Macht ist... Überzeugungsarbeit

Umfrage:

4. Dezember 2018

Die Ausübung von Macht wird immer noch recht unterschiedlich gehandhabt. Einerseits kenne ich noch ganz strenge Hierarchien aus meinen ersten Berufsjahren in der Beratungsbranche - im Extremfall mit cholerischen Chefs, deren Allüren man hinnehmen musste. Heute ist das zum Glück ganz anders. Nach 20 Jahren Erfahrung bei RWE und jetzt Innogy kann ich bestätigen, dass ein Kulturwandel auch verändertes Führungsverhalten bewirkt. Doch trotz aller Kollegialität und flacher Hierarchien ist eines immer wichtig: Am Ende muss eine oder einer sagen, wo es langgeht, nicht nur bei einem Konflikt. Macht erfordert den Mut zur Entscheidung.

Macht bedeutet für mich, etwas gestalten zu können und Prozesse zu bestimmen. Schließlich möchte ich die Ergebnisse erzielen, die ich mir wünsche. Macht bedeutet für mich aber auch, Menschen führen zu dürfen - idealerweise durch Motivation und durch fachliche Überzeugung.

Wenn mich die Herausforderung und die Chance, mit Macht umzugehen, nicht gereizt hätten, wäre meine Karriere eine andere geworden. Es hat mir deutlich mehr Spaß gemacht, Geschäftsführerin einer Tochtergesellschaft zu sein, als in der Holding in zweiter Reihe zu agieren. Als Geschäftsführerin kann ich eine Strategie entwerfen, sie umsetzen und dann die hoffentlich positive Ernte einfahren. Mehr Kunden beispielsweise oder eine bessere Marge - hier kann ich gestalten und steuern.

Machtausübung in Aufsichtsräten ist hingegen speziell: Sie geschieht eher indirekt. Selbst ein Aufsichtsratsvorsitzender kann nicht einfach Direktiven ausgeben, ohne zuvor sein Gremium hinter sich gebracht zu haben. Das kann auf verschiedenen Wegen geschehen. Zum Beispiel über den Prüfungsausschuss oder den Personalausschuss. Hier müssen die Themen zwar vor allem fachlich aufgearbeitet werden. Aber unterm Strich müssen die unterschiedlichen Interessen und Meinungen zueinanderfinden - im besten Fall durch sachliche Überzeugung oder politischen Kompromiss. Dieser abgestimmte Beschlussvorschlag ist dann meist mehrheitsfähig in der folgenden Sitzung des gesamten Aufsichtsrats. Häufiger noch vollzieht sich die Meinungsbildung aber über informelle Kanäle und den persönlichen Kontakt. Vorabgespräche können sehr zielführend sein. So funktioniert der Mechanismus.

Ich sitze in vielen Aufsichtsräten mit einigen Politikern zusammen. Es ist spannend zu beobachten, wie sie es gelernt haben, Entscheidungen über Kompromisse zu erzielen. Das ist eben die Besonderheit bei Aufsichtsräten: dass man einen Konsens erzielen muss oder zumindest eine Mehrheit. Durch meinen Wechsel aus dem operativen Geschäft in mehrere Aufsichtsräte habe ich eine anspruchsvolle Disziplin kennen- und schätzen gelernt: Machtausübung durch Überzeugungsarbeit, gepaart mit dem richtigen Ton und dem Gefühl für die komplexen Interessenlagen.

Martina Sanfleber ist hauptberufliche Aufsichtsrätin für den Innogy-Konzern und war Geschäftsführerin bei Eprimo.

Spezial 1/2019

Macht


Was künftig über Einfluss und Erfolg entscheidet


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