Jammern auf hohem Niveau?

Work-Life-Balance:

Von Gudrun Happich
18. März 2014
Schwelende Unzufriedenheit kann zu einer existentiellen Krise führen
Corbis

Schwelende Unzufriedenheit kann zu einer existentiellen Krise führen

Meine Klientin ist Top-Managerin in einem mittelständischen IT-Unternehmen. Sie ist unzufrieden mit ihrem Leben, erzählt es Freunden und stößt auf Unverständnis: "Du jammerst auf verdammt hohem Niveau." Die 45-jährige hat die klassische Führungskarriere bei einem Mittelständler durchlaufen; sie ist fachlich eine Koryphäe, von ihrer Mannschaft wird sie sehr geschätzt. Dennoch macht sich seit Jahren eine immer stärker werdende Unzufriedenheit breit, die sie bislang mit Überstunden kompensiert.

Beruflich erfolgreich, persönlich unglücklich - nach über 20 Jahren als Sparrings-Partnerin für Führungskräfte weiß ich, dass es gerade die Besten sehr häufig trifft. Ich nenne diesen Typus Leistungsträger. Diese Person ist nicht nur fachlich brillant, sondern zeichnet sich auch durch überdurchschnittliches Engagement, Loyalität und hohe Sozialkompetenz aus. Werte wie Vertrauen und Ehrlichkeit sind ihr wichtig.

Doch das klingt nur fürs Erste beeindruckend. Rund 86 Prozent kennen aus eigener Erfahrung eine Diskrepanz zwischen Zufriedenheit im Beruf einerseits und einem unausgefüllten Privatleben andererseits. Das ergab eine aktuelle Umfrage meines Instituts für Human Excellence, Galileo, unter Führungskräften zum Thema "Vereinbarkeit von beruflichem Erfolg und persönlicher Erfüllung bei Führungskräften.

Auf die Frage, ob und warum sie die Vereinbarkeit von beruflichen Erfolg und persönlicher Erfüllung für wichtig halten, konnten die Teilnehmer individuell antworten. Was die fast 100 Führungskräfte dazu schrieben, hat mich zum Teil tief berührt. Ein Teilnehmer schrieb, dass die Verbindung von Erfolg und Erfüllung "Lebensenergie spendet - es ist eine Art Immunsystem, das dann Probleme, andere Enttäuschungen puffern kann." Ein anderer kam zu der Aussage: "…weil ich mich besser fühle und bin, wenn die Arbeit mit dem Herzen gemacht werden kann…und ich nicht zwei Personen sein muss - eine für die Freizeit und das Leben und eine für den Job." Eine weitere Führungskraft formulierte es so: "Weil das Leben endlich ist."

Die fünf Problemfelder

Für fast alle Umfrageteilnehmer hat das Thema Vereinbarkeit von Erfolg und Erfüllung also eine entscheidende Bedeutung für ihr persönliches Lebensglück. Gleichzeitig geben die meisten von ihnen an, dass sie mit ihrer persönlichen Lösung unzufrieden sind. Was sind die Gründe dafür? Aus der Umfrage ergeben sich im Wesentlichen fünf Problemfelder:

1. Zu hohe Arbeitslast, zu viel Druck, zu wenig Zeit, zu viel Stress (30 Prozent der frei formulierten Kommentare fielen mehr oder weniger in diesen Bereich)

2. Langeweile, zu wenig Abwechslung, zu wenig Herausforderung (15 Prozent)

3. Mangelnde Führung vom Chef, keine Förderung, keine Perspektive im Unternehmen, Strategische Ausrichtung des Unternehmens unklar/nicht erkennbar (12 Prozent)

4. Wunsch nach Selbstbestimmung, Selbstständig machen (15 Prozent)

5. Sinnfrage, innere Unruhe, auf der Suche nach dem richtigen Weg: Was will ich wirklich, was ist mein Weg? (knapp 28 Prozent der frei formulierten Kommentare fielen in dieses Cluster)

Mit Jammern auf hohem Niveau haben diese Ergebnisse tatsächlich gar nichts zu tun. Schwelende Unzufriedenheit kann zu einer existentiellen Krise führen. Das habe ich in meiner Coaching-Praxis oft genug erlebt. Es leiden dabei nicht nur die Betroffenen, sondern auch das persönliche Umfeld und der Arbeitgeber.

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Kommentare
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JTKnauf 25.03.2014

..vielen Dank für den schönen Artikel und die Zahlen. Gerne ergänze ich ihn mit meinen Ideen und Tipps fürs tägliche Leben: http://www.scopar.de/news/kalte-depression-burnout-vermeiden/ Wir verbringen unser Leben mit Aktionismus und im Multitasking. Dadurch fühlen wir uns und unseren Körper nicht mehr, leben unbewusst und unachtsam - bis es kracht. Burnout ist ein Prozess der beginnt, lange bevor die Symptome sicht- oder spürbar werden. Die kalte Depression ist die Vorstufe. Diese gilt es zu erkennen und im täglichen Leben pragmatische Maßnahmen zu ergreifen, die dem drohenden Burnout entgegensteuern.

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