Nur wer sich kennt, ist gut

Strategie:

Von Christian Jerusalem
24. Januar 2017
Filip Fröhlich

Die nachhaltigste Karrierestrategie ist: Tue, was du wirklich willst und woran du Spaß hast. Wenn man keine Lust auf seinen Job hat, wenn man nichts erreicht oder merkt, es stimmt nicht mehr, muss man sich verändern. Das ist ein Zwang! Wenn man das nicht tut, erweist man sich einen Bärendienst. Viele glauben, die vermeintliche Ruhe bietet Sicherheit - aber das ist eben gerade nicht so.

Was man an Energie ausstrahlt, das kommt zurück - auch wenn das jetzt etwas esoterisch klingt. Das Buddha zugeschriebene Zitat "Life is what you think it is" wurde über die Jahre zu meinem Leitsatz. Wenn ich vom Erfolg überzeugt bin, wird er sich einstellen. Wenn ich glaube, etwas wird schlecht, dann kommt es auch so.

Diese Erkenntnis habe ich mir erarbeitet - auch durch Rückschläge. Diese Rückschläge habe ich erfahren, als ich mich in Rollen hineinbeworben habe, in denen nicht meine Stärken lagen. Und eigentlich wusste ich das auch. Doch anstatt auf die innere Stimme zu hören, agierte ich nach sozialer Erwünschtheit. Ich musste erst lernen, meinen Weg zu erkennen.

Ich hätte nie geglaubt, meinen heutigen Job zu machen. Ich habe studiert, war Vorstandsassistent, schlug den klassischen Karriereweg ein. Ich hatte nicht die Traute, mich einem weichen Thema wie Personal zu stellen, obwohl es mich sehr interessiert hat. Und heute verdiene ich damit mein Geld.

Alles begann mit einer Unternehmensübernahme, in deren Folge ich freigestellt wurde, sprich: gefeuert. Ich war jung, und das andere Unternehmen hatte einen besseren Mitarbeiter auf der gleichen Position. Das bedeutete: Ich musste gehen. Ich habe mich intensiv mit diesem Scheitern auseinandergesetzt und mich gefragt: Warum ich? Was lerne ich daraus? Welche Entscheidungen treffe ich für die Zukunft?

Und mir wurde klar: Wenn du in der Rolle der Richtige gewesen wärst, wärst du der Sieger gewesen. Wenn ich da felsenfest stehe, überzeugt bin von meinem Job und gute Leistung bringe, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass mir jemand den Job streitig macht. Im Umkehrschluss heißt das: Was auf unsolidem Fundament steht, bricht auch schneller zusammen.

Ich musste also lernen, meinen Weg zu erkennen und nicht so sehr auf andere zu hören. Heute bin ich in Kontakt zu meiner Intuition. Ich höre in mich hinein und frage mich: Bist du das mit deinen Stärken? Und willst du das? Dadurch habe ich meine Leistungsfähigkeit erhöht und meine Karriere deutlich beschleunigt.

Diese Strategie der inneren Gewissheit nutze ich auch bei der Führungsberatung. Als ersten Schritt sollen die Leute in sich hineinhören. Das gelingt meistens. Doch Menschen haben panische Angst vor Veränderung. Entsprechend scheitern viele am zweiten Schritt: der Erkenntnis Taten folgen zu lassen.

Ich arbeite viel mit Führungskräften, begleite beispielsweise Leitungsteams, die ihre Effektivität erhöhen wollen. Teil des Ganzen ist eine Entwicklungsbeurteilung des Einzelnen: Wenn ich mich kenne und vor der eigenen Tür kehre, kann ich auch mit den anderen besser kehren. Die Guten in diesen Prozessen sind immer die, die ehrlich zu sich selbst sind und wertfrei Konsequenzen ziehen. Und dann gibt es die, die sagen: "Kann ja sein, aber es ist nun mal so, wie es ist" oder "Wird schon" und auf den Tisch hauen - so geht das aber nicht. Diese Manager sind am Ende die Schwächeren.

Ich habe mich jahrelang mit Karriereverläufen auseinandergesetzt, warum Leute scheitern, und welches andere Denken einen Karriereverlauf gestützt hätte. Meine Erkenntnis: Es ist Selbstbestimmung. Wenn Fähigkeit und tiefer Wille zusammenkommen, dann ist man am stärksten. Dieser tiefe Wille kommt von innen: Das bist du, das willst du, und dann hast du auch noch Lust, das Ganze umzusetzen.

In dieser Idealkombination arbeiten nicht viele; die Masse hat leider gelernt zu überleben. Doch nur zu überdecken und durchzuhalten - das bringt überhaupt nichts. Natürlich muss man den Menschen in ihrer Risikopräferenz gerecht werden. Es gibt Schicksalssituationen, vielleicht ein Pflegefall, da ist Veränderung nicht möglich. Aber bei näherem Hinsehen gilt das nicht für viele. Die Masse schiebt Gründe vor, nimmt Mittelmaß und Unzufriedenheit in Kauf - und gefährdet genau damit den eigenen Job. Wenn ich nach dem Motto lebe: Du bestimmst deinen Weg selbst, dann orientierst du dich logischerweise daran, was dir Freude macht. Nur getrieben von einer inneren Sinngebung ist man richtig gut.


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Strategie


Unternehmen führen in unruhigen Zeiten - eine Anleitung für Manager


Christian Jerusalem
  • Christian Jerusalem ist Managing Partner Europe für den Bereich Leadership Consulting Practice der Personalberatung Heidrick & Struggles.
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Kommentare
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mayconsult 08.02.2017

Mein Buch zum Thema Persönlichkeitsentwicklung besonders bei jungen Menschen kommt in Kürze auf den Markt. Darin komme ich zu weitgehend identischen Ergebnissen wie Sie, Herr Jerusalem. Die Erfahrungen meines langen Lebens habe ich mit folgender Frage beschrieben: "Willst du Herr/Herrin deines Lebens oder Knecht sein?" Klingt vielleicht hart, aber darauf läuft es hinaus. Wer seine Stärken und Schwächen kennt, seinen eigenen, persönlichen Sinn gefunden hat, dem wird gegeben, davon bin ich überzeugt. Es wäre doch gruselig, am Ende des Lebens auf die Frage "So wie dein Leben war, war es auch gut?" tiefe Reue zeigen oder gar "Nein" sagen zu müssen. Dann ist es viel zu spät. Persönlichkeitsentwicklung ist Lebensentwicklung und umfasst damit alle Bereiche des eigenen Seins.

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