Ein fettes Dislike

Kolumne:

Von Holger Rust
24. Februar 2015
Corbis

Wie komme ich eigentlich dazu, ständig Daumen zu drücken? Oder, um es im coolen Slang der Digital Natives auszudrücken, irgendwas zu liken? Gut, mir gefällt, wenn ich so durch die Stadt wandere, manchmal etwas in einem Schaufenster. Aber ich bin weit davon entfernt, einfach den Laden zu betreten, meinen Daumen in die Höhe zu recken und zu rufen: "Ey Leute, das gefällt mir!"

Wenn ich das täte, wären verschiedene Reaktionen denkbar: Die wahrscheinlichste ist, dass die mich für leicht verschroben halten. Es wäre auch denkbar, dass sie fragen: Was genau meinen Sie denn jetzt? Und dann stehe ich da und weiß gar nicht genau, was ich meine.

Nun ist es aber bekanntlich so, dass, sobald ich auf dieselben Angebote derselben Läden im Internet treffe, sie von mir erwarten, dass ich den Daumen recke und genau das tue: "Gefällt mir!" rufen.

Offensichtlich glauben sie, dass ich anonym eher bereit bin, sie zu liken, so wie man früher als pubertierender Pennäler geraubte Bilder von Angebeteten bedichtete, allerdings ohne die Erträge anonym dann auch zu senden.

Nun recken also Abermillionen bei irgendeiner Onlineauslage ihre virtuellen Daumen. Die Frage bleibt: Was genau meinen die damit? Um das herauszukriegen, habe ich, wie es in der Vorbereitung zu dieser Kolumne nicht unüblich ist, die befragt, die es häufig tun, Digital Natives: "Stell dir vor, da gäb's keinen Knopf, und du müsstest sagen, was du meinst. Sogar schreiben. Was würdest du schreiben?"

Schreiben? Nachdem sie eine ziemlich lange Zeit nachgedacht hatten, kam dies heraus: Gefällt mir? Das heißt: "Passt schon irgendwie." Sehr oft "Klingt gut", "Is' ganz ok", "Nix gegen zu sagen" oder "Da kann man nicht meckern." Selten: "Voll irre!", "Megageil!" oder ähnlich enthusiastische Ausbrüche. Statistiker würden sagen: die volle Breite der Zustimmungsskala.

Etwas anderes will man ja auch nicht als Unternehmen. Zustimmung. Und damit man sie bekommt, gibt es eben mit wenigen Ausnahmen nur optimistisch nach oben gereckte Daumen. Ganz selten nur, fast nie, findet sich ein Dislike-Button. So was ist definitiv von den meisten Social Media und Unternehmen nicht gewünscht.

Denn für die Firmen, schreibt ein renommierter unternehmerischer Ratgeber-Blog, dessen Namen ich hier nicht nennen will, "ist es wichtig, dass Benutzer in sozialen Netzwerken wie Facebook nicht massenhaft negative Bewertungen abgeben können - vor allem nicht so schnell und bequem wie über einen einzigen Klick. Denn für jedes Produkt oder Angebot, dem von vielen Mitgliedern ,Daumen runter' gezeigt werden würde, wäre dies äußerst schlechte Werbung".

Erstaunlich: Freiwilliger Verzicht auf Daten, das muss man sich mal vorstellen! Die kriegt man eventuell über Shitstorms und Flashmob-Aktivitäten.

Das gefällt mir gar nicht, mir, der ich nicht auf Schwarmaktionen warten, auch keine umfänglichen Kommentare absondern will, der ich einfach hier und da mal den Daumen senken möchte. Ich will Dislike-Buttons, um die ganze Bandbreite meiner Kundenmeinung dokumentieren zu können. Wobei nun wiederum leider auch hier die Frage droht: Was heißt es eigentlich wirklich, wenn jemand was disliked?


Kein Zen im Kleiderschrank


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Holger Rust
Felix Scheinberger
Holger Rust ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen.

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