Schluss mit der Bevormundung!

Führung:

Von Jordan Cohen
14. Juni 2013

Ich werde nie den Tag vergessen, als ich meinen ersten Anzug bekam. Ich war zwölf Jahre alt und mein Vater fuhr mit mir zu einem Einkaufszentrum in New York. Das war sehr aufregend für mich: Es war der Übergang in das Leben der Erwachsenen, ein echer Meilenstein. Ich würde einen Anzug bekommen wie all die Männer, die ich kannte.

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Im Kaufhaus gingen wir in die Abteilung für Jungen und ich probierte verschiedene cremefarbene Anzüge aus (ganz im Stil von Saturday Night Fever, es war Mitte der 1970er Jahre). Als wir den richtigen gefunden hatten, bat mich der Schneider, mich auf eine Kiste vor einen Spiegel zu stellen. Er begann damit, den Anzug mit Klammern zu befestigen, um ihn an meine Körpergröße anzupassen. Als er fertig war, trat er ein Stück zurück. Er und mein Vater betrachteten mich nun, wie der Anzug saß. Im Spiegel sah ich, wie mein Vater auf meinen Rücken und die Schultern und schließlich die Ärmel deutete und den Kopf schüttelte. Der Schneider machte sich wieder ans Werk. Doch wieder schüttelte mein Vater den Kopf. Das ging etwa 30 Minuten lang so, bis mein Vater endlich zufrieden war. Mein neuer dreiteiliger Anzug ging in die Schneiderei, dort sollten die Änderungen vorgenommen werden.

Für mich war die ganze Prozedur nicht halb so spannend, wie ich es mir ausgemalt hatte. Im Auto fragte ich, warum mein Vater dem Schneider nicht einfach gesagt hatte, was er tun sollte (schließlich war mein Vater ein Textil-Fabrikant). "Wenn ich dem Schneider gesagt hätte, was er tun soll, hätte er genau das getan. Aber wenn das Sakko dann am Ende nicht gepasst hätte, hätte er gesagt: Ich habe gemacht, was Sie verlangt haben", erklärte er. "Ich habe ihm gesagt, was wir möchten: Ein Sakko, das gut aufliegt am Rücken, an den Schultern und das an den Ärmeln passt. Auf diese Weise war er für das Ergebnis verantwortlich."

Diese Lektion, in die Fähigkeiten und das Know-How von Menschen zu vertrauen, habe ich nicht vergessen. Meiner Erfahrung nach ist das die beste Methode: Das gewünschte Ergebnis zu beschreiben und einen professionell ausgebildeten Mitarbeiter über den besten Weg entscheiden zu lassen, führt zu höherer Motivation, besserer Arbeitsqualität und stolzen Mitarbeitern.

Es ist auch ein sehr wirkungsvoller Ansatz, um Wissensarbeiter zu sehr guten Leistungen anzuspornen. Beschreiben Sie das gewünschte Ergebnis, formulieren sie die Rahmenbedingungen klar und respektieren Sie die Eigenständigkeit der Mitarbeiter. Wenn diese Hilfe benötigen, werden sie danach fragen.

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