Vorsicht Fachkarriere

23. Mai 2014
Corbis

2. Teil: Bei der Stange gehalten

Erfolgreiche Fachkarrieren

Auch Universitäten oder vergleichbare Forschungseinrichtungen bieten Arbeitswelten, in denen die Fachkarriere schon seit Jahrhunderten funktioniert. Ich selbst habe mich auch für eine Fachkarriere in diesem Umfeld entschieden und bin Professor geworden. Ich kann nicht führen, will das auch nicht. Zum Glück weiß ich das. Jetzt habe ich die Freiheit das zu tun, was mir wichtig erscheint. Ich habe nichts gegen Führungskräfte, bin aber froh keinen Boss zu haben - zumindest kenne ich ihn nicht. An unserer Hochschule gibt es auch Führungskräfte, aber die sind letztendlich nur dafür da, dass ich einen guten Job machen kann. Ich verdiene anständig und führe einen schicken Titel. Was will man mehr?

Weitere Beispiele für funktionierende Fachkarrieren findet man in der Kunst, in der Literatur oder im Sport. Auch wenn den meisten Personalverantwortlichen diese Beispiele nicht unmittelbar in den Sinn kommen, haben Bob Dylan, Günther Grass oder Sebastian Vettel echte Fachkarrieren hinter sich. Sie sind alle ihren Weg gegangen, haben "Karriere gemacht", mussten jedoch nie wirklich Mitarbeiter führen. Zumindest hielt sich ihre Führungsverantwortung in überschaubarem Rahmen. In ihrem Umfeld gibt es Manager - allerdings in der zweiten Reihe.

Was wir heute aber unter dem Label Fachkarriere in den meisten Unternehmen vorfinden, hat mit diesen Beispielen nichts zu tun. Es geht in erster Linie darum, geschätzte Experten "bei der Stange zu halten". Es gibt zahlreiche Studien zur Frage, warum Unternehmen eine Fachkarriere anbieten. Die Antworten wiederholen sich: Mitarbeiterbindung, Perspektiven bieten, Wissen im Unternehmen halten, Zufriedenheit. Das ist in Ordnung, aber man stelle sich vor, es ginge um die Frage, warum Unternehmen Führungskarrieren anbieten und es kämen ähnliche Antworten wie diese: "Wir haben eine Führungskarriere für Mitarbeiter, die zwar keine Spezialisten sind, aber gerne führen wollen". Hier regt sich der dringende Verdacht, Unternehmen würden Fachkarrieren anbieten, um es den Mitarbeitern irgendwie Recht zu machen. Da ist sie wieder, die bekannte, es gut meinende Personalerneigung.

In Systemen, bei denen Experten nur deshalb in Fachkarrieren gehalten werden um es ihnen Recht zu machen, sind Führungskräfte nach wie vor die eigentlichen Helden. Sie fällen relevante Entscheidungen und bestimmen über die Zukunft von Experten. Sie haben nicht nur die Macht, sondern genießen auch das höhere Maß an sozialer Anerkennung in ihrer Organisation. Das werden sich die Manager auch trotz aller Bemühungen der Personalabteilung nicht nehmen lassen: "Wenn Jürgen geht, dann geht er halt, so leid uns das tut. Hauptsache ich bleibe, was ich bin".

Fachkarrieren haben in Unternehmen nur dann eine Chance wirklich erfolgreich und anerkannt zu sein, wenn sie einen dringenden und unternehmerisch relevanten Bedarf adressieren. Diese Relevanz muss auch auf allen Ebenen des Unternehmens erkannt und wertgeschätzt werden. Wer Fachkarrieren implementiert um "auch Spezialisten eine Perspektive zu bedienen", hat bereits im Ansatz verloren. Die bessere Antwort auf die Frage, warum Fachkarriere eingeführt wird lautet: "Wir tun dies, um die Wettbewerbsfähigkeit unseres Unternehmens und damit seine Zukunft zu sichern".

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Kommentare
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Großheim 26.05.2014

Lieber Herr Trost, Danke für den lesenswerten Artikel. Sie haben aus meiner Sicht den zentralen Aspekt - den Strategiebezug - gut rausgearbeitet. Mir persönlich kommt der Stellenwert der identischen Strukturen etwas kurz. Wir besprechen Ihren Artikel hier: http://www.fachkraefte-blog.de/2014/05/26/jurgen-und-die-fachkarriere/ Herzliche Grüße, Patrick Großheim

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