Schickt die Bremser raus

Meetingkultur:

Von Anja Förster
4. Oktober 2017
Getty Images

Kaum etwas ist so charakteristisch für den deutschen Arbeitsalltag wie der Hang zu Herdentrieb und Zusammenrottung. In den Arbeitskreisen hiesiger Unternehmen finden sich meist nicht nur die unmittelbar Betroffenen oder bei einem Thema Beschlagenen, sondern alle, die irgendein Interesse an der Materie haben könnten, gern auch mitreden würden oder einfach nur ein paar bekannte Gesichter wiedersehen möchten. Manche Unternehmen besitzen sogar noch den seltsamen Humor, das als demokratische Unternehmenskultur zu verstehen. Frei nach dem Motto: Mitbestimmung ist, wenn jeder eingeladen wird, der nicht gerade krank oder im Urlaub ist.

Wenn zu viele oder die falschen Leute in Meetings sitzen, ist das aus drei Gründen problematisch. Zunächst einmal ist es unökonomisch. Das Unternehmen verschwendet Ressourcen. Warum bindet es Arbeitskräfte und deren Zeit in Sitzungen, bei denen diese zwar friedlich vor sich hin stoffwechseln, ihre Anwesenheit aber in keiner Weise zu einem besseren Ergebnis beiträgt? Ein Teelöffel voll gesundem Menschenverstand reicht schon aus, um zu erkennen, dass das kompletter Irrsinn ist. Unternehmen sind dazu da, Kundenbedürfnisse zu befriedigen, und nicht dazu, sich in Konferenzräumen mit sich selbst zu beschäftigen.

Zweitens: Das Zusammenrottungsprinzip führt zu einer geringeren Meetingqualität. Effektives Zusammenarbeiten funktioniert dann, wenn jeder Teilnehmer eine qualifizierte Sicht einbringt. Die Personen jedoch, die in einer Besprechung nichts zu suchen haben, bewirken das Gegenteil - sie bremsen die anderen aus. Sie mischen sich in Dinge ein, mit denen sie nicht vertraut sind, und machen Vorschläge zu Themen, von denen sie keine Ahnung haben. In solchen Fällen frage ich mich immer: Haben diese Beisitzer eigentlich sonst nichts zu tun, als hier den lauwarmen Kaffee wegzuschlürfen? Oft höre ich dann als Antwort: "Ja, aber die Kollegen müssen doch auch eingebunden werden." Das ist grundsätzlich ein nobles Ansinnen, doch lässt es sich sicher auch über andere Kommunikationswege erreichen. Hier wird die gut gemeinte Informationspflicht mit einem echten Wertbeitrag verwechselt.

Drittens senden aufgeblähte Meetings ein fatales Signal an die Organisation. Die Nachricht lautet: Es ist egal, ob du in diesem Unternehmen oder Team etwas Produktives beisteuern kannst - Hauptsache, wir haben wieder einmal zusammengesessen. Sie können sicher sein: Über kurz oder lang wird dieses Verständnis die Unternehmenskultur prägen. Unproduktive Meetings wirken wie schleichendes Gift. Warum trage ich meine Arbeitskraft jeden Tag ins Unternehmen? Teilnehmer effizienter Meetings antworten darauf: Weil ich etwas bewegen kann. Teilnehmer unproduktiver Meetings verstehen: Mein Beitrag ist unwichtig - es reicht, wenn ich anwesend bin. Greift eine solche Arbeitseinstellung erst einmal um sich, dann sind die Folgen für das Unternehmen dramatisch.

Führungskräfte müssen sich selbst auf die Finger klopfen, denn sie sind dafür verantwortlich, Meetings mit den richtigen Mitarbeitern zu besetzen. Sie müssen auch deutlich sagen, wer nicht dabei sein soll. Haben Sie den Mut, klare Signale zu senden, und schicken Sie überflüssige Teilnehmer hinaus: "Vielen Dank, aber in diesem Meeting können wir ohne Sie auskommen." Leider verwechseln manche Führungskräfte ihre Arbeit mit einem Beliebtheitswettbewerb. Sicher wird nicht jeder "Hurra" schreien, wenn er plötzlich nicht mehr zu allen Meetings eingeladen wird. Der eine oder andere wird womöglich gar beleidigt sein. Doch wahre Führungsstärke zeigt sich, wenn man das Wohl der Organisation über die Befindlichkeiten Einzelner stellt. Wir sollten nie vergessen: Siege werden in Märkten eingefahren, nicht in Konferenzräumen.


"Stoppt den Meetingwahnsinn" heißt die Titelgeschichte unseres Autorenteams um die Harvard-Business-School-Professorin Leslie Perlow. Die Forscher haben herausgefunden, dass sich eine neue Meetingkultur nur dann durchsetzen kann, wenn Unternehmen systematisch an das Problem herangehen. Die Autoren beschreiben dafür einen fünfstufigen Prozess, der Ihnen beim Neuanfang hilft. Außerdem erklären sie die Analysearbeit, die Sie im Vorfeld erledigen müssen, um an den richtigen Stellen ansetzen zu können.

Wir haben darüber hinaus eine Reihe von deutschen Experten gefragt, wie sie für effektive Meetings sorgen. Ihre Rezepte lesen Sie im Anschluss an die Titelgeschichte. Eines vorweg: Durchgreifen hilft.

Die Komödiantin Sarah Cooper ist eine Meisterin darin, sich über missratene Meetings lustig zu machen. In ihrem neuen Buch "100 Tricks, um in Meetings schlau zu wirken" nimmt sie Sprüche aufs Korn, die auf den ersten Blick Eindruck schinden, doch letztlich hohle Phrasen bleiben. Wir haben vier dieser Tricks neu illustriert und auf einer Doppelseite zusammengestellt. Vielleicht erkennen Sie den einen oder anderen Kollegen darin wieder?


Meetings


Schluss mit der Zeitverschwendung! Ein fünf Punkteplan für produktivere Besprechungen


Zur Person
    Anja Förster ist Managementberaterin und Buchautorin.
Artikel
© Harvard Business Manager 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Die neuesten Blogs
Nach oben