Stehen Sie zu Ihren Misserfolgen

Selbstmanagement:

Von Justin Brady
25. August 2016
Getty Images

Wenn Sie sich ein bisschen für Kreativität und Erfindungen interessieren, haben Sie diese Sätze sicherlich schon unzählige Male gehört: Je mehr Fehler einem unterlaufen, umso mehr lernt man; ohne Misserfolg keine Innovation; und so weiter - bla bla bla.

In Wirklichkeit sind die meisten Menschen ziemlich große Heuchler, wenn es um ihre Misserfolgserlebnisse geht.

Ich möchte Ihnen das anhand einer kleinen Geschichte erläutern. Vor ein paar Jahren hatte ich das Vergnügen, eine Internetkonferenz mit dem New York Times-Bestsellerautor Dan Pink zu veranstalten. Am Abend dieses Events saßen etwa 70 Teilnehmer vor einem großen Bildschirm und einer Webkamera und hörten sich Pinks Bericht über die Recherchen für sein Buch "Drive" an. Dann stellten wir ihm Fragen, er antwortete. Im Hintergrund war sogar Pinks Sohn zu erkennen, der mit einer riesigen Papp-Attrappe seines Buches in der Gegend herumhüpfte. Es war eine sehr witzige und informative Präsentation in Form eines zwanglosen Gesprächs.

Da diese Veranstaltung ein so großer Erfolg gewesen war, nahm ich mir vor, sie zu wiederholen. Meine nächste Internetkonferenz fand in exklusivem Ambiente statt und wurde von mehreren Unternehmen gesponsert, die im Zusammenhang mit diesem Event genannt werden wollten und dafür tonnenweise kostenlose Verpflegung spendierten. Mein Gast war diesmal der Bestsellerautor Matthew E. May, der sich als Superstar des Design Thinking und langjähriger Berater von Toyota einen Namen gemacht hat.

80 bis 100 Teilnehmer hatten sich angekündigt; ich wusste also, dass diese Konferenz ein großer Erfolg werden würde. Schließlich war der Tag des denkwürdigen Ereignisses gekommen - und zehn Minuten nach dem Beginn der Präsentation saßen nur drei Leute im Zuhörerraum. Ja, Sie haben richtig gehört: drei. So wie in dem bekannten Sprichwort "Aller guten Dinge sind drei" - nur dass das auf die Teilnehmerzahl dieser Konferenz leider nicht zutraf.

Ich schämte mich so sehr, dass ich die Webkamera von den leeren Plätzen wegdrehte, damit Matt dieses Fiasko nicht mitbekam. (Erst vor kurzem fand ich den Mut, ihm davon zu erzählen. Ich glaube, er hat es mit Fassung getragen.) Gegen Ende der Minikonferenz saßen insgesamt etwa fünf Teilnehmer im Saal. Man konnte diese Veranstaltung also beim besten Willen nicht als erfolgreich bezeichnen.

Da wir alle wissen, dass Misserfolge eine notwendige, manchmal sogar wertvolle Erfahrung sind, müsste man eigentlich annehmen, dass ich mich über diese Lernchance gefreut habe. Aber das tat ich natürlich nicht. Rein theoretisch mögen Fehlschläge durchaus etwas Segensreiches sein; aber glauben Sie mir: Wenn man sie am eigenen Leib erlebt, sieht man das ganz anders. Also verhielt ich mich genauso, wie jeder Feigling es getan hätte: Ich löschte sämtliche Hinweise auf das Event von meiner Webseite. Und wenn ich darauf angesprochen wurde ("Ich konnte leider doch nicht zu der Präsentation kommen; wie ist sie denn gelaufen?"), zeigte ich meine Wut und Frustration nicht, sondern erklärte lediglich, Matt sei hervorragend gewesen (was ja auch stimmte). Ich fürchtete, dass es der Ruin für meine künftigen Projekte sein könnte, wenn dieses Fiasko in aller Öffentlichkeit bekannt wurde.

Erst ein halbes Jahr später beichtete ich die Geschichte ein paar Freunden. Ihr Feedback war zwar schmerzhaft, aber auch sehr hilfreich: Mir wurde klar, dass die erste Veranstaltung gut gelaufen war, weil ich dafür viel Unterstützung durch mein Netzwerk erhalten hatte. Beim zweiten Event hatte mir niemand geholfen; ich hatte es ganz allein zu organisieren versucht.

Diese Erkenntnis hat uns dazu inspiriert, den Iowa Creativity Summit ins Leben zu rufen. Matt nahm als Hauptreferent daran teil und redete vor einem vollen Haus: Dank seiner Mitwirkung konnten wir einen bis heute ungebrochenen Besucherrekord aufstellen.

Dennoch beunruhigte mich meine offensichtliche Unfähigkeit, Misserfolge positiv zu sehen und etwas daraus zu lernen. Das brachte mich auf eine Idee: In meinem Podcast "The Creativity Cultivator" wollte ich alle meine Gäste bitten, den Zuhörern von ihrem eklatantesten Misserfolg zu berichten: was sie daraus gelernt und wie sie diese Hürde überwunden und es zu ihrem heutigen Erfolg gebracht haben. Doch immer wenn ich meinen Gesprächspartnern, die ich als Gäste für meine Show in engere Wahl zog (und die allesamt erfolgreiche Innovatoren waren) diese Frage stellte, machte ich eine beunruhigende Entdeckung: Jede Führungspersönlichkeit weiß, dass Misserfolge wichtig sind und dass man ohne sie letztendlich keinen Erfolg haben kann. Und jede Führungspersönlichkeit führt dazu auch gerne anschauliche Beispiele von Misserfolgen anderer Menschen an - zum Beispiel die legendären Fehlschläge von James Dyson. Doch kaum jemand ist bereit, offen über seine eigenen Misserfolgserlebnisse zu sprechen; die meisten Menschen geben sogar vor, sich gar nicht daran erinnern zu können.

Und wenn es mir doch einmal gelang, den potenziellen Gästen meiner Show einen Bericht über einen Misserfolg zu entlocken, stellten sie ihn normalerweise so dar, als hätten sie keinerlei Kontrolle über die Situation gehabt. Bisher haben nur ein paar meiner Gesprächspartner offen zugegeben, dass sie eine Dummheit begangen und etwas daraus gelernt haben. (Und nur diese ehrlichen Menschen lade ich dann auch tatsächlich in meine Show ein.) Und dabei sind meine Ansprechpartner allesamt erfolgreiche Menschen, die eigentlich keine Angst vor der schlechten Meinung der Zuhörer haben sollten.

Aber mir ist schon klar, was dahintersteckt: Führungskräfte geben sich nicht gern eine Blöße. Sie tun alles, um ihre Misserfolge zu bagatellisieren. Auf den ersten Blick mag das eine harmlose menschliche Schwäche sein; doch gerade für Führungspersönlichkeiten ist es enorm wichtig, Misserfolge nicht nur theoretisch zu akzeptieren, sondern sich auch zu ihren ganz persönlichen Misserfolgserlebnissen zu bekennen. Wer das versäumt, auf den kommen vier schwerwiegende Probleme zu:

  • Wer nicht in der Lage ist, Misserfolge einzugestehen, kann auch keine echte Beziehung zu seinem Team aufbauen. Die meisten Mitarbeiter sprechen zwar nicht gern über ihre eigenen Fehlschläge, bauen aber eher ein Vertrauensverhältnis zu einem Vorgesetzten auf, der offen mit diesem Thema umgeht. Will Burns, der Erfinder des Podcasts von Ideasicle, einer Marketing-Beratung, erzählte mir einmal, wie er in eine Position befördert wurde, von der er nicht wusste, wie er sie ausfüllen sollte. Doch er hatte nicht den Mut, das offen zuzugeben, und musste letzten Endes wieder aus diesem Unternehmensbereich ausscheiden. Später wurde ihm klar, dass Führungspersönlichkeiten sich nur dann eine Blöße geben, wenn sie so tun, als wüssten sie alles. Eine Führungskraft, der noch nie etwas misslungen ist, lügt entweder - oder sie ist kein normaler Mensch. Also erzählen Sie Ihren Mitarbeitern ruhig von Ihren Misserfolgen Selbst wenn diese Situationen sich nicht immer auf den Arbeitsalltag Ihres Teams übertragen lassen, wird Ihre Beziehung zu Ihren Mitarbeitern sich schon allein dadurch verbessern, dass Sie bereit sind, Schlappen einzugestehen.
  • Wer nicht in der Lage ist, Misserfolge einzugestehen, kann auch nichts daraus lernen. Ein Misserfolg ist nur dann eine positive Erfahrung, wenn Sie daraus eine wichtige Erkenntnis gewinnen und anschließend die nötigen Kurskorrekturen vornehmen. Wer dazu nicht bereit ist, kann auch nichts aus der Einschätzung anderer Menschen lernen und wird wahrscheinlich auch in Zukunft weiterhin im Verdrängungsmodus verharren. Als ich meinen Freunden von dem Desaster mit meiner Konferenz berichtete, erzählten sie mir im Gegenzug von ihren eigenen Fehlschlägen und gaben auch Kommentare zu den möglichen Ursachen meines Konferenz-Fiaskos ab. Das war ein heilsamer Schock für mich, denn für einige dieser Aspekte war ich vorher völlig blind gewesen.
  • Wer nicht in der Lage ist, Misserfolge einzugestehen, kann auch keine Toleranz für die Fehlschläge anderer Menschen aufbringen. Viele Führungskräfte regen sich über Mitarbeiter auf, denen etwas schwerfällt oder misslingt, obwohl sie nach außen hin durchaus die Meinung vertreten, dass es ohne Misserfolge keine Innovation geben kann. Das habe ich schon bei vielen meiner Klienten (oder besser gesagt: ehemaligen Klienten) erlebt. Natürlich ist ihnen klar, dass sie ihre Mitarbeiter nicht für Misserfolge bestrafen dürfen; aber sie geben ihnen mit ihrem Verhalten doch sehr deutlich zu verstehen, dass sie nicht begeistert davon sind. Dadurch schüchtern sie die Mitarbeiter ein und ersticken jede Kreativität und Experimentierfreudigkeit im Keim.
  • Wer nicht in der Lage ist, Misserfolge einzugestehen, dem wird es auch schwerfallen, mit künftigen Fehlschlägen umzugehen. Dieses Problem wird sehr leicht übersehen; aber man sollte es nicht auf die leichte Schulter nehmen. Denn wenn Sie Ihre bisherigen Misserfolge verdrängt haben, werden Sie nach Ihrem nächsten Rückschlag (und der kommt ganz bestimmt) nicht so leicht wieder zur Tagesordnung übergehen können. Wenn ich mit einem Problem konfrontiert werde, lasse ich in Gedanken grundsätzlich noch einmal alle Misserfolge meines bisherigen Lebens Revue passieren. Dadurch wird mir klar, dass solche Schlappen unvermeidlich sind, und es fällt mir leichter, etwas aus meiner jetzigen Katastrophe zu lernen und mich weiterzuentwickeln.

Mit unserer heuchlerischen Einstellung gegenüber Misserfolgen schaden wir nicht nur uns selbst, sondern auch unserem Team und unserem Unternehmen. Wenn Sie eine Führungsposition innehaben, sollten Sie endlich den Mut aufbringen, offen zu Ihren Misserfolgen zu stehen. Natürlich wird Ihnen das anfangs peinlich sein; doch durch diese Offenheit können Sie mehr aus Ihren Fehlern lernen. Und nicht nur das: Ihr Team wird dadurch mit der Zeit immer stärker werden - und Sie selbst auch. Also hören Sie auf, den Kopf in den Sand zu stecken: Verwandeln Sie Ihre Katastrophen in Erfolge!


Der Umgang mit Fehlern ist nicht leicht. Darum haben wir dem Thema die Titelgeschichte der September-Ausgabe gewidmet. Dort zeigen die Professoren Julian Birkinshaw von der London Business School und Martine Haas von der Wharton School in Pennsylvania wie Manager den Wert jedes Misserfolgs ermitteln können. So werden die Fehler messbar - und damit zu managen. Jetzt online lesen oder das Heft bestellen.


Aus Fehlern lernen


Warum sich Scheitern lohnt - eine Anleitung in drei Schritten


Zum Autor
Justin Brady ist ein totaler Versager. Seine Misserfolge sind der Nährboden für seine Kreativität; und er verhilft anderen Menschen zu einer ähnlich positiven Einstellung zu diesem Thema. Wenn Sie mehr über ihn erfahren möchten, besuchen Sie seine Webseite justinbrady.me und abonnieren Sie den The Creativity Cultivator Podcast, in dem er über die Fehlschläge anderer Menschen berichtet.
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