So schaffen Sie den Sprung vom Freund zum Chef

Karriere:

Von Bill Gentry
7. April 2015
Corbis

Ein Mann kommt in eine Bar.
Der Barkeeper bemerkt, wie traurig er aussieht, und fragt: "Alles okay?"
"Ich habe gerade meinen besten Freund verloren", erwidert der Mann.
"Wie ist denn das passiert?"
"Ich bin jetzt sein Chef."

Wir alle brauchen Freunde bei der Arbeit. Benötigen Sie einen guten Rat für ein Projekt? Haben Sie einen großen Kunden an Land gezogen oder irgendetwas anderes Wichtiges erreicht, was unbedingt gefeiert werden muss? Müssen Sie Ihrem Ärger über Ihren anspruchsvollen, kontrollsüchtigen, unvernünftigen, ignoranten, dummen und widerwärtigen Chef Luft machen? Dazu hat man Freunde.

'Die Vorteile solcher freundschaftlicher Beziehungen sind inzwischen wissenschaftlich erwiesen. Eine Untersuchung des Gallup Instituts zeigt, dass Mitarbeiter, die gute Freunde am Arbeitsplatz haben, engagierter sind und dass ihre Unternehmen mehr Profit abwerfen und ihre Kunden fester an sich binden können als Firmen, in denen enge Freundschaften zwischen Kollegen eher die Ausnahme sind. Der Psychologe Abraham Maslow war schon vor 60 Jahren der Ansicht, dass das Zugehörigkeitsgefühl zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehört und in der Reihenfolge der Wichtigkeit gleich hinter dem Bedürfnis nach Nahrung, Wasser und Sicherheit kommt. Ich glaube, man kann getrost behaupten, dass wir Freunde im Berufsleben genauso dringend brauchen wie im privaten Bereich.

Aber wenn Sie vor kurzem in Ihre erste Führungsposition befördert worden sind, werden Sie sicherlich wissen, dass enge Freundschaften am Arbeitsplatz auch kompliziert sein können. Vorher haben Sie und Ihre Freunde hinter dem Rücken des Chefs über ihn gelästert. Jetzt sind Sie selber der Chef, und Ihre Freunde beklagen sich hinter Ihrem Rücken über Sie.

Vielleicht erwarten sie, von Ihnen bevorzugt zu werden, während die anderen Mitarbeiter Angst vor Vetternwirtschaft haben. Als Scott Tonidandel, Professor am Davidson College, sein ehemaliger Student Paige Logan und ich fast 300 frischgebackene Chefs fragten, mit welchen Herausforderungen sie denn in ihrer neuen Führungsposition zu kämpfen hätten, stellten wir fest: Der Wandel vom besten Freund zum Vorgesetzten - jener Prozess, den wir in unserer Umfrage als "Anpassung an die Führungsrolle und Ausstrahlung von Autorität" bezeichneten - war für sie die größte Hürde. Diese Umstellung bereitete fast 60 Prozent aller befragten Managern Probleme. Eine neue Führungskraft drückte das so aus:

"Es fällt mir schwer, jetzt plötzlich der Vorgesetzte meiner früheren Kollegen zu sein. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute ihre Aufgaben und Projekte nicht so ernst nehmen, wie sie eigentlich sollten, weil sie glauben, sie könnten ihr freundschaftliches Verhältnis zu mir ausnutzen. Und auch mir fällt es schwer, hier eine klare Grenze zu ziehen, weil wir früher einmal gleichgestellte Kollegen waren."

Interessanterweise scheinen diese Bedenken sich zu legen, sobald eine Führungskraft auf der Karriereleiter weiter nach oben steigt. Als ich im Rahmen meiner eigenen Recherchen Manager der mittleren Führungsebene weltweit danach befragte, was ihnen in ihrem Arbeitsleben am meisten Sorgen bereitete, gehörte der Umgang mit dem Wechsel von der Freundes- in die Vorgesetztenrolle nicht einmal zu den zehn wichtigsten Problemen. Untersuchungen des Center for Creative Leadership (CCL) zeigen, dass auch C-Level-Führungskräfte andere Sorgen haben - sie müssen bereichsübergreifend denken, unterschiedliche Gruppen von Mitarbeitern führen, sich um die Performance ihres Unternehmens und um das Talentmanagement kümmern. Kurz gesagt: Sie haben wichtigere Probleme. Neue Chefs dagegen tragen noch nicht so viel Verantwortung und haben sich auch noch nicht an ihre Führungsrolle gewöhnt. Daher spüren sie die psychischen Auswirkungen der neuen Dynamik an ihrem Arbeitsplatz viel stärker.

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