Schluss mit "Work-Life-Balance"

Selbstmanagement:

Von Christine M. Riordan

Berufs- und Privatleben: Mehr Work-Life-Effectiveness als Work-Life-Balance
DPA

Berufs- und Privatleben: Mehr Work-Life-Effectiveness als Work-Life-Balance

Für den Aufstieg auf der Karriereleiter müssen Beschäftigte oft lange arbeiten und mit schwierigen sowie komplexen Themen zurechtkommen. Manche Tagel sind interessant und positiv, andere dürften voller Spannungen und Stress sein. Und immer stellt sich für viele Betroffene die Frage, wie sie die konkurrierenden Anforderungen von Berufs- und Privatleben miteinander vereinen und verhindern können, dass Stress im Beruf sich negativ auf ihr Privatleben auswirkt.

Tatsächlich zeigen Studien: Beschäftigte, die nach ihrem eigenen Empfinden nicht genügend Zeit für ihr Privatleben haben, fühlen sich bei der Arbeit erschöpft und abgelenkt. Zudem kann es zu Burnouts, Störungen in der Beziehung zu Familie und Freunden, Freudlosigkeit und erhöhtem Stress kommen.

Manchen Leuten jedoch gelingt es ohne weiteres, beruflichen Erfolg und ein erfreuliches Privatleben unter einen Hut zu bekommen. Die folgenden Punkte helfen dabei:

1. Streben Sie nach Effektivität, nicht nach einem Gleichgewicht. Der Ausdruck Work-Life-Balance impliziert, dass man Beruf und Privatleben jeweils gleiche Teile der verfügbaren Zeit widmet. Catalyst, eine Marktforschungsfirma mit dem Schwerpunkt Frauen im Beruf, spricht stattdessen von "Work-Life Effectiveness", also Effektivität in Berufs- und Privatleben: Anzustreben sei ein Zustand, bei dem die Arbeit gut mit anderen Aspekten des eigenen Lebens harmoniert. Die Forscher Jeffrey Greenhaus und Gary Powell haben dieses Konzept weitergedacht: Sie empfehlen, Arbeit und Privatleben als Verbündete zu betrachten. Das Auftreten in unterschiedlichen Rollen - als Elternteil, Partner, Freund und Berufstätiger - könne das physische wie psychische Wohlbefinden steigern - insbesondere, wenn all diese Rollen von hoher Qualität sind und gemeinsam gestaltet werden.

Marissa Mayer, CEO von Yahoo, wurde kritisch beäugt, als sie schon kurz nach der Geburt ihres Sohnes wieder zur Arbeit kam. Doch sie schaffte es, ihre Rollen als Mutter und Unternehmenslenkerin so einzurichten, dass es für sie persönlich passend war. Wie Mayer sollte man eine ganzheitliche Perspektive einnehmen und die Karriere als festen Bestandteil des eigenen Lebens verstehen, statt als davon getrennte Pflichtaktivität.

Um ein "negatives Überschwappen" vom Beruf ins Privatleben oder umgekehrt zu verhindern, sollten wir alles zusammen betrachten und zu einem konsistenten Bild unseres gesamten Selbst kommen - dies verringert das Gefühl, es mit separaten, schwer zu vereinenden Sphären zu tun zu haben. Zum Beispiel Richard Branson, CEO von Virgin Airlines: Der hat einmal gesagt, einige seiner besten Ideen seien entstanden, als er mit seinen Kindern über die Arbeit sprach. Selbst wenn wir noch so beschäftigt sind: Am praktischsten und effektivsten ist es immer, unsere persönlichen Prioritäten für Beruf, Familie, Gesundheit und Wohlbefinden auf eine gemeinsame Linie zu bringen. Das kann zu enormen Gewinnen an emotionaler und physischer Energie führen - und nicht zu vergessen mehr Klarheit und Konzentration bei der Arbeit.

2. Erfolg in Kategorien Ihres Privatlebens definieren. Jeder muss Erfolg auf seine eigene, ganz persönliche Weise definieren. Am Ende des Lebens kann schließlich jeder nur für sich selbst entscheiden, ob er im Rückblick sagen würde ,"ich war erfolgreich". Ebenfalls wichtig ist es, sich darüber im Klaren zu sein, dass Erfolg keineswegs für alle dasselbe bedeutet.

Ryan Smith, einer der Gründer von Qualtrics, geht mit dem Thema Erfolg wie folgt um: "Jede Woche schaue ich mir alle Kategorien meines Lebens an - Vater, Ehemann, CEO, Selbst - und suche die konkreten Aktivitäten, die mir das Gefühl geben, in diesen Kategorien erfolgreich und ausgefüllt zu sein. Dieses wöchentliche Ritual hilft mir dabei, das Gefühl zu haben, dass ich alles tue, was in meiner Macht steht, um meine eigenen Bedürfnisse und die der Menschen um mich herum zu erfüllen. Das ist wichtig, denn ich darf natürlich nicht die geschäftlichen Angelegenheiten aus den Augen verlieren. Und was passiert, wenn man nicht mehr an die Bedürfnisse seiner Familie denkt, das haben wir ja alle schon gesehen oder davon gelesen." Smiths Vorschlag: Informieren Sie bedeutende Personen in Ihrem Leben über Ihre Prioritäten und Vorstellungen von Erfolg. Dadurch werden Sie wertvolle Anregungen und vielleicht Unterstützung für Ihre Ziele in Job wie Privatleben bekommen.

3. Die Kontrolle behalten. Experten glauben, dass Menschen dann gestresst sind, wenn sie das Gefühl haben, keine Kontrolle zu haben. Übernehmen Sie also die Kontrolle über Ihre Karriere - erkunden Sie Ihre eigene Geschichte, Ihre Voreingenommenheiten, Motivation und Präferenzen. Beispielsweise verbringen viele Leute gern viel Zeit bei der Arbeit, weil sie ihnen Spaß macht. Lange Arbeitstage sind für sie nicht unbedingt eine Belastung. Jeder von uns sollte sich die Zeit nehmen, einen Job zu finden, der zu ihm passt. Wenn möglich sollten wir unsere Grenzen selbst setzen. Viele erfolgreiche Führungskräfte tun das, auch wenn sie sehr viel arbeiten. Frits van Paasschen, CEO von Starwood Hotels, erklärte das vor Kurzem in einem Interview mit dem "Wall Street Journal" so: "Es ist wichtig, nicht so sehr in der Arbeit aufzugehen, dass es nichts anderes mehr gibt. Sich um den eigenen Körper und Geist kümmern, Zeit für die Familie freischaufeln, Dinge tun, die neue Energie geben - all das macht Sie letztlich produktiver". Ebenfalls sollten wir proaktiv die Richtung und den Sinn unserer Arbeit gestalten.

Wie die Publizistin Anna Quindlin einst beobachtete: "Wenn Sie nicht nach Ihren eigenen Regeln Erfolg haben, wenn etwas für die Welt gut aussieht, aber sich tief in Ihrem Inneren nicht so anfühlt, dann ist es auf keinen Fall ein Erfolg".

Zur Autorin
Christine M. Riordan ist Professorin für Management an der University of Kentucky und forscht dort zu Diversität, Führungseffektivität und beruflichem Erfolg.

Artikel
Kommentare
2
uteflügge 23.01.2014

Effizientz und Effektivität bis ins Privatleben
Gut und richtig, es geht um Lebens-Qualität und um die Konsistenz des Bildes, das wir selbst von uns haben, um die eigene Definition von Erfolg in den unterschiedlichen Bereichen unseres Lebens. Endlich ein Ende des Gegeneinanders von Beruf und Privat, das es ja so im Management schon lange nicht mehr gibt. Ein guter Ansatz, der die Selbstverantwortung für das eigene Leben anspricht und unsere Gestaltungsmöglichkeiten ins Blickfeld rückt. Und es geht um Austausch, um Kommunikation mit den Menschen, die mit uns Leben, eng oder weiniger eng verbunden. Es geht um eine klare, gleichberechtigte, wertschätzende Kommunikation im privaten sowie im Beruflichen. Und genau an dieser Stelle scheitern wir häufig weil wir darin wenig Übung haben. Bereits in der schulischen und akademischen Ausbildung werden wir darauf getrimmt in Kategorien von richtig und falsch zu denken. Als Berufseinsteiger treffen wir selten auf selbstbewusste Chefs und KollegInnen, die es sich erlauben, offen zu sein für neue, unbekannte Sichtweisen und Argumente. In den meisten Fällen geht es auch hier ausschließlich um richtig oder falsch, um oben oder unten, um Macht und Rechthaben um die besseren Chancen auf der Karriereleiter durch Ausrichtung auf die vorgegebenen Maßstäbe. Wir verschwenden wertvolle Ressourcen wenn wir zu erst an Effektivität und Effizienz denken. Wir befinden uns auf einer viel zu engen Straße des vermeintlichen Erfolgs. Und hier setzt dann auch meine Kritik an dem Artikel an. Effektivität und Effizienz sind gut und richtig, aber nur wenn jeder Mensch für sich selbst die Maßstäbe, die Skalierungen bestimmt. Der nächste Schritt ist dann das Ausloten, was umzusetzen ist und wie. Und dies ist ein Prozess des ständigen Nachjustierens der kreative Ansätze und das Ausprobieren neuer Verhaltensweisen und Denkmuster erfordert. Es geht hier in erster Linie um die eigenen Werte, die eigenen Bedürfnisse. Vorher festgelegte Kriterien für Effektivität und Effizienz schränken uns hier mehr ein als sie helfen, in unserer komplexen Welt ein zufriedenes Leben zu leben. Die Begrifflichkeiten Effektivität und Effizienz sind zu eng mit Wirtschaftlichkeit und Gewinnen in messbaren Größen verbunden, als das sie geeignet wären im Kontext der persönlichen Werte und Lebensgestaltung Qualität zu definieren. Der Artikel meint vermutlich genau dies, leider scheint dieses Anliegen erst am Ende der Veröffentlichung durch und die Verwendung der Begriffe Effektivität und Effizienz führt in diesem Zusammenhang in die Irre. Ich hätte mir gewünscht, diesen Focus deutlicher bereits am Beginn herausgearbeitet zu finden. Ute Flügge, Hamburg Coaching-Beratung und Mediation

Constantin Sander 23.01.2014

Brennen kommt vor dem Ausbrennen
Work Life Balance kann es schon deshalb nie geben, weil Arbeit ein Teil unseres Lebens ist und für sehr viele Menschen extrem sinnstiftend. Besser wäre es m.E. von Life Balance zu sprechen, also von einem ausbalanciertes Leben. Auch das Privatleben kann eine massive Stressquelle sein. Effektivität als Stellschraube einzuführen, halte ich für gefährlich. Ich habe im Coaching Klienten erlebt, die Top-effektiv waren und gerade deshalb in den Burnout gerutscht sind. Mit der Effektivität steigt immer dann die Arbeitsbelastung, wenn Menschen die gewonnen Zeit nicht für einen nicht-leistungsorientierten Ausgleich nutzen, also für Entspannung oder körperliche Bewegung, sondern für weitere Aufgaben. Damit steigen die Arbeitsbelastung und der Energieverbrauch. Doch kein Mensch hat einen unendlichen Energiespeicher. Vor dem Ausbrennen kommt Brennen. Selbst und gerade wer motiviert und effektiv im Job ist, kann deshalb ausbrennen, findet er nicht die richtige Balance. Kontrolle ist damit ein wichtiges Stichwort. Denn solange wir achtsam mit uns umgehen, Signale von Stress ernst nehmen (und die gibt es immer!), können wir auch rechtzeitig die Bremse ziehen.

Diskussionsregeln

Wir freuen uns über lebendige, konstruktive und inspirierende Diskussionen auf HBM Online. Um die Qualität der Debattenbeiträge sicherzustellen, werden unsere Moderatoren jeden Beitrag prüfen. Eine Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Beiträge mit vorwiegend werblichem, strafbarem, beleidigendem oder anderweitig inakzeptablem Inhalt werden von unseren Moderatoren gelöscht.

© 2013 Harvard Business Publishing
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Die neuesten Blogs
Nach oben