfach ihre eigene Universität und eigenen Denkfabriken auf: wie die Singularity University im Silicon Valley, die jedes Jahr eine Klasse von kapitalkräftigen, einer Gehirnwäsche unterzogenen Unternehmern hervorbringt, um die Technologien für die transhumanistische Vision zu bauen. Von diesen Thinktanks aus werden Regierungen und Institutionen (wie die Vereinten Nationen) beeinflusst, um diese technologiegetriebene Zukunftsvision zu übernehmen. Zunehmend gibt es auch in den Medien transhumanistische Botschaften im Überfluss: Filme betten Erklärungen darüber ein, dass wir Menschen Informationsverarbeitungsmaschinen wären (z.B. Westworld, Ex Machina) und wie wir uns selbst aufwerten könnten (Luci). Noch schlimmer: Werbetreibende preisen verkrüppelte Menschen (sogenannte "Cyborgs") als etwas Erstrebenswertes an.

Solch eine öffentliche Aufmerksamkeit ist natürlich mit Geld verbunden. Für einen Außenstehenden sind diese Geldquellen leicht zu erkennen, wenn man sich fragt, welche Branchen von transhumanistischen Visionen profitieren. Das sind natürlich die IT- und Pharmaunternehmen. Für die Geschäftemacher wäre es sehr lukrativ, wenn in jedem einzelnen menschlichen Körper Chips eingepflanzt wären. Dann könnten sie Implantate und Sensor-Infrastruktur verkaufen, all diese gechipten Menschen vermessen, sie mit Robotern betreuen (sie in Schach halten) und ihnen durch künstliche Intelligenz vorschlagen, wie sie sich verhalten sollen. Stellen Sie sich nur einmal vor, welche Datenverarbeitungskapazitäten man verkaufen könnte - Datenbanken, vernetzte Infrastruktur und Internettechnologie, die überall installiert werden müssten! Ganz zu schweigen von den Energiepillen, Antidepressiva, Gen-Tests, Gen-Manipulation, etc. Mit dem Transhumanismus steht eine gigantische Geldmaschine in den Startlöchern.

Es ist diese Mischung aus Geld, Interessen und Macht, gepaart mit einer bösartigen Ideologie, die mir am meisten Sorgen bereitet. Und aus diesem Grund glaube ich, dass die Gesellschaft eine Debatte über das Phänomen des Transhumanismus führen muss. Politiker und Hochschulleiter müssen sich dieser Strömung bewusst werden und lernen, Wissenschaftler von Ideologen zu unterscheiden. Wir sollten uns fragen, ob all dieses Geld, das in transhumanistische Ideologien von Cyborgs investiert wird, der Menschheit nicht besser dienen würde, wenn es stattdessen in die Suche nach sozialem, wirtschaftlichem und spirituellem Wohlergehen der Menschen, so wie sie sind, investiert würde: schöne und starke Wesen mit vielen Potenzialen, die gegenwärtig brachliegen und darauf warten, sich entfalten zu können.

Der Transhumanismus droht die Menschheit zu spalten

Als Ökonomin baue ich natürlich auf die "unsichtbare Hand" von Adam Smith. Das heißt, ich erwarte, dass all die übertriebenen technischen Versprechungen der Transhumanisten bald diskreditiert werden. Es gibt kein Mehr an Sicherheit mit einem Chip und keinen finalen Schutz vor Tod oder Krankheit. Die Zahl der Menschen, die von Transhumanisten verächtlich als "Biokonservative" bezeichnet werden, steigt. Die Zahl der Menschen, die Spiritualität und Achtsamkeit in ihr Leben bringen, nimmt zu. Ich hoffe, dass sie in der Lage sein werden, die falschen Verheißungen zu erkennen.

Transhumanisten gründen ihr Naturverständnis auf einer positivistischen und vereinfachenden, modellgetriebenen, konzeptionellen und analytischen Perspektive der Realität. Als Wissenschaftlerin weiß ich, dass all diesen Modellen - trotz ihrer Nützlichkeit, Eleganz und Präzision! - eine entscheidende Essenz fehlt: ein wirklich ganzheitliches und damit realistisches Verständnis unserer komplexen Wirklichkeitsphänomene. Aus wissenschaftlicher Sicht bin ich sehr zuversichtlich, dass die Ernüchterung über diese Agenda bald einsetzt.

Ich habe nur eine einzige Sorge: dass die Macht der transhumanistischen Bilder vom Menschen auf dem Rücken der positivistischen Wissenschaft so stark ist, dass wir weiter Technik in die Welt setzen, die uns Menschen schwächt und die insbesondere zu einem Phänomen führt: dass viele Menschen verlernen, wie sie ihre Aufmerksamkeit bewusst kontrollieren können. Viele werden ständig von ihren IT-Geräten abgelenkt und in passive, postmoderne und virtuelle Mikro-Weltcluster eingelullt... Für viele von ihnen ist schon heute der technikabhängige - ja transhumanistische - Lebensstil tröstlich, komfortabel und einfach. Er gibt ihnen ein positives Feedback. Alexa und Siri werden ihnen bald sagen, was auf Basis ihrer Vermessungsdaten richtig oder falsch ist und wo sie das nächste Implantat bekommen. Egal, wie begrenzt diese künstlichen Intelligenzen auch sein mögen, sie werden aus technologischer Sicht durchaus gut genug sein, um viele Menschen in ihren Einflussbereich zu ziehen. Die Menschheit könnte sich dann in die Wenigen aufspalten, die noch in der Lage sind, ihre Aufmerksamkeit zu kontrollieren, sich der realen Welt bewusst zu sein und ihr Potenzial zu entfalten und die Vielen anderen, die von digitalen Dingen abhängig sind und sich von ihnen "enhancen" lassen. Es könnte sein, dass wir in einer Welt leben werden, die von einem allgemeinen menschlichem Wachstum so weit entfernt sein wird, wie nur möglich - und alles durch unsere eigenen Verblendungen.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe von Beiträgen, die wir im Vorfeld des Global Drucker Forum 2017 in Wien veröffentlichen. Das Thema der Konferenz in diesem Jahr lautet "Wachstum und Wohlstand für alle".

Zur Autorin
Sarah Spiekermann ist Professorin für Wirtschaftsinformatik und Lehrstuhlinhaberin am Institut für Management Informationssysteme an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie ist Autorin des Buches "Ethical IT Innovation: A Value-based System Design Approach".
Seite
1
2
Artikel
© Harvard Business Manager 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Die neuesten Blogs
Nach oben