Schrecken Sie vor Macht zurück?

Karriere:

Von Jeffrey Pfeffer
4. Oktober 2016
Getty Images

Um wichtige Pläne und Vorhaben durchsetzen zu können, brauchen Sie Macht. Was hat Sie bisher davon abgehalten, sich eine Machtposition aufzubauen? Und was hat Sie in Konfliktsituationen, die sich nur durch einen Machtkampf lösen ließen, zögern lassen? Die meisten Studenten und Führungskräfte, die ich in meiner bisherigen Laufbahn beraten habe, hatten dabei mit drei großen Hindernissen zu kämpfen. Vielleicht geht es Ihnen ja auch so.

1.Hindernis: Der Glaube an eine gerechte Welt

Wie weit der Glaube an eine gerechte Welt - Psychologen bezeichnen dieses Phänomen als "Gerechte-Welt-Hypothese" - verbreitet ist, darauf hat uns der Sozialpsychologe Melvin Lerner vor Jahrzehnten erstmals aufmerksam gemacht. Lerner erklärte, dass die Menschen gern an eine berechenbare, begreifbare und somit potenziell kontrollierbare Welt glauben möchten. Und sobald sie sich in diesem Glauben wiegen, sind sie auch von der Konsequenz überzeugt, die sich daraus ergibt: Wenn ich meine Arbeit gut mache und mich anständig benehme, funktioniert alles Übrige ganz von selbst.

Wenn sie Verhaltensweisen beobachten, die sie für unanständig oder selbstherrlich halten oder mit denen ihr Gegenüber "bis an die Grenzen des guten Geschmacks" zu gehen scheint, sind die meisten Menschen fest davon überzeugt, daraus nichts lernen zu können. Wer sich so verhält, mag damit zwar zunächst Erfolg haben, wird aber früher oder später garantiert scheitern. Doch der Glaube an eine gerechte Welt erschwert Ihnen den Weg zur Macht.

Erstens hemmt er Sie in Ihrer Bereitschaft, aus allen Situationen und von allen Menschen etwas zu lernen - selbst von denjenigen, die Sie nicht mögen oder respektieren.

Zweitens macht er Sie blind für die Notwendigkeit, sich eine Machtposition aufzubauen. Menschen, die die Welt für einen fairen Ort halten, übersehen oft die Stolpersteine, die ihrer Karriere schaden können.

2. Hindernis: Bücher über Management

Die meisten Bücher bekannter Führungskräfte und auch viele Vorträge und Seminare zum Thema Führungseigenschaften sollten eigentlich den Warnhinweis tragen: "Vorsicht: Dieses Material kann Ihr berufliches Überleben gefährden!" Denn viele Führungskräfte, die ihre Karriere als Vorbild anpreisen, bemänteln die Machtstrategien, die sie selbst eingesetzt haben, um an die Spitze zu kommen.

In solchen Büchern und Seminaren ist viel davon die Rede, dass man seinem inneren Kompass folgen, die Wahrheit sagen, Gefühle zeigen, sich immer bescheiden im Hintergrund halten und andere Menschen nicht verletzen oder gar schikanieren soll.

Aber darin spiegelt sich nur das Wunschdenken der Menschen wider: So sollten Leute, die an der Macht sind, sich ihrer Meinung nach benehmen. Und zweifellos wäre die Welt auch sehr viel besser und schöner, wenn alle Menschen sich authentisch, bescheiden und ehrlich verhalten und Rücksicht aufeinander nehmen würden, statt einfach nur ihre eigenen Ziele zu verfolgen.

Aber das ist ein frommer Wunsch, der an der Realität leider nichts ändert.

3.Hindernis: Ihr empfindliches Selbstwertgefühl

Viele Menschen sind selbst ihr größter Feind, und zwar nicht nur, wenn es um den Erwerb von Macht geht. Das liegt teilweise daran, dass sie sich gern ein positives Bild von sich selbst bewahren möchten. Und paradoxerweise beschützen Menschen ihr Selbstwertgefühl hauptsächlich, indem sie sich Steine in den Weg legen oder sicherheitshalber gleich von Anfang an nachgeben. Dieses auch als Self-Handicapping bezeichnete Phänomen wurde schon oft wissenschaftlich untersucht.

Doch eigentlich steckt dahinter eine einfache Logik: Jeder Mensch hat gern ein positives Bild von sich und seinen Fähigkeiten. Und natürlich stellt jeder Misserfolg eine Bedrohung für unser Selbstwertgefühl dar. Doch wenn man absichtlich Dinge tut, die sich negativ auf den eigenen Erfolg auswirken, kann man enttäuschende Ergebnisse beschönigen, indem man sich einredet, dass man in Wirklichkeit ja eigentlich zu einer viel besseren Leistung fähig gewesen wäre. Wenn solche Leute beispielsweise hören, dass ein bestimmter Test sehr viel über ihre intellektuellen Fähigkeiten aussagt, bereiten sie sich absichtlich nicht vor und schneiden dann natürlich schlecht ab; aber sie haben dann wenigstens eine Ausrede dafür und können behaupten, dass sich in dem Testergebnis nicht ihre wahren Fähigkeiten widerspiegeln.

Genauso ist es mit Menschen, die nicht aktiv nach einer Machtposition streben: Dann brauchen sie es sich auch nicht als persönliches Versagen anzukreiden, wenn sie tatsächlich machtlos bleiben.


In seinem Beitrag "Wie Sie Macht erlangen" beschreibt Stanford-Professor Jeffrey Pfeffer den Umgang mit der "dunklen Seite" der Macht und zeigt, wie man mit harten Bandagen kämpft. Eine Anleitung in elf Schritten.


Wie Sie Macht erlangen

Von Jeffrey Pfeffer

HBM-Beitrag als PDF, 13 Seiten

Zur Leseprobe

Zur Person
  • Jeffrey Pfeffer ist Professor für Organizational Behavior an der Graduate School of Business der Stanford University (Kalifornien).
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