Der Netzwerker

Arbeit im Wandel:

Von Michael Leitl
11. März 2015
Corbis

Der Hollywood-Film "Hugo Cabret", bei dem Martin Scorsese Regie führte, enthält 62 Minuten Film, die vorwiegend am Computer entstanden sind. Verantwortlich dafür ist das weltweit agierende Unternehmen Pixomondo. Die 195 000 Manntage Arbeit, die für das Herstellen von digitalen Zügen, Fassaden, Personen und Maschinen nötig waren, verteilte Pixomondo auf 483 Mitarbeiter - an neun Standorten. Klingt nach organisatorischer Mammutaufgabe. War es aber nicht. "Wir benötigten dafür nur ein Minimum an Management", sagt Deutschland-Geschäftsführer Christian Vogt. Das Unternehmen zeigt, wie effizient sich mithilfe moderner Technik und kluger Planung Arbeit rund um den Erdball organisieren lässt.

Christian Vogt, ehemaliger Deutschland-Chef von Pixomondo, ersetzte Verwaltung durch Technik:

"Im Grunde sind wir zwei Unternehmen. Das eine besteht aus eigenständigen Gesellschaften, die für Kunden wie Audi Werbe- und Industriefilme erstellen. Das ist unser wichtigstes Geschäft - und hier hat jeder der 14 Standorte seinen eigenen Stamm an Auftraggebern. Das zweite Unternehmen ist rein virtuell und hat immer dann seinen Auftritt, wenn ein Projekt zu groß ist, um es allein zu stemmen. In so einem Fall können wir auf unsere weltweiten Ressourcen zurückgreifen.

Ein Projekt wie Scorseses "Hugo Cabret" muss zahlreichen Anforderungen genügen: höchste Qualität, pünktliche Abgabe, Planbarkeit der Kosten sowie ein Ergebnis im Sinne des Regisseurs, also des Kunden. Für "Hugo Cabret" haben wir ein Team aus den USA, Europa und China zusammengestellt. Die Aufgabe mit einer so diversen und verteilten Mannschaft zu bewältigen erfordert eine besondere Organisation, die weder Missverständnisse noch Verzögerungen zulässt. Aus diesem Grund haben wir einen Mix aus extrem schlankem Management und hoher Automatisierung gewählt. Alle Standorte lassen sich zu einem virtuellen Unternehmen zusammenfassen, bei dem die verfügbaren Ressourcen jedem Manager kontinuierlich angezeigt werden: Egal ob es sich um die Berechnung von Filmszenen, freie Programmlizenzen oder um Mitarbeiter handelt, die noch Kapazitäten frei haben.

Derjenige Standort, der einen Auftrag bekommt, fungiert als Kopf der Gruppe. Von hier aus halten nur zwei Manager den Kontakt zum Kunden. Der eine ist der Supervisor. Er achtet auf die künstlerische Qualität. Für ihn sind Kosten und Zeit Nebensache. Der andere ist der Producer. Er achtet auf die Kosten und den Zeitplan. Die ständige Reibung zwischen beiden sorgt für höchstmögliche Qualität zu niedrigen Kosten. Auch innerhalb der Gruppe fließen Informationen nur über diese Schnittstellenmanager. Kein Standort darf mehr als 70 Mitarbeiter beschäftigen. Unserer Erfahrung nach nimmt ab 80 Mitarbeitern der Verwaltungsaufwand extrem zu.

Jedes Stückchen Film, eine sogenannte Einstellung, wird von einer ganzen Reihe von Leuten bearbeitet, die nicht unbedingt in einem Büro sitzen. Die Abstimmung ist hier extrem wichtig. Deshalb ist unsere Datenbank das Herz unserer virtuellen Firma. Das Management des auftraggebenden Standorts setzt eine Abfolge in Gang, die von unserem Computersystem fast automatisch organisiert wird. Wochenpläne oder Aufgabenlisten? Erzeugt der Computer. Die Auswahl des richtigen Programms für die anstehende Arbeit? Generiert das System. Umbenennen von Dateien im richtigen Format? Regelt das Programm. Übergabe von bearbeiteten Filmausschnitten an die Kollegen in den USA oder China? Der Server kopiert die Sachen. Bei 850 Einstellungen von je drei bis acht Sekunden Länge ersparen wir uns so eine Menge langweiliger Arbeit. Wenn unsere Kreativen morgens an ihrer Datei weiterarbeiten, sind die Änderungen der Kollegen aus China bereits enthalten, die wiederum auf den Korrekturwünschen von Martin Scorsese am Vorabend beruhen. An diesen Dateien arbeiten Kreative aus allen Zeitzonen - rund um die Uhr.

Dadurch, dass wir unsere Mitarbeiter durch unsere Organisation und den hohen Technikeinsatz bei Routinetätigkeiten entlasten, haben sie mehr Zeit für das, was sie am liebsten tun und am besten können: ihre kreativen Vorstellungen vom Film in die Tat umsetzen."

Zum Autor
Michael Leitl ist Redakteur des Harvard Business Managers.

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Kommentare
1
MarcoHass 17.03.2015

Wow, was für eine Infrastruktur! Obwohl ich beeindruckt bin, klingt es jedoch auch nach Fließbandarbeit. Das kreative Ganze sehen die 483 Mitarbeiter wie ein Band produziertes Fabrikauto wahrscheinlich erst am Schluss. Ich hatte irgendwie noch die nostalgische Vorstellung, dass ein Team um den Regisseur sich Szene für Szene mit sprühenden Ideen gegenseitig inspiriert und bei Pizza und Bier bis zum Morgengrauen an der Umsetzung feilt. Wollen Menschen so anonymisiert arbeiten? Wer gewinnt was?

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