Unsere selbst verschuldete Komplexität

20. September 2013

2. Teil: Eine Welt der Detail-Komplexität

Nur Teilprobleme im Blick

In der AIDS-Forschung sind wir bis zu einem solchen Algorithmus bislang nicht gekommen. Noch ist unklar, was die relevanten Variablen sind, und beim Versuch, Ursache und Wirkung exakt zu verstehen, muss man immer noch viele Feinheiten beachten. Trotzdem haben wir die Phase eines Mysteriums hier längst hinter uns gelassen. Es gibt bereits viele Medikamente, die dabei helfen, dass HIV-infizierte Patienten nicht die vollen AIDS-Symptome ausbilden.

AIDS-Forscher versuchen, Ursache und Wirkung zu identifizieren, weil sie erklären wollen, wie die Welt funktioniert - und so macht es auch jeder andere Wissenschaftler seit den Zeiten von Aristoteles. Sie alle wollen das Wissen bis zu einem klaren Algorithmus wie E=MC² bringen, in dem alle Unklarheiten beseitigt sind.

Die Frage ist: Wie gehen sie dabei vor? Wie eliminieren sie die Unklarheit in Bezug auf Ursache und Wirkung, um Wissensstand in die Nähe eines Algorithmus' zu bringen? Die Antwort: Meistens gehen Wissenschaftler Ursache und Wirkung (also dynamische Komplexität) an, indem sie die Zahl der betrachteten Variablen (also die Detail-Komplexität) verringern.

Meine eigene Profession - die der Ökonomen - neigt besonders in diese Richtung. Auf jeden Wissenschaftler dieser Fachrichtung, der an einem Problem eines allgemeinen Gleichgewichts arbeitet, kommen Tausend, die sich mit partiellen Gleichgewichten beschäftigen. Dabei würde niemand bestreiten, dass Klarheit in Form eines allgemeinen Gleichgewichts das wertvollste Wissen ist, das man bekommen kann. Warum dann die Konzentration auf Teilprobleme? Weil es wirklich schwierig ist, Ursache-Wirkungsbeziehungen für ein allgemeines Gleichgewicht zu spezifizieren.

Stattdessen kümmern sich also die meisten um enge Probleme; unklaren Ursachen und Wirkungen wird dabei mit der berühmten Annahme "alles andere unverändert" begegnet. Jeder enge Wissensbereich entwickelt analytische Werkzeugkästen, die sein enges Wissen vertiefen. Und jeder enge Wissensbereich entwickelt immer stärker algorithmisches Wissen. Wer daran beteiligt ist, ist überzeugt davon, dass er Recht hat, weil er ja so sehr auf sein Fachgebiet spezialisiert ist.

Dieses Vorgehen hat eine dritte Art der Komplexität entstehen lassen: die interfachliche Komplexität. Jedes Gebiet ist unterteilt in mehrere Fachgebiete, jedes davon mit algorithmischem Wissen, spezialisierten Werkzeugen und Experten, die glauben, dass sie absolut richtig liegen. Und das tun sie tatsächlich - solange man die Realität von Detail-Komplexität ignoriert.

Irreführender Eindruck

Die echte Welt jedoch, in der wir leben und immer gelebt haben, ist eine Welt der Detail-Komplexität. Wenn wir also die Detail-Komplexität opfern, um uns auf dynamische Komplexität zu konzentrieren, kommen dabei nicht die Ergebnisse heraus, die wir wirklich wollen. Viele Ökonomen leisten hervorragende Arbeit - aber es ist nicht klar, ob sie damit wirklich Regierungen geholfen haben, die komplexe Aufgabe der Steuerung einer Volkswirtschaft besser zu erledigen. Und trotz erheblicher Fortschritte in engen Fachgebieten des medizinischen Wissens sind Behandlungserfolge schwierig zu erreichen, vor allem wenn hohe Detail-Komplexität im Spiel ist.

Ich glaube, so kommt der allgemeine Eindruck, dass Komplexität zunehmen würde, zu Stande. Ich selbst bin absolut nicht der Ansicht, dass die unklaren Zusammenhänge zwischen Ursachen und Wirkungen in dieser Welt zugenommen haben. Es sind nur die negativen Folgen der weitgehend ignorierten fachübergreifenden Komplexität, die dafür sorgen, dass wir uns von massiver, unbeherrschbarer Komplexität überwältigt fühlen.

Mit anderen Worten: Was uns plagt, ist selbst geschaffene Komplexität. Sie wäre vermeidbar, wird aber stattdessen durch das Streben nach engem Wissen in einer weiten Welt verstärkt.

Um wirkliche Fortschritte bei Problemen im großen Maßstab machen zu können, müssen wir deshalb unbedingt herausfinden, wie der richtige Umgang mit fachübergreifender Komplexität aussieht.

Der obige Artikel ist Teil einer Serie von Beiträgen, die im Vorfeld des Drucker Forums 2013 das Thema "Komplexitäts-Management" von verschiedenen Seiten her beleuchten. Mehr zu den Themen der Konferenz, zum Programm und zur Teilnahme finden Sie auf der Website des Forums.

Die Beiträge des Drucker Forums können Sie auch per Live-Stream mitverfolgen. Dafür müssen Sie sich hier registrieren.
Zur Person
Roger Martin ist Dekan der Rotman School of Management an der University of Toronto.

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Kommentare
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mayconsult 20.09.2013

Vom Schaden des "guten" Denkens
"Was uns plagt, ist selbst geschaffene Komplexität." Genau so ist es. Immer mehr Spezialisten für engste Bereiche: Das sind Experten, die von wenig viel wissen. Ein typisches Beispiel ist die Gesetzgebung: Würde es ernsthaft auffallen, wenn Bundestag und Bundesrat 4 Jahre lang mal keine Gesetze verabschieden würden? Wohl eher nicht. Die Folterkammer von bestehenden Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien kann schon heute niemand mehr übersehen und gar einhalten. Aber die Abgeordneten stehen unter "Lieferdruck" für Dinge, die niemand wirklich bestellt hat. So wird es immer komplexer und die Politikverdrossenheit steigt. Politiker hingegen nennen das "Gestalten". Hinzu kommt, dass unser Verhalten eben meist nicht rational ist. Dieses wird von Emotionen aller Art wie Zuneigungen, Abneigungen und auch Interessen geleitet. Es gibt daher eine weitere große Fehlentwicklung. Wissenschaft genügt oftmals gar nicht mehr wissenschaftlichen, also ergebnisoffenen Standards. So meint der Wissenschafter Richard Thaler aus den USA, man müsse die Menschen in die Richtung "schubsen", die ihr Leben erleichtert. Da eignen sich Wissenschaftler die Deutungshoheit an, was gut für "die Menschen" sei. Dabei wissen sie es selbst nicht richtig. So scheint mir etwa bezüglich des Klimawandels (den es immer gab und geben wird) dass IPCC eher politisch als wissenschaftlich ausgerichtet. Wer bezahlt nimmt meistens Einfluß auf die Inhalte. Daher dürfte ein Großteil angeblicher Studien nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich sein.

MarcoHass 20.09.2013

Komplexität ist KEINE Frage von Schuld!
Eine Pferdekutsche ist nicht so komplex wie ein modernes Auto.-Wer ist Schuld daran? - Was hätte ein Fotgraf Anfang des letzten Jahrhunderts zu digitaler Bildbearbeitung gesagt? -Die Welt damals war genauso Komplex wie heute! Damals wie heute gibt es Menschen, die einzelnes Spezialwissen in größeren Kontexten integrieren können. -Man nennt sie Führungskräfte. Doch diese stoßen zunehmend in den derzeit simple, hirarchisch organisierten Strukturen und gelebten Wertevorstellungen an ihre Grenzen. Die zukünftige Führungskraft ist nicht mehr die Person, die sagt wo es lang geht, sondern der Mensch, der von SpezialistenInnen ausgewählt wird, komplexe Zusammenhänge moderierend zusammenzuführen um ein verwendbares Ergebnis zu erhalten. Hierzu sind Offenheit, Höflichkeit und angemessene Autokrathie in qualitativ (nicht die meisten Kontakte zählen hier, sondern die Richtigen) organisierten Netzwerken erforderlich. Fazit: Das lösen von Komplexität ist eine Frage von zusammenarbeitenden, offenen und Respekt geprägten Menschen, die Rechthaberei, Stellung, Status, Eitelkeit und Ruhm dem zu lösenden Problem bedingungslos unterordnen können und angemessen honoriert werden. Ganz einfach! ;-) Marco Hass

debonoo 22.09.2013

Mehr Wissen = mehr Komplexität
Mehr Wissen - macht mehr Komplexität nicht weniger weil mehr Wissen bloß weiterführt und nicht unbedingt zu endgültige Antworten führt... so ist also schon die Einleitung zum Thema der falsche Ansatz... das ist schon wieder so ein genauso verwirrender wie überflüssiger Artikel mfG.

debonoo 22.09.2013

Zusatz
Der Artikel ist voller unverständlicher und unvollendeter Gedanken.. es scheint als sei der Autor mit dem Thema Komplexität überfordert.. so bleibt der Artikel ergebnislos, es kommt nichts dabei heraus, keine klare Aussage - kein Lösungsansatz... Peter Drucker würde sich im Grabe umdrehen..

Unregistriert 23.09.2013

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Der Hinweis auf die Kosten der Spezialisierung des Wissens und der Kompetenz ist sehr wichtig. Ich meine mich erinnern zu können das schon anderswo gelesen und diskutiert zu haben. Weniger gelungen finde ich an dem Artikel, dass der Autor so tut als sei die Komplexität des Untersuchungsobjektes unabhängig von der Erkenntnis-Absicht und den Arbeitsbedingungen der Forscher. Die starke Spezialisierung der heutigen Forschung z.B. ist bekanntlich zum Teil eine Folge der heutzutage an Forscher gestellten Anforderungen an deren Output und der schwachen arbeitsrechtlichen Stellung der Forscher, die es ihnen schwer macht sich diesen Anforderungen zu widersetzen oder zu entziehen. Pikanterweise ist es häufig das Management, das die Komplexität der Arbeit von Wissensarbeitern erhöht weil es, zum Zwecke von Rationalisierungen, scheinbar sinnvolle aber sachfremde Vorgaben macht und unangemessene Randbedingungen schafft.

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