Wir brauchen Regeln für die Koexistenz von Mensch und Maschine

Innovation:

Von Olaf Groth, Mark Nitzberg und Mark Esposito
19. Oktober 2017
Getty Images

Wir stehen zurzeit an einem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte - an der Schwelle zu einer unbekannten digitalen Zukunft, die unser Leben stärker prägen wird als je zuvor: Eine leistungsstarke neue Technologie - die künstliche Intelligenz (KI) - ist wie ein Phönix aus ihrer eigenen Asche auferstanden, was wir vor allem Fortschritten in der Entwicklung neuronaler Netzwerke zu verdanken haben, die dem menschlichen Gehirn nachempfunden sind.

Künstliche Intelligenz kann Muster in riesigen ungeordneten Datensätzen erkennen. Sie kann die Leistungsfähigkeit von Unternehmen verbessern (weil immer mehr Daten zur Verfügung stehen), Objekte schnell und genau identifizieren und noch schnellere Entscheidungsprozesse ermöglichen, wobei störende Einflüsse seitens komplexer, politischer, menschlicher Wesen auf ein Minimum beschränkt werden. Diese Konstellation wirft wichtige Fragen zum Grad der menschlichen Entscheidungsfreiheit und Inklusion auf, die in den kommenden Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung gewinnen werden.

Inwieweit werden wir Menschen - und zwar nicht nur die Eliten, sondern Vertreter aller Machtpositionen und Einkommensklassen - künftig überhaupt noch in Entscheidungsprozesse einbezogen werden? Wie können wir diese schöne neue Welt der Maschinenmeritokratie steuern?

Neue Regeln

Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, müssen wir uns zunächst einmal 800 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzen: Im Januar 1215 musste der gerade aus Frankreich zurückgekehrte König Johann von England sich mit aufgebrachten englischen Baronen auseinandersetzen, die gegen sein unbeliebtes vis et voluntas ("Macht und Wille")-Herrschaftsprinzip rebellierten. Um sie zu beschwichtigen, versammelten der König und der Erzbischof von Canterbury 25 dieser aufständischen Barone, um mit ihnen über eine "Charter of Liberties" zu verhandeln - eine Reihe von Rechten, die dem Adel eingeräumt werden sollten, um die Entscheidungsgewalt des Königs einzuschränken. Nach längeren Verhandlungen kam man im Juni schließlich zu einer Einigung, durch die die königlichen Entscheidungsprozesse transparenter wurden und man den Adligen ein größeres Mitspracherecht zugestand. Außerdem wurden Steuern und Lehenszahlungen eingeschränkt, und sogar Leibeigene erhielten gewisse Rechte. Natürlich war diese berühmte "Magna Carta" immer noch alles andere als perfekt: Viele darin enthaltene Klauseln dienten nur den Interessen einer bestimmten sozialen Klasse. Und doch tendieren wir heute dazu, die Magna Carta als große Wende in der Menschheitsgeschichte zu betrachten - als enormen Fortschritt auf dem Weg zu einem gerechteren Verhältnis zwischen Mächtigen und Abhängigen. Letzten Endes hat sie den Boden für die Aufklärung, die Renaissance und unsere heutige konstitutionelle Demokratie bereitet.

Gleichgewicht der Mächte

Und genau dieses Gleichgewicht zwischen der zunehmenden Macht des neuen Potentaten (der intelligenten Maschine) und der Macht des Menschen steht heute auf dem Spiel - in einer Welt, in der Maschinen immer stärker an der Wertschöpfung beteiligt sind und immer mehr Alltagsprodukte herstellen, wobei uns Menschen immer weniger Kontrolle über das Design und andere wichtige Aspekte bleibt. Dadurch verändern sich unsere bisherigen Lebens- und Arbeitsmuster für immer. Denn diese von uns selbst geschaffene Technologie wird schon bald bestimmte kognitive Fähigkeiten des Menschen überholen und damit ihren Vorsprung uns gegenüber in Sachen Produktivität und Effizienz in atemberaubendem Tempo vergrößern.

Wenn Maschinen Entscheidungen treffen

Diese Entwicklung betrifft keineswegs nur unsere Arbeitsplätze und unsere Wirtschaftswelt: Inzwischen beginnen Maschinen uns in fast allen Lebensbereichen Entscheidungen abzunehmen. Maschinen erkennen unsere Denk- und Verhaltensmuster und diejenigen vermeintlich ähnlicher Menschen auf der ganzen Welt. Die Nachrichten, die wir erhalten und die unsere Meinung, unsere Sichtweise und unser Handeln prägen, beruhen auf Tendenzen, die wir (oder andere uns ähnliche Menschen) in unserem früheren Verhalten gezeigt haben. Während wir am Steuer sitzen, sammeln Autohersteller und Versicherungsgesellschaften Informationen über unsere Verhaltensmuster, um uns noch bessere Navigationshilfen und eine immer autonomere Fahrzeugtechnologie anzubieten, die den Straßenverkehr bequemer und sicherer gestaltet. Wir genießen immer ausgefeiltere, maßgeschneidertere Unterhaltungs- und Videospiele, deren Hersteller immer besser über unsere sozioökonomischen Profile, Bewegungsmuster und kognitiven und visuellen Präferenzen Bescheid wissen - Informationen, die sie dann wiederum für ihre Preisgestaltung nutzen können.

Das ist sicherlich für uns auf der einen Seite lebensbereichernd uns angenehm. Allerdings sollten wir uns auch darüber klar sein, dass wir auch darauf bauen, dass die Maschine "schon wissen wird, was richtig für uns ist". Und tatsächlich lernt die Maschine uns vielleicht noch besser kennen, als wir uns selbst kennen - zumindest aus einer rein rationalen und empirischer Perspektive. Aber kognitive Dissonanzen zwischen dem Menschen, der wir zu sein vorgeben, und dem Menschen, der wir wirklich sind, kann die Maschine nicht so ohne weiteres erfassen. Sie nimmt nur die realen Daten unseres realen Handelns wahr und beschränkt uns damit auf die Person, die wir bisher gewesen sind, statt auch den Menschen zu erkennen, der wir gern wären oder eines Tages zu sein hoffen.

Persönliche Entscheidungsfreiheit

Wird die Maschine uns diese persönliche Entscheidungs- und Entfaltungsfreiheit einschränken? Wird sie die glücklichen Zufälle des Lebens eliminieren? Wird sie unsere Existenz von A bis Z durchplanen, so dass wir nur noch Personen begegnen, die genauso sind wie wir, und uns damit der zwischenmenschlichen Begegnungen und Reibungen berauben, die uns dazu zwingen, zu anderen, vielleicht besseren Menschen zu werden? Die KI birgt ein enormes Verbesserungspotenzial. Denn hinter manchen unserer persönlichen Entscheidungen sollten tatsächlich objektivere Analysen stehen: So wäre beispielsweise eine rationale Synthese aus dem CO2-Fußabdruck verschiedener Verkehrsmittel und unseren Zeitplänen und sozioemotionalen Bedürfnissen sinnvoll. Wir bräuchten auch dringend objektivere Anhaltspunkte dafür, wie vernünftig wir bei unserer Partnerwahl vorgehen; außerdem müssten effektivere Lehrpläne für unterschiedliche Gruppen von Studenten entwickelt werden. Die Anzahl der nützlichen Anwendungen ist fast unendlich.



Künstliche Intelligenz


Was der enorme technische Fortschritt für Unternehmen und Manager bedeutet



Seite
1
2
Artikel
Kommentare
0
Diskussionsregeln

Wir freuen uns über lebendige, konstruktive und inspirierende Diskussionen auf HBM Online. Um die Qualität der Debattenbeiträge sicherzustellen, werden unsere Moderatoren jeden Beitrag prüfen. Eine Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Beiträge mit vorwiegend werblichem, strafbarem, beleidigendem oder anderweitig inakzeptablem Inhalt werden von unseren Moderatoren gelöscht.

© Harvard Business Manager 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Die neuesten Blogs
Nach oben