Gemeinsam sind wir stark

Motivation:

Von Heidi Grant Halvorson
1. Oktober 2014
Getty Images

Menschen sind von Grund auf soziale Wesen - wir sind nun einmal so gestrickt, dass wir Kontakt zueinander aufnehmen und zusammenarbeiten möchten. Ohne unser instinktives Bedürfnis, in Gruppen zu leben und zu arbeiten, hätten wir als Art niemals überlebt, denn rein körperlich sind wir einfach nicht stark oder furchterregend genug.

Es gibt unzählige wissenschaftliche Untersuchungen dazu, wie wichtig soziale Beziehungen für uns sind. Wie der Neurowissenschaftler Matt Lieberman in seinem Buch Social: Why Our Brains are Wired to Connect erklärt, ist unser Gehirn so stark auf unsere Beziehungen zu anderen Menschen ausgerichtet, dass es auf soziale Erfolge und Misserfolge ebenso reagiert wie auf körperlichen Genuss oder physischen Schmerz. Ablehnung zum Beispiel registrieren wir auf mentaler Ebene genauso als "Verletzung" wie einen Schlag auf den Kopf - deshalb ist Ihnen nach einer Trennung tatsächlich wohler zumute, wenn Sie eine Aspirintablette nehmen.

Für David Rock, den Gründer des NeuroLeadership Institute, ist die Beziehung (Gefühle des Vertrauens, der Verbundenheit und Zusammengehörigkeit) neben Status, Gewissheit, Autonomie und Fairness eine der fünf wichtigsten positiven beziehungsweise negativen sozialen Gefühlskategorien. Rocks Untersuchungen zeigen, dass Leistung und Engagement von Mitarbeitern, die in diesem Gefühl der Beziehung bedroht werden oder scheitern, mit ziemlicher Sicherheit darunter leiden. Andere Untersuchungen konnten nachweisen, dass dem Gefühl von Zusammenarbeit tatsächlich eine stärkere Motivation folgt - vor allem intrinsische Motivation, jenes Elixier, das mit Interesse, Freude und Engagement einhergeht und die besten Leistungen aus uns herausholt.

Theoretisch gesehen müsste an unseren modernen Arbeitsplätzen ein intensives Zusammengehörigkeitsgefühl herrschen. Denn im Gegensatz zu unseren Vorfahren, die als Jäger und Sammler durch die Wildnis streiften, arbeiten heutzutage die meisten Menschen in Teams. Und Teams sollten eigentlich eine reiche Quelle solcher intrinsischer Belohnungen sein, die mit dem Gefühl der "Zugehörigkeit" zusammenhängen.

Aber das Paradoxe daran ist: Obwohl die meisten Menschen Teamziele verfolgen, an Teambesprechungen teilnehmen und aufgrund ihrer Teamleistung bewertet werden, erledigen nur wenige ihre eigentliche Arbeit im Team. Nehmen Sie zum Beispiel mich: Ich führe alle meine Untersuchungen zusammen mit einem Team anderer Wissenschaftler durch. Ich wirke regelmäßig als Koautor an Büchern und Zeitschriftenartikeln mit. Und ich treffe mich auch immer wieder mit meinen Kollegen, um Ideen zu besprechen und Pläne zu machen. Aber ich habe noch niemals Daten gemeinsam mit einem Kollegen analysiert, der neben mir saß, oder ein Experiment zusammen mit einem anderen Wissenschaftler durchgeführt - und meine Koautoren und ich haben ihre Texte auch noch nie im selben Zimmer in den Computer eingetippt. Natürlich arbeiten wir an vielen unserer Ziele und Projekte gemeinsam; aber im Gegensatz zu den Menschenhorden aus prähistorischer Zeit, die sich zusammentaten, um ein Mammut zu erlegen, erledigen wir heutzutage den größten Teil unserer Arbeit allein.

Das ist, um es in einem Wort zu sagen, das Eigenartige an Teams: Sie sind die größte (potenzielle) Quelle der Verbundenheit und Zusammengehörigkeit am Arbeitsplatz; und doch gehört Teamarbeit zu unseren einsamsten Arbeiten.

Wir müssen also einen Weg finden, unseren Mitarbeitern wenigstens das Gefühl echter Zusammenarbeit im Team zu geben, auch wenn das nicht der Realität entspricht. Aufgrund von Untersuchungen von Priyanka Carr und Greg Walton von der Stanford University kennen wir mittlerweile eine sehr wirkungsvolle Methode, das zu erreichen: Man braucht einfach nur das Wort "zusammen" zu benutzen.

Seite
1
2
Artikel
Kommentare
1
giggs 01.10.2014

"Etikettenschwindel": "Aber ich habe noch niemals Daten gemeinsam mit einem Kollegen analysiert, der neben mir saß, oder ein Experiment zusammen mit einem anderen Wissenschaftler durchgeführt - und meine Koautoren und ich haben ihre Texte auch noch nie im selben Zimmer in den Computer eingetippt." Dass wir uns in unserer "modernen Arbeitswelt" trotz Teamarbeit einsam fühlen liegt auch daran, dass "Team(-arbeit)" mittlerweile inflationär "missbraucht" wird: Der renommierte Harvard-Professor, Richard Hackman, hat deshalb in seiner "Theory of Teamcoaching" die Dimension "real team" eröffnet. Es handelt sich nach dieser Auffassung nur um ECHTE Teamarbeit, wenn die Faktoren "bounded" (Jeder weiß, wer zum Team gehört und nicht.), "interdependent" (Die Teammitglieder sind von einander abhängig- nur so kann das Produkt/die Dienstleistung fertig gestellt werden.) und "stable" (Zusammenarbeit erstreckt sich über längeren Zeitraum.) überdurchschnittlich ausgeprägt sind. Beim Autobauer wird einsam-monotone Fließbandarbeit als "Teamarbeit" tituliert, obwohl diese nichts mit derselben zu tun hat. Anders sieht es aus, wenn mehrere Fließbandarbeiten miteinander zusammenhängen und die Menschen, die die Teile fertigen und die Maschinen einsam bedienen von einander abhängig sind nach dem Motto "Ich kann erst weiter machen, wenn du mir dein Teil vorbei bringst". Hier hätte es Sinn das Wort "zusammen" und den Begriff "Teamarbeit" -ganz nach dem Motto von Frau Halvorson- zu benutzen, um zu versuchen die intrinsische Motivation der MA wahrscheinlicher zu machen. Das Schreiben von Gedichten, Reden oder Papern ist hingegen (zum Glück und im Sinne der Qualität) normalerweise keine Teamarbeit und hier würde es auch wenig Sinn machen, Attribute wie "gemeinsam" oder "Teamarbeit" zu verwenden...

Diskussionsregeln

Wir freuen uns über lebendige, konstruktive und inspirierende Diskussionen auf HBM Online. Um die Qualität der Debattenbeiträge sicherzustellen, werden unsere Moderatoren jeden Beitrag prüfen. Eine Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Beiträge mit vorwiegend werblichem, strafbarem, beleidigendem oder anderweitig inakzeptablem Inhalt werden von unseren Moderatoren gelöscht.

© Harvard Business Manager 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Die neuesten Blogs
Nach oben