Vorsicht Fachkarriere

Personal:

Von Armin Trost
23. Mai 2014
Corbis

Wenn ich mit Personalleitern über das Thema Fachkarriere diskutiere, haben sie meist ganz bestimmte Personen in ihrem Unternehmen vor Augen. Wie zum Beispiel Jürgen. Jürgen ist in seinem speziellen Fachgebiet ein echter Experte. Er kann etwas, was nur wenige können und ist darin für das Unternehmen extrem wichtig. Jürgen könnte ein hoch spezialisierter Versicherungsmathematiker bei einer Versicherung sein, einer der besten Brauereimeister, die es gibt, ein führender Wissenschaftler im Forschungs- und Entwicklungsbereich eines Pharmaunternehmens oder ein IT-Spezialist für Software in der Logistikplanung. Wenn Jürgen kündigen würde, wäre dies für sein Unternehmen eine Riesenkatastrophe. Leute wie ihn gibt es auf dem Arbeitsmarkt nur sehr wenige. Den Geschäftsführer könnte man vergleichsweise einfach ersetzen, Jürgen nicht.

Da Jürgen keine Führungsverantwortung hat, ist er einer unteren Gehaltsstufe zugeordnet. Jürgen will auch nicht führen. Unternehmenspolitik liegt ihm fern. Er liebt seine Aufgabe und für zahllose und aus seiner Sicht sinnlosen Meetings hat er weder den Nerv noch die Zeit. Für einen Personalleiter sind solche Fälle der blanke Horror. Wie soll er Jürgen erklären, warum er nur das verdient, was auf dem Gehaltszettel steht, obwohl beide wissen, wie wichtig Jürgen eigentlich ist? Warum bekommt er keinen Firmenwagen, nur weil er einer unteren Gehaltsstufe zugeordnet ist? Die Lösung lautet: Fachkarriere!

Drei Laufbahnen

Längst unterscheiden zahlreiche Unternehmen zwischen einer Fachkarriere und einer Führungslaufbahn. Nicht selten kommt die Projektlaufbahn als dritte Variante hinzu. Offiziell steht dahinter die Intention, gleichwertige, parallele Karrieremodelle zu realisieren um den unternehmerischen Bedarf zu decken. Andererseits soll der Mitarbeiter zwischen unterschiedlichen Karriereoptionen wählen können, je nach individuellen Präferenzen. Während in einer Führungslaufbahn der Mitarbeiter erst Teamleiter, dann Abteilungsleiter, dann Hauptabteilungsleiter, dann Bereichsleiter und vielleicht irgendwann Geschäftsführer wird, klingen die Titel einer Fachkarriere anders. Man steigt als Junior Expert ein und endet irgendwann als "Senior Irgendwas Fellow" - wenn alles gut geht. Dafür entwickelt man zu den existierenden Gehaltsstufen parallele Gehaltsstufen für Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung. Man vergibt besondere Privilegien, wie etwa flexiblere Arbeitsstrukturen oder wohl klingende Titel und gewährt den so genannten Experten ein eigenes Budget für die eigene Weiterbildung.

Es wäre aber naiv zu glauben, man könne durch formale Strukturen, Titel und Privilegien fachlich orientierter Karrieren und Jobs aufwerten und somit an die wahrgenommene Wertigkeit von Führungspositionen angleichen. In einem Unternehmen, in dem Führungskräfte das Sagen haben und entsprechende soziale Anerkennung genießen haben Experten kaum eine Chance ebenbürtig dazustehen. Policies, Gehaltsstrukturen, Privilegien, Titel kann man ändern, soziale Wertungen oder Hackordnungen nicht.

Die wenigen Beispiele erfolgreicher Fachkarrieren findet man in solchen Kontexten, bei denen Experten schon immer eine herausragende oder zentrale Rolle gespielt haben. Beispielsweise Unternehmen, für die Innovation die oberste Priorität hat. Innovative Unternehmen brauchen hoch spezialisierte, führende Wissenschaftler und Ingenieure, die Besten in ihrem jeweiligen Fach. Diese Unternehmen vermeiden es, ihre genialsten Köpfe mit Führungsaufgaben zu blockieren. Wenn sie es richtig machen, geben sie ihren Spezialisten Freiheit zum Denken und Kommunizieren, alle Ressourcen, die sie benötigen, Zugänge zu Entscheidern und anderen Spezialisten - innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Geld spielt eine untergeordnete Rolle. Spezialisten haben ein zentrales Interesse: möglichst tief in ihre Materie eindringen und in ihrer Community Spuren hinterlassen.

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Kommentare
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Großheim 26.05.2014

Lieber Herr Trost, Danke für den lesenswerten Artikel. Sie haben aus meiner Sicht den zentralen Aspekt - den Strategiebezug - gut rausgearbeitet. Mir persönlich kommt der Stellenwert der identischen Strukturen etwas kurz. Wir besprechen Ihren Artikel hier: http://www.fachkraefte-blog.de/2014/05/26/jurgen-und-die-fachkarriere/ Herzliche Grüße, Patrick Großheim

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