Macht ist... nur geliehen

Umfrage:

4. Dezember 2018

Ich bin einer der Gründer und Inhaber von FlixBus. Wir bieten 350.000 tägliche Verbindungen zu über 2000 Zielen in 28 Ländern. Und wir wachsen weiter. Fühle ich mich mächtig? Nein. Unsere Macht ist nur geliehen, sie ist rein hypothetisch. Wenn unsere Kunden morgen entscheiden, dass sie nicht mehr bei uns mitfahren wollen, dann sind wir weg. Kein Unternehmen hat reale Macht. Macht ist für mich, wenn man Menschen beeinflusst, etwas gegen ihren Willen zu tun. Kein Unternehmen kann das - und das ist auch gut so.

Die Tatsache, dass unser Erfolg jederzeit vorbei sein kann, ist mir sehr bewusst. Wir müssen uns immer wieder neu beweisen. Wir dürfen nie zufrieden sein mit dem, was wir erreicht haben. Das führt dazu, dass ich in permanenter Unzufriedenheit lebe.

Ich denke niemals: Ist das alles toll, ich lege mich jetzt für ein halbes Jahr auf eine Insel und genieße, was ich erreicht habe. Im nächsten Moment spüre ich sofort den Ansporn: Was ist der nächste Schritt? Was wäre eine Chance für unsere Firma? Was gefährdet uns? Wenn ich mich jetzt zurücklehne und aufhöre, mich anzustrengen, sind wir in drei Jahren weg vom Markt.

Unternehmen, die erfolgreich sind, glauben nie, dass sie gewonnen haben. In unserem Markt hat das vielleicht die Deutsche Bahn getan. Bevor es uns gab, hatte sie geglaubt, die Macht gepachtet zu haben. Die Bahn entschied, was der Kunde zu wollen hat. Und dann musste sie feststellen: Oh, der Kunde hat ja jetzt eine Alternative.

Und unversehens erkennt ein Unternehmen dieser Größe: Wir haben die Macht nur geliehen. Es stellt fest, dass selbst mit Milliarden an Infrastruktur und Umsätzen der Kunde einfach geht, wenn ihn das Produkt nicht überzeugt. Und das ist eine Entwicklung im positiven Sinne, denn plötzlich kämpft die Bahn wieder um die Kunden.

Macht gibt es nur in der Politik

Wenn ich mit Leuten von Google oder Amazon spreche, dann sagen die: Wir müssen jeden Tag aufstehen und überlegen, was wir tun können, dass der Kunde uns erneut wählt. Es gibt nichts, was die Kunden davon abhält, morgen nicht mehr bei Amazon einzukaufen oder bei Google zu suchen - außer ihrer eigenen Trägheit.

Konkrete Macht gibt es nur in der Politik. Politik hat einen fundamentalen Einfluss auf unser Unternehmen - das macht noch mal klar, wie sehr unsere Macht geliehen ist. Klar ist in Demokratien die Macht auch vom Wähler geliehen, aber wenn die Regierung sie hat, kann sie damit planen, der Wähler hat keine Chance auf einen täglichen Wechsel. Wenn der Staat morgen entscheidet, das sind neue Regeln fürs Zusammenleben - daran muss ich mich als Bürger halten. Klar kann ich auswandern, aber das ist dann schon ein krasser Schritt im Vergleich zu: Ich wechsle den Onlineshop.

Mein Führungsstil hat ebenfalls wenig mit dem Ausspielen von Macht zu tun. Auch als Chef habe ich meine Macht geliehen. Natürlich kann ich über meine Position führen, aber das wäre nicht nachhaltig. Die Leute respektieren meine Ideen, folgen meiner Vision - das ist mehr als nur die harte Hierarchie.

Unser Unternehmen lebt von starken Charakteren, und denen kann man eben nicht nur von oben Anweisungen geben. Ich will die Meinungen anderer hören und versuche, über Ideen und Diskussionen zu führen, nicht über Hierarchien.

Für meine Generation ist die reine Macht an sich kein überragendes Motiv mehr, es geht um den Willen, etwas zu gestalten, und der verbindet uns. Wenn ich auf den Tisch hauen und sagen würde: "Ich will das so, also machen wir das so", dann würde ich sehr viel kaputt machen.

Spezial 1/2019

Macht


Was künftig über Einfluss und Erfolg entscheidet


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