Wie Du mir, so ich Dir

Führung:

Von Lutz Becker
11. November 2013

Eine kleine Gefälligkeit: Auch dem Paten ist das Prinzip der Reziprozität geläufig
Corbis

Eine kleine Gefälligkeit: Auch dem Paten ist das Prinzip der Reziprozität geläufig

Ein dunkles Büro, irgendwo im New York des frühen 20. Jahrhunderts. Amerigo Bonasera, ein italienischstämmiger Bestatter, wendet sich auf der Suche nach Gerechtigkeit für seine misshandelte Tochter an Don Corleone, den Paten aus Mario Puzzos gleichnamigen Roman. Die Bitte wird erfüllt, doch die Sache hat einen Haken: "Eines Tages, und dieser Tag mag niemals kommen, werde ich dich um eine Gefälligkeit bitten", sagt der Pate.

Szenenwechsel. Ein Versuchslabor in Atlanta, Georgia. Ein kleiner Affe isst genüsslich Gurkenstücke, die ihm von einer Forscherin im Gegenzug für kleine Steine gereicht werden. Alles scheint bei diesem Tauschgeschäft friedlich und gut - bis das Tier bemerkt, dass ein Artgenosse im Nachbarkäfig statt mit Gurken mit leckeren Trauben gefüttert wird. Jetzt geht das kleine Äffchen durch ein Wechselbad allzu bekannter menschlicher Gefühle: Unverständnis, Selbstzweifel, Weltschmerz, Neid, Ärger, Trauer, blanke Wut.

Für das Zusammenleben und -wirken in Gruppen ist ein fairer Austausch zwischen den Gruppenmitgliedern seit den frühsten Wurzeln der Menschheit unerlässlich. Für Urmenschen konnte das Gelingen eines fairen Austauschs über Mitgliedschaft und Ausschluss, über Leben und Tod entscheiden.

Reziprozität (d.h. das Prinzip der Gegenseitigkeit) und Fairness sind seit jeher die Klebstoffe, die soziale Gruppen beisammenhalten. Das gilt für das kleinste Gruppenmitglied genau so wie für die Spitze der Pyramide. Dabei ist Fairness und Reziprozität keine absolute, sondern eine relative Größe.

"Was bekomme ich im Verhältnis zu den anderen?" Diese Frage ist Teil unseres Primatenerbes. Es geht also nicht um Gleichverteilung. Aber Menschen achten bewusst oder unbewusst extrem sorgfältig darauf, dass sie subjektiv und im Verhältnis zu anderen fair behandelt werden. Denn eine unfair erscheinende Behandlung ist ein wichtiger Warnhinweis. Wenn Mitglieder einer Gruppe unfair behandelt werden, können sie vielleicht nicht ausreichend an überlebenswichtigen Ressourcen teilhaben, erhalten schlechtere Schlafplätze und haben geringere Chancen, sich fortzupflanzen. Möglicherweise droht sogar der Ausschluss aus der Gruppe. Um zu erkennen, ob man wirklich fair behandelt wird, sind ständige Reorientierung und Feedbackschleifen nötig. Die Informationsquellen sind andere Gruppenmitglieder. Ein aufwändiger Mechanismus, den wir Klatsch und Tratsch nennen.

Was aber bedeutet Reziprozität im ungleichen Verhältnis von Führenden und Geführten? Führung bedeutet, dass Ressourcen zwischen den Führenden und Geführten im Interesse des erfolgreichen Bestandes der Gruppe umverteilt werden: Arbeits- und Lebenszeit, Energie, Aufmerksamkeit wandern nach oben, dafür können die Gruppenmitglieder eine angemessene Gegenleistung erwarten. Denn die, die ihre Ressourcen abgeben, gehen dabei - objektiv wie subjektiv - in Vorleistung. Das heißt, es müssen gegenläufige Ressourcenströme wie Aufmerksamkeit, gute Arbeitsbedingungen, Fairness, angemessenes Einkommen und so weiter in einem subjektiv angemessenem Umfang von den Führenden zu den Gruppenmitgliedern gehen.

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