So gehen Sie mit einem wütenden Chef um

Selbstmanagement:

Von Karen Dillon
Getty Images

Ich weiß noch, wie ich vor Jahren als Chefredakteurin einer renommierten Zeitschrift einer Spitzenreporterin gegenüber total aus der Rolle gefallen bin. Nach einem langen Arbeitstag in der Redaktion fuhren wir spätabends noch gemeinsam mit dem Taxi nach Hause; und als ich bei ihr nachhakte, wann ich denn endlich den Artikel bekommen würde, an dem sie gerade arbeitete und mit dem sie schon sehr spät dran war, erklärte sie mir, sie wisse nicht, ob sie den Termin einhalten könne - vielleicht könne der Artikel in der kommenden Ausgabe unseres Magazins überhaupt nicht mehr erscheinen.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich flippte total aus und schrie sie an. Meine Gedanken drehten sich im Kreis - all die Hebel, die ich nun wieder in Bewegung setzen musste, um dieses Problem zu lösen. So wütend war ich in meiner ganzen beruflichen Karriere noch nie gewesen. Als ich aus dem Taxi stieg, knallte ich die Tür so fest hinter mir zu, wie ich konnte. Die Reporterin ging mir den ganzen nächsten Tag aus dem Weg, und die ungute Stimmung zwischen uns beiden schwelte ein paar Tage lang vor sich hin, bis ich schließlich einen neuen Artikel fand, um die Lücke zu füllen. Erst da konnte ich wieder vernünftig mit ihr über das Thema reden - und als der Artikel dann endlich fertig wurde, war er fantastisch.

Mein damaliger Auftritt war nicht gerade meine Meisterleistung als Managerin; aber ich kann mir vorstellen, dass der Reporterin dabei noch viel schlimmer zumute war als mir. Wer verscherzt es sich schon gerne mit seinem Chef? Immer mehr Studien zeigen, wie wichtig die Beziehung zum Vorgesetzten für die Zufriedenheit eines Menschen am Arbeitsplatz ist. Außerdem entscheidet der Chef natürlich über viele Aspekte Ihres Arbeitslebens - von Aufgabenbereichen und Gehaltserhöhungen bis hin zur Bewilligung von Urlaubstagen.

Rückblickend wünschte ich, ich wäre anders mit diesem Problem umgegangen. Als Chefin hätte ich das Problem in aller Ruhe am nächsten Morgen mit meiner Mitarbeiterin besprechen sollen, nachdem wir beide über die Sache geschlafen hatten. Inzwischen hätte ich auch Zeit gehabt, vernünftig über die Konsequenzen des geplatzten Termins nachzudenken. Aber Chefs sind nun mal genauso wenig perfekt wie andere Menschen; und manchmal muss dann eben der Mitarbeiter die Scharte auswetzen. Es ist sicher nicht leicht, seinem Chef in so einer Situation gegenüberzutreten, zumal er am längeren Hebel sitzt; aber wenn Sie die Sache wieder in Ordnung bringen wollen, dürfen Sie nicht schüchtern sein, sondern müssen die Initiative ergreifen.

Und so geht es:

Machen Sie sich nicht unsichtbar: Widerstehen Sie der Versuchung, Ihrem Chef aus dem Weg zu gehen oder den Konflikt unter den Teppich zu kehren. Denn dann schwelt er womöglich unterschwellig weiter und führt immer wieder zu neuen Wutausbrüchen Ihres Vorgesetzten, die vielleicht in keinem Verhältnis zu Ihrem ursprünglichen Fehlverhalten stehen. Es ist wichtig, sich um eine gestörte Arbeitsbeziehung zu kümmern, betont Jeff Weiss, Partner bei Vintage Partners, einer Beratungsfirma, die sich auf Verhandlungen und Beziehungsmanagement spezialisiert hat. Also warten Sie nicht, bis Ihr Chef die Initiative ergreift und alles wieder ins Lot bringt. Sobald Sie das Gefühl haben, ruhig und vernünftig über die Angelegenheit sprechen zu können, gehen Sie zu ihm, um reinen Tisch zu machen.

Holen Sie sich Input. Widerstehen Sie dem Impuls, das Ereignis im Kollegenkreis breitzutreten. Es kann schnell zu einer sehr angespannten Situation führen, wenn alle sich den Mund darüber zerreißen und Ihr Vorgesetzter davon erfährt. Aber es kann durchaus sinnvoll sein, das Problem mit einem Freund oder Kollegen Ihres Vertrauens zu besprechen, um Ihren Gefühlen Luft zu machen und die Sache aus einer anderen Perspektive zu sehen. Sie können auch gemeinsam mit Ihrem Freund "proben", was Sie Ihrem Chef sagen möchten, und er kann Sie darauf hinweisen, wenn Sie an manchen Punkten vielleicht zu defensiv oder unaufrichtig wirken.

Denken Sie daran, dass Ihre Chefin nicht nur diese eine "Baustelle" hat. Sie reagiert ganz normal auf Stress und Enttäuschungen - so wie alle anderen Menschen auch. Und vielleicht reagiert sie aus Gründen, die Ihnen im Augenblick nicht klar sind, übermäßig heftig. Als ich meine Reporterin anschrie, lag das daran, dass ich in Gedanken längere stressige Arbeitstage und -nächte vor mir sah, die es mich kosten würde, einen Ersatzartikel für die nächste Ausgabe unseres Magazins zu finden. Doch das wusste sie damals wahrscheinlich nicht. Versuchen Sie das Problem aus der Perspektive Ihrer Vorgesetzten zu sehen!

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MarcoHass 07.11.2014

Hm, diesen Artikel habe ich schon gelesen! Allerdings finde ich Mehrfachverwertung, auch von geistigem Eigentum, Umweltbewußt. Auch erinnert es mich daran, dass MA nicht zurückbrüllen sollen. Daran werde ich sie wieder mal erinnern. ;-)

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