Wie Peter Drucker über Komplexität dachte

Strategie:

Von John Hagel III
6. September 2013

Steigende Komplexität: Es gibt immer mehr und immer schnellere Verbindungen zwischen Menschen
Corbis

Steigende Komplexität: Es gibt immer mehr und immer schnellere Verbindungen zwischen Menschen

Peter Drucker versuchte sein Leben lang, die immer komplexer werdenden Prozesse in der Geschäftswelt und der Gesellschaft zu verstehen. Dabei interessierte ihn besonders die Frage, wie wir angesichts der wachsenden Komplexität weiterhin Werte schaffen können. Ich beschäftige mich schon seit geraumer Zeit mit Druckers Werk. In den 1960er und 70er Jahren sah er bereits einige der Konsequenzen der großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen vorher: Den Übergang zu einer Informationsökonomie, die Bedeutung der Wissens-Arbeit und den transformativen Einfluss der digitalen Technologien auf alle wirtschaftlichen Tätigkeiten.

In dieser Zeit trafen zwei Entwicklungen aufeinander, die ihr disruptives Potenzial gegenseitig verstärkten: Zunächst markierten die Verbreitung des Mikroprozessors und die Anfänge der Vernetzung den Beginn der digitalen Infrastruktur, die heute den gesamten Globus umfasst. Dieser Wandel wurde durch die exponentiellen Leistungssprünge in den Computer-, Speicher- und Bandbreitentechnologien vorangetrieben.

Die digitalen Technologien entfalteten sich auch aufgrund einer zweiten Entwicklung, die für einige Jahrzehnte Anlauf genommen hatte: einer globalen Bewegung in der Politik für eine ökonomische Liberalisierung, die kontinuierlich Grenzen abbaute um den freien Verkehr von Gütern, Geld, Menschen und Ideen zwischen Nationen und Industrien zu ermöglichen.

Diese Kombination sorgte für große Chancen, aber auch für gewaltige Herausforderungen. Beide Entwicklungen haben die Markteintrittsschranken systematisch und signifikant weltweit gesenkt. Das Ergebnis ist ein unerbittlicher Leistungsdruck. Die Evidenz dieses Drucks lässt sich sehr gut an der Statistik über die Gesamtkapitalrentabilität ("Return on Assets", ROA, Anm.d.Red.) aller Unternehmen in den USA seit 1965 ablesen. Seit dieser Zeit hat es einen andauernden und dramatischen Schwund gegeben. Die Gesamtkapitalrendite ist seither um 75 Prozent zurückgegangen.

Als diese Effekte in den 1970er und 80er Jahren sichtbar wurden, schrieb Drucker intensiv über die Notwendigkeit, dass sich die Managementpraktiken verändern mussten. Er wusste, dass vor dem Hintergrund der veränderten Arbeitsbedingungen und der sich beschleunigenden Geschwindigkeit des Wandels die Managementpraktiken bald veraltet sein und nicht mehr den Erfordernissen der kommenden Informationsökonomien genügen würden. Die weit verbreitete Erosion der Gesamtkapitalrentabilität zeigt, dass unsere Praktiken und Institutionen sich damit schwer tun, auf den unbändigen Druck zu reagieren. Warum haben sie bisher nicht effektiver reagiert?

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Zunehmende Geschwindigkeit

Das immense Ansteigen der Komplexität der wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen in den letzten Jahrzehnten könnte zumindest eine teilweise Erklärung sein. Es gibt viele Ansätze, über Komplexität nachzudenken. Doch einer der wichtigsten Aspekte ist der Grad an Vernetzung und Interaktion zwischen den Akteuren. Durch die oben bereits beschriebenen Entwicklungen sind wir mehr denn je global miteinander verbunden. Es gibt nicht nur mehr Verbindungen zwischen mehr Menschen als je zuvor. Sondern auch die Geschwindigkeit der Interaktion hat sich signifikant erhöht. Auf diese Weise können kleine Ereignisse in abgelegenen Regionen sehr rasch einen Einfluss auf andere Regionen ausüben und ganze Kaskaden von weiteren Ereignissen auslösen, die für niemanden vorhersehbar sind. Um nur ein Beispiel zu nennen: Denken Sie an die Graswurzel-Bewegungen in vielen Ländern, die rund um den Globus immer stärker etablierte politische Regime ins Wanken bringen. Die Ausschläge nach unten und oben werden heftiger und haben das normale Auf- und Ab abgelöst, die das Leben scheinbar vorhersehbar machten.

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Unregistriert 06.09.2013

Nobelpreis an Coase war erst 1991
Quote: "Vor fast 80 Jahren erhielt Ronald Coase den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften für einen Essay" Der Preis wurde 1991 verliehen. Den ersten Preisträger gab es erst 1969. Gruss, Michael Gassner

Moderator 06.09.2013

Korrigiert

Zitat von UnregistriertQuote: "Vor fast 80 Jahren erhielt Ronald Coase den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften für einen Essay" Der Preis wurde 1991 verliehen. Den ersten Preisträger gab es erst 1969. Gruss, Michael Gassner
Vielen Dank für den Hinweis! Beste Grüße aus der Redaktion

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