Unsere selbst verschuldete Komplexität

Forschung:

Von Roger L. Martin
20. September 2013

Menschen, die beruflich umfangreiche Probleme untersuchen wie beispielsweise Managementforscher oder Ökonomen scheinen sich einig zu sein: Die Welt wird immer komplexer - und das macht ihre Arbeit schwieriger. Wenn diese Diagnose zutrifft, dann sollten wir ihnen dankbar dafür sein, dass sie es immer noch versuchen. Und wir sollten die Experten nicht dafür kritisieren, dass sie nicht mehr Fortschritte zustande bringen. Aber stimmt die These der zunehmenden Komplexität wirklich?

  Universelle Komplexität : Sie wäre vermeidbar, wird stattdessen immer mehr verstärkt
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Universelle Komplexität: Sie wäre vermeidbar, wird stattdessen immer mehr verstärkt

Die Vielzahl von Bedeutungen, die das Wort Komplexität trägt, kann es schwierig machen, solche Behauptungen zu überprüfen. Hilfreich ist es, mit einer robusten, allgemein anerkannten Definition zu beginnen. Mir gefällt vor allem eine alte, aber einfache am besten: die Definition von Peter Senge, formuliert in seinem Buch "The Fifth Discipline". Senge erklärt damit auch, warum scheinbar ausgeklügelte Prognosewerkzeuge so oft ihr Ziel verfehlen:

"Sie alle sind darauf ausgelegt, die Art von Komplexität zu beherrschen, bei der es viele Variablen gibt: Detail-Komplexität. In Wirklichkeit aber gibt es zwei Arten von Komplexität. Bei der zweiten handelt es sich um dynamische Komplexität, also um Situationen, in denen Ursache und Wirkung schwierig zu erkennen sind und bei denen die Folgen von Interventionen im Zeitverlauf nicht offensichtlich sind. Konventionelle Methoden für Prognosen, Planung und Analyse sind nicht dafür geeignet, solche dynamische Komplexität zu handhaben."

Senges Unterscheidung zwischen Detail-Komplexität und dynamischer Komplexität ist nicht nur sehr nützlich, um das Versagen von manchen gelobten Werkzeugen zu erklären: Sie ist zugleich die Erklärung dafür, warum wachsendes Wissen in einem bestimmten Feld automatisch dazu führt, dass Komplexität entsteht und zunimmt.

Das Fallbeispiel AIDS

Der Ausgangspunkt für Wissen sind Mysterien. Alles, was wir heute wissen, begann als Mysterium, bei dem wir nicht einmal die Variablen erkennen und deshalb schon gar nicht Ursachen und Wirkungen verstehen konnten. Denken Sie einmal daran zurück, wie ratlos die Welt in den ersten Tagen der AIDS-Krise war. Wir wussten damals schlicht nicht, was wir über diese neue und schreckliche Krankheit denken sollten.

Mit der Zeit entwickelte es sich bei AIDS so wie in den meisten anderen Wissensbereichen auch: Es wurde immer weniger rätselhaft. Mit harter Arbeit und Untersuchungen fanden wir irgendwann eine Heuristik. Wir begannen also zu verstehen, auf welche Variablen es ankam, und entwickelten ein Gefühl für Ursache und Wirkung. Später schlussfolgerten wir, dass es sich bei AIDS um eine nicht angeborene Autoimmunkrankheit handelt, die hauptsächlich durch Sexualkontakte übertragen wird. Damit hatten die Forscher eine Grundlage dafür, um sich dann auf die relevanten Variablen zu konzentrieren und Ursache-Wirkungsbeziehungen besser verstehen zu können - wie etwa den Zusammenhang zwischen ungeschütztem Sex und einer Ansteckung.

Manchmal schreitet das Wissen sogar so weit voran, dass es in einem Algorithmus festgehalten werden kann, in dem jede relevante Variable spezifiziert und die Beziehungen zwischen Ursachen und Wirkungen präzise definiert sind. Dies war zum Beispiel bei Polio der Fall: Wir fanden heraus, was diese Krankheit auslöst, und entwickelten einen Impfstoff dagegen. Wer ihn nimmt, ist sein Leben lang vor Polio geschützt.

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Kommentare
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mayconsult 20.09.2013

Vom Schaden des "guten" Denkens
"Was uns plagt, ist selbst geschaffene Komplexität." Genau so ist es. Immer mehr Spezialisten für engste Bereiche: Das sind Experten, die von wenig viel wissen. Ein typisches Beispiel ist die Gesetzgebung: Würde es ernsthaft auffallen, wenn Bundestag und Bundesrat 4 Jahre lang mal keine Gesetze verabschieden würden? Wohl eher nicht. Die Folterkammer von bestehenden Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien kann schon heute niemand mehr übersehen und gar einhalten. Aber die Abgeordneten stehen unter "Lieferdruck" für Dinge, die niemand wirklich bestellt hat. So wird es immer komplexer und die Politikverdrossenheit steigt. Politiker hingegen nennen das "Gestalten". Hinzu kommt, dass unser Verhalten eben meist nicht rational ist. Dieses wird von Emotionen aller Art wie Zuneigungen, Abneigungen und auch Interessen geleitet. Es gibt daher eine weitere große Fehlentwicklung. Wissenschaft genügt oftmals gar nicht mehr wissenschaftlichen, also ergebnisoffenen Standards. So meint der Wissenschafter Richard Thaler aus den USA, man müsse die Menschen in die Richtung "schubsen", die ihr Leben erleichtert. Da eignen sich Wissenschaftler die Deutungshoheit an, was gut für "die Menschen" sei. Dabei wissen sie es selbst nicht richtig. So scheint mir etwa bezüglich des Klimawandels (den es immer gab und geben wird) dass IPCC eher politisch als wissenschaftlich ausgerichtet. Wer bezahlt nimmt meistens Einfluß auf die Inhalte. Daher dürfte ein Großteil angeblicher Studien nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich sein.

MarcoHass 20.09.2013

Komplexität ist KEINE Frage von Schuld!
Eine Pferdekutsche ist nicht so komplex wie ein modernes Auto.-Wer ist Schuld daran? - Was hätte ein Fotgraf Anfang des letzten Jahrhunderts zu digitaler Bildbearbeitung gesagt? -Die Welt damals war genauso Komplex wie heute! Damals wie heute gibt es Menschen, die einzelnes Spezialwissen in größeren Kontexten integrieren können. -Man nennt sie Führungskräfte. Doch diese stoßen zunehmend in den derzeit simple, hirarchisch organisierten Strukturen und gelebten Wertevorstellungen an ihre Grenzen. Die zukünftige Führungskraft ist nicht mehr die Person, die sagt wo es lang geht, sondern der Mensch, der von SpezialistenInnen ausgewählt wird, komplexe Zusammenhänge moderierend zusammenzuführen um ein verwendbares Ergebnis zu erhalten. Hierzu sind Offenheit, Höflichkeit und angemessene Autokrathie in qualitativ (nicht die meisten Kontakte zählen hier, sondern die Richtigen) organisierten Netzwerken erforderlich. Fazit: Das lösen von Komplexität ist eine Frage von zusammenarbeitenden, offenen und Respekt geprägten Menschen, die Rechthaberei, Stellung, Status, Eitelkeit und Ruhm dem zu lösenden Problem bedingungslos unterordnen können und angemessen honoriert werden. Ganz einfach! ;-) Marco Hass

debonoo 22.09.2013

Mehr Wissen = mehr Komplexität
Mehr Wissen - macht mehr Komplexität nicht weniger weil mehr Wissen bloß weiterführt und nicht unbedingt zu endgültige Antworten führt... so ist also schon die Einleitung zum Thema der falsche Ansatz... das ist schon wieder so ein genauso verwirrender wie überflüssiger Artikel mfG.

debonoo 22.09.2013

Zusatz
Der Artikel ist voller unverständlicher und unvollendeter Gedanken.. es scheint als sei der Autor mit dem Thema Komplexität überfordert.. so bleibt der Artikel ergebnislos, es kommt nichts dabei heraus, keine klare Aussage - kein Lösungsansatz... Peter Drucker würde sich im Grabe umdrehen..

Unregistriert 23.09.2013

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Der Hinweis auf die Kosten der Spezialisierung des Wissens und der Kompetenz ist sehr wichtig. Ich meine mich erinnern zu können das schon anderswo gelesen und diskutiert zu haben. Weniger gelungen finde ich an dem Artikel, dass der Autor so tut als sei die Komplexität des Untersuchungsobjektes unabhängig von der Erkenntnis-Absicht und den Arbeitsbedingungen der Forscher. Die starke Spezialisierung der heutigen Forschung z.B. ist bekanntlich zum Teil eine Folge der heutzutage an Forscher gestellten Anforderungen an deren Output und der schwachen arbeitsrechtlichen Stellung der Forscher, die es ihnen schwer macht sich diesen Anforderungen zu widersetzen oder zu entziehen. Pikanterweise ist es häufig das Management, das die Komplexität der Arbeit von Wissensarbeitern erhöht weil es, zum Zwecke von Rationalisierungen, scheinbar sinnvolle aber sachfremde Vorgaben macht und unangemessene Randbedingungen schafft.

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