Kann man mit seinem Chef befreundet sein?

Selbstmanagement:

Von Karen Dillon
9. Januar 2015
Victoria Snowber / Getty Images

Vor ein paar Jahren wurde ich unfreiwilliger Zeuge einer schmerzlichen Trennung. Allerdings ging es dabei nicht um ein Ehepaar, das sich einen Scheidungskrieg lieferte, sondern um das Auseinanderbrechen einer Freundschaft. Kompliziert wurde die Angelegenheit dadurch, dass es sich bei diesen zwei Menschen um einen Chef und seinen Mitarbeiter handelte.

Zuvor hatten die beiden sich so nahegestanden, dass der Chef Jason (nicht sein richtiger Name) und der Mitarbeiter Martin (dessen Name ebenfalls von der Redaktion verändert wurde) sogar ihre Familienurlaube zusammen verbrachten. Da die beiden auch oft gemeinsam zur Arbeit und wieder nach Hause fuhren, gewannen wir übrigen Mitarbeiter den Eindruck, dass Martin eine ganz besondere Beziehung zu unserem Chef hatte und dass ihm dies eine Machtposition verschaffte.

Doch inzwischen lungerte Martin nur noch im Korridor unseres Büros herum in der Hoffnung, Jason zufällig auf dem Weg in den Feierabend zu begegnen - und dass dieser ihm anbieten würde, ihn mit dem Auto mitzunehmen. Wir sind nie so richtig dahintergekommen, warum diese Freundschaft in die Brüche ging, aber es hatte eindeutig keine positiven Auswirkungen - weder für die beiden Betroffenen noch für das Unternehmen.

Es gelang den beiden zwar irgendwie, sich durch diese peinliche Situation durchzuwursteln, indem sie in gezwungener Förmlichkeit miteinander umgingen (die Autoritätsverhältnisse waren unter dem Vorwand einer größeren Umstrukturierung so umgemodelt wurden, dass Martin nicht mehr Jasons direkter Untergebener war). Doch schließlich verließ Martin das Unternehmen, und Jason schien darüber erleichtert zu sein.

Wenn ich an diese Situation zurückdenke, wird mir klar, wie kompliziert eine Freundschaft zwischen Chef und Mitarbeiter sein kann. Ich hatte glücklicherweise immer zu allen Vorgesetzten ein sehr gutes Verhältnis - ohne dass jemals eine richtige Freundschaft daraus geworden ist. Ist es überhaupt klug, sich mit einem Chef anzufreunden, der einem schließlich jederzeit kündigen, eine Gehaltserhöhung verweigern oder schlimmstenfalls sogar das Leben zur Hölle machen kann?

Natürlich hat es Vorteile, mit dem Chef befreundet zu sein. Wir wiegen uns zwar gern in dem Glauben, in einem vollkommen egalitären System zu arbeiten, doch wenn Ihr Chef Sie als seinen guten Kumpel betrachtet, wird er Ihnen natürlich schon eher Informationen anvertrauen, Ihnen lieber den gewünschten Urlaub oder die ersehnten flexiblen Arbeitszeiten bewilligen und - was vielleicht noch wichtiger ist - Sie auch eher für wichtige Aufgaben und Projekte auswählen.

Schließlich liegt es in der menschlichen Natur, Leute, die man mag, besser zu behandeln als diejenigen, die man nicht leiden kann. "Wenn Sie eine enge Beziehung zu jemandem haben, der in Ihrer Organisation auf einer höheren Stufe steht als Sie selbst, kann diese Person Sie befördern, etwas für Ihren guten Ruf im Unternehmen tun [oder] Ihnen den Zugang zu nützlichen Informationen erleichtern", stellt Monique Valcour, Professorin für Management an der EDHEC Business School in Frankreich, fest.

Woher weiß man, wann es eine gute Idee ist, mit dem Chef befreundet zu sein - und in welchen Fällen es einfach zu hohe Risiken birgt? Die Antwort auf diese Frage hängt laut Expertenmeinung von mehreren verschiedenen Faktoren ab.

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