Keine Angst vor Unternehmertypen

Zeitverträge:

Von Michael Leitl, Reid Hoffman, Ben Casnocha und Chris Yeh
13. März 2015
NICHT VERWEDNEN / Corbis

Unternehmen, die sich auf neue Formen der Zusammenarbeit einlassen, sind für kreative und anpassungsfähige Arbeitnehmer besonders attraktiv. Aus Arbeitgebersicht hat das jedoch auch eine Kehrseite: Denn diese Mitarbeiter sind in aller Regel sehr an Karrierechancen und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung interessiert und werden zudem von anderen Unternehmen umworben. Vier Argumente, warum Sie diese Leute trotzdem anheuern sollten, auch wenn Sie wissen, dass es nur vorübergehend ist.

Was bringen unternehmerisch veranlagte Mitarbeiter ihrem Arbeitgeber?

Wie wertvoll eigenständige und nach vorn gewandte Mitarbeiter sein können, zeigt die Geschichte von John Lasseter. Lasseter war in den 80er Jahren Trickfilmzeichner bei Disney. Schon früh versuchte er, seine Vorgesetzten für die neue Technologie computergenerierter Trickfilme zu begeistern. Die verkannten das Potenzial und feuerten ihn. Lasseter landete bei Lucasfilm, einem Unternehmen, das später von Steve Jobs übernommen wurde und aus dem - auch durch den maßgeblichen Einfluss von Lasseter - Pixar entstand, heute Marktführer im Bereich computeranimierter Filme. Disney bezahlte im Jahr 2006 satte 7,4 Milliarden Dollar für Pixar und machte Lasseter zum Chief Creative Officer von Pixar und den Walt Disney Animation Studios. Eins ist sicher: Hätte man Lasseter erlaubt, seinen kreativen und unternehmerischen Geist auch bei Disney auszuleben, wäre das für das Unternehmen deutlich günstiger gewesen.

In vielen anderen Fällen ist es weniger einfach, die Vorteile unternehmerischer Mitarbeiter genau zu quantifizieren. Der Global Entrepreneurship Monitor, bei dem regelmäßig unternehmensinternes Unternehmertum untersucht wird, gibt jedoch interessante Hinweise: Eine Studie aus dem Jahr 2011 etwa verglich länderübergreifend, wie häufig Einzelpersonen bei Arbeitgebern für neue geschäftliche Aktivitäten verantwortlich sind. Das Ergebnis war eindeutig. In innovationsgetriebenen Volkswirtschaften war die Häufigkeit unternehmerischer Aktivität von Angestellten im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung mehr als zehnmal so hoch wie in effizienzgetriebenen. Kurz gesagt: Zwischen unternehmerisch denkenden Mitarbeitern und innovativen Unternehmen herrscht eine hohe Korrelation.

Ermutige ich meine Mitarbeiter nicht implizit zur Kündigung, wenn ich sie permanent zu Eigenständigkeit anhalte?

In Einzelfällen kann das tatsächlich passieren. Doch selbst dann werden die Vorteile, derartige Köpfe zumindest für eine kurze Zeitspanne in Ihrem Unternehmen gehabt zu haben, stärker wiegen als der Verlust. Die Idee für Amazon Web Services (AWS), heute einer der wichtigsten Player im Bereich Cloud Computing, kam etwa von Benjamin Black, einem Websitemanager bei Amazon, und Chris Pinkham, Blacks Vorgesetztem. Black und Pinkham war bereits im Jahr 2003 aufgefallen, dass sich das operative Geschick, das Amazon zu einem hocheffizienten Einzelhändler gemacht hatte, doch eigentlich auch auf den Markt für Rechenleistungen übertragen lassen müsste. Jeff Bezos ließ sie gewähren und AWS entwickeln. Beide Mitarbeiter haben Amazon inzwischen verlassen und eigene Unternehmen gegründet. Aber sie hinterließen einen Geschäftsbereich, der 2012 etwa zwei Milliarden Dollar zum Gesamtumsatz von Amazon beitrug.

Kann es nicht auch sein, dass das Tours-of-duty-Modell zu einer höheren Fluktuation führt?

Ein befristetes Bündnis hat zwar ein definiertes Ende, doch das heißt nicht, dass man sich dann sofort trennen muss. Ein erfolgreiches Projekt kann zum nächsten führen, und jedes davon stärkt das Vertrauen und den gegenseitigen Nutzen. Ein Mitarbeiter, der sich verändern möchte, kann das darüber hinaus auch im Rahmen einer interessanten neuen Tour of Duty im gleichen Unternehmen tun, anstatt zur Konkurrenz zu wechseln. Aus unserer Sicht ist das eine bessere Bindungsstrategie als vage Appelle an Loyalität.

Sollten alle Mitarbeiter unternehmerisch denken?

Keine Sorge: Es müssen nicht alle Ihre Beschäftigten zugleich auch Entrepreneure sein. Im Silicon Valley protzen viele Start-ups damit, dass sie "Rockstars" beschäftigen, dabei wäre ein Unternehmen, das aus lauter Rockstars besteht, in Wirklichkeit ein Albtraum. Organisationen leben von einer guten Mischung unterschiedlicher Typen, die zu ihrem Wettbewerbsumfeld passen. In stabilen Branchen ist unternehmerisches Denken etwa weniger wichtig. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmen zu viele Freigeister beschäftigt, eher gering.


Die lebenslange Festanstellung hat ausgedient. Doch Verträge auf Zeit nutzen nicht nur den Unternehmen. Auch die Mitarbeiter können von ihnen profitieren - wenn beide Seiten sich an einige Regeln halten. Ein neues Modell für Arbeitsverhältnisse im 21. Jahrhundert beschreiben Reid Hoffman, Ben Casnocha und Chris Yeh in unserer Edition.

Zu den Autoren
Reid Hoffman ist Mitgründer und Executive Chairman von LinkedIn und Partner bei der Wagniskapitalfirma Greylock.

Ben Casnocha ist Unternehmer und Autor und hat zusammen mit Hoffman das Buch "The Start-up of You: Adapt to the Future, Invest in Yourself, and Transform Your Career" (Crown Business 2012) geschrieben.

Chris Yeh ist Unternehmer, Investor und Blogger sowie Vice President für Marketing bei der Wiki-Online-Plattform PBworks.

Artikel
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