Macht ist... Einflussnahme

Umfrage:

20. Dezember 2018
Harvard Business Manager

Für den Soziologen Max Weber bedeutete Macht, etwas gegen den Willen anderer durchsetzen zu können. Für mich bedeutet Macht eher Einflussnahme. Einfluss nehmen wir täglich - egal ob Sie Führungskraft bei einer NGO sind oder in einem klassischen Unternehmen. Ich selbst habe 25 Jahre in der Industrie gearbeitet, zuletzt bei Eon im Management, und weiß somit aus eigener Erfahrung, wie sehr sich die Prozesse ähneln. Fundraising ist auch nur ein anderes Wort für Vertrieb: Wir müssen unsere Spender/Kunden von unserer Arbeit überzeugen und auf einer Beziehungsebene Vertrauen schaffen - und ein nachhaltiges Projekt/Produkt anbieten. Diese Strategie ist unabhängig von der Branche.

Intern, in Prozessen und in der Führung, gibt es jedoch feine Unterschiede zwischen NGOs und profitorientierten Organisationen: Die Gelder, die wir verwalten, wurden uns nur anvertraut - wir haben sie nicht erwirtschaftet. Somit müssen wir wesentlich sensibler sein, wenn wir sie ausgeben. Natürlich könnte man jetzt sagen, wir haben viel Macht, denn wir entscheiden, wem geholfen wird. Durch unsere unterschiedlichen Programme, wie die Familienstärkung für extrem bedürftige Familien oder die Aufnahme eines Kindes in eines unserer Dörfer, sorgen wir dafür, dass jedes betreute Kinder in einer liebevollen Familie aufwächst, gut ernährt wird, die Schule besucht, vielleicht sogar die Universität.

Das sind die Grundvoraussetzungen für ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben. Weil es so wichtig ist, wohin die Gelder gehen, spielen wir nicht "Daumen rauf, Daumen runter". Wie in jeder gut geführten NGO gibt es keine Willkür, sondern ganz klare Prozesse, Projektanträge, klassisches Management.

Wir wollen aber nicht nur Gelder an unsere Hilfsprojekte überweisen, sondern die lokalen SOS-Organisationen unterstützen, damit sie unabhängig werden von Spenden aus Deutschland. Das ist ein gravierender Change-Prozess, bei dem wir unsere Kollegen vor Ort unterstützen. Sie müssen selbst Gelder einwerben, Verantwortung für die gesamte Value-Chain übernehmen und sind damit nicht mehr auf "Almosen" aus Europa angewiesen. In Südafrika, Indien oder Brasilien beispielsweise hat sich das schon sehr gut entwickelt, der SOS-Verein vor Ort steht inzwischen auf eigenen Beinen, und es gibt genügend lokale Spender, um die SOS-Kinderdörfer-Programme zu finanzieren.

Macht gebe ich auch beim Thema Führung ab, in einer NGO können Sie nicht auf Ihre hierarchische Position pochen. Die Mitarbeiter sind wesentlich intrinsischer getrieben als in der Industrie, sie wollen mehr mitreden und involviert sein. Wir haben die klassischen Hierarchien abgeschafft und verfolgen bei unserem Führungsstil eher einen agilen Coaching-Ansatz. Uns alle eint der Wunsch, sinnstiftend zu arbeiten. Ich sehe täglich, mit wie wenig Mitteln man so viel erreichen kann, und das motiviert mich unheimlich.

Petra Horn ist Vorstand bei SOS-Kinderdörfer weltweit undkoordiniert Partnerschaften mit Stiftungen, Family-Offices und Unternehmen.

Spezial 1/2019

Macht


Was künftig über Einfluss und Erfolg entscheidet


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© HBM Sonderheft 1/2019
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