Hat Googles 20-Prozent-Regel noch eine Zukunft?

Innovation:

Von Michael Schrage
3. September 2013

Kommt die Wende? Bisher durften Google-Mitarbeiter an einem Tag in der Woche kreativ sein
Corbis

Kommt die Wende? Bisher durften Google-Mitarbeiter an einem Tag in der Woche kreativ sein

Berichte über das angebliche Ende oder eine schrittweise Rücknahme von Googles berühmter "20-Prozent-Regel", könnten sich als übertrieben erweisen. Nach dieser Regel dürfen sich Mitarbeiter einen Tag pro Woche eigenen Projekten widmen. Solche Berichte sind sicher weniger kontrovers als die gezielte Eliminierung der Homeoffice-Arbeit bei Yahoo. Doch sie werfen ein Schlaglicht darauf, wie wichtig das wertvollste Differenzierungsmerkmal für Unternehmen des Silicon Valley im Wettbewerb ist: Talentierte Mitarbeiter im technischen Bereich.

Definitiv verdienen diese produktiven Mitarbeiter all die Aufmerksamkeit, die sie bekommen - vielleicht sogar noch mehr. Jeder, der bereits Geld in Apples App Store verdient hat oder mit Firmen wie Salesforce.com oder SurveyMonkey konkurriert, kennt nur zu genau den gewaltigen Unterschied zwischen "einigermaßen guten" und "grandiosen" Entwicklern. Nicht ohne Grund ist "Acq-hiring" - ein aus den englischen Worten "acquire" (aufkaufen) und "hire" (einstellen) zusammengesetzter Begriff - zu einem Modewort geworden. Echte Talente können enormen wirtschaftlichen Wert schaffen. Verglichen damit sind die Kosten für Gourmet-Kantinen mit glutenfreiem Essen und Concierge-Diensten nur sehr gering.

Allerdings reicht es nicht aus, die Talente einfach einzustellen - man muss auch dafür sorgen, dass sie produktiv Innovationen erzeugen und gleichzeitig innovative Produkte schaffen. Aber was passiert mit dem Selbstbild und den individuellen Erwartungen, wenn der Arbeitgeber unter "produktiv innovativ" und "innovativ produktiv" plötzlich etwas ganz anderes versteht? Wer glaubt, ihm sei versprochen worden, sich bis zu einen Tag pro Woche mit Ideen für disruptive Innovationen zu beschäftigen, könnte sich durchaus betrogen oder unzufrieden fühlen, wenn er sich nun stärker als gedacht um seinen normalen Job kümmern soll. Auf gewisse Weise geht es bei Innovationskultur ebenso sehr um Glaubwürdigkeit wie um Kreativität und Genialität.

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Aus diesem Grund ist Google ein besonderer Fall. Niemand zweifelt daran, dass die Unternehmensgründer eine große Leidenschaft für Innovation hegen - und zwar intellektuell ebenso wie emotional. Innovation bildet den Kern ihrer unternehmerischen Identität und Effektivität. Genau diese Haltung ist es, die Google zu dem Unternehmen gemacht hat, das es heute ist.

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Kommentare
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bosbach.mobi 03.09.2013

Die Kunst der Indivdualität
Zitat: "Die Innovationskultur von Google wird künftig ebenso sehr von erhobenen Leistungsdaten seiner Beschäftigten wie von deren technischen Eingebungen und Erkenntnissen geprägt sein. Mit anderen Worten: Das Google von morgen wird nicht mehr 20 Prozent Freizeit für alle erlauben. Stattdessen wird es zur Best Practice werden, dass manche Personen und Teams so viel Freiraum bekommen, wie sie brauchen, während andere gänzlich darauf verzichten müssen." Ehrlich gesagt hatte ich mich schon lange gefragt, ob wirklich alle über einen Kamm geschoren werden und die 20% tatsächlich so haben wollten? Natürlich ist es ein tolle Idee die Zeit für Kreativität zu haben, aber sind genau 20% für jeden genau richtig? Vor diesem Hintergrund ist der Schritt zu mehr Individualität einer den ich schon länger erwartet hatte. Die kreativen Frei-Arbeitszeiten sind damit ja nicht vom Tisch, im Gegenteil. Eine große Herausforderung sehe ich allerdings noch und bin gespannt auf die Lösung. Was ist mit den Mitarbeitern die erst während der Arbeit bei Google zu ihrem Potential finden? Für diese wird es zunächst "schleche Leistungsdaten" gaben, und damit in der Theorie zunächst keine Kreativzeit. Die Kunst wird also sein jedem ein Mindestmaß an Kreativzeit möglich zu machen und dieses individuell im geeigneten Maße (bis auf max 110%) zuzugestehen.

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