Was den Wert von Nest ausmacht

Geschäftsmodelle:

Von Marco Iansiti und Karim R. Lakhani
12. Januar 2015
Nest

Noch vor wenigen Jahren hätte wohl kaum eine Führungskraft beim US-Mischkonzern und Haustechnikhersteller Honeywell Google als Konkurrenten bezeichnet. Im Januar 2014 aber änderte sich das: Für 3,2 Milliarden Dollar kaufte Google Nest, einen Hersteller von digitalen Thermostaten und Rauchmeldern. Dieser Schritt zeigt, dass die digitale Transformation und Vernetzung eine kritische Masse erreicht hat und sich in die klassischen Industriebereiche ausgedehnt hat.

Neuen Wert schafft der Nest-Thermostat, indem er den gesamten Prozess der Temperatursteuerung in Privathäusern - vom Brennstoffkauf über Temperatureinstellung bis zum Betrieb der Systeme für Heizung, Klima und Lüftung - digitalisiert und ihn mit Datendiensten in der Cloud vernetzt. Der Thermostat sammelt die Daten über den laufenden Energieverbrauch und meldet sie an das Versorgungsunternehmen. Dieses kann so seine Verbrauchsprognosen verbessern und seine Effizienz erhöhen. Zugleich kann Nest den Kunden Preisinformationen zurückmelden ("Die aktuelle Nachfrage ist hoch, also steigt der Preis für Sie. Wir stellen Ihre Klimaanlage für die nächsten zwei Stunden ab"), was die Stromrechnung senken kann.

Werte erschliessen

Wie nutzt Nest den geschaffenen Wert? Erstens verkauft das Unternehmen die Geräte für den zwei- bis dreifachen Preis konventioneller Thermostate. Zweitens kann es mithilfe besserer Daten Geld von den Versorgern kassieren: Google kann Daten zu Energieverbrauchsmustern sammeln und von den Versorgern einen Anteil an den Einsparungen verlangen, die sich damit erzielen lassen. Drittens kann ein Teil dieser Einsparungen an die Kunden weitergegeben werden.

Damit ist Nest nicht mehr nur auf dem weltweit drei Milliarden Dollar umfassenden Weltmarkt für Thermostate aktiv, sondern bekommt Einfluss auf den gesamten Energiesektor mit seinen sechs Billionen Dollar Umsatz. Wenn das Unternehmen seine Cloud-Plattform für Geräte und Dienstleistungen anderer Anbieter öffnet, kann es auch in anderen Branchen Fuß fassen. Bereits heute kommuniziert die Nest-Plattform mit modernen Waschmaschinen von Whirlpool, um Wasch- und Trockenvorgänge auf Zeiten mit geringer Stromnetzlast zu verlegen. Über eine Vernetzung mit Produkten des Wearable-Anbieters Jawbone erkennt sie, wenn ein Bewohner aufgewacht ist, sodass die Temperatur im Haus dynamisch geregelt werden kann. Ebenfalls möglich ist die Verbindung mit Sicherheitssystemen ("Eben ist jemand an Ihrem Thermostat vorbeigegangen. Ich dachte, es sei niemand zu Hause") oder Konsumelektronik ("Sie sind jetzt im Schlafzimmer, soll der Fernseher im Wohnzimmer wirklich weiterlaufen?"). Das Potenzial für neue Anwendungen und Dienstleistungen ist erstaunlich.


Das Beispiel Nest stammt aus dem HBM-Beitrag "Digitale Erneuerung". Dort beschreiben die beiden Harvard-Professoren Marco Iansiti und Karim R. Lakhani, wie General Electric den Wandel zum industriellen Internet vollzogen hat. Der Konzern hat Milliarden Dollar in das sogenannte industrielle Internet investiert. Vorher getrennte Aufgaben und Geräte wurden damit miteinander vernetzt. Die einschneidenden Veränderungen bei Personal, Entwicklung, Vertrieb und Marketing haben GE 2013 schrittweise über 1,5 Milliarden Dollar neuen Umsatz gebracht. Mit dem alten Geschäft haben die neuen Angebote nicht mehr viel zu tun. Schritt für Schritt frisst das neue Geschäft das alte auf.



Digitale Erneuerung


HBM-Beitrag als PDF, 13 Seiten

Zur Leseprobe

Zu den Autoren
Marco Iansiti ist Professor für Business Administration an der Harvard Business School. Dort leitet er den Bereich Technology and Operations Management und den Forschungsbereich Digital Initiative.

Karim R. Lakhani ist Associate Professor für Business Administration an der Harvard Business School und leitender Forscher am NASA Tournament Lab des Institute for Quantitative Social Science der Harvard University.

Artikel
Kommentare
0
Diskussionsregeln

Wir freuen uns über lebendige, konstruktive und inspirierende Diskussionen auf HBM Online. Um die Qualität der Debattenbeiträge sicherzustellen, werden unsere Moderatoren jeden Beitrag prüfen. Eine Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Beiträge mit vorwiegend werblichem, strafbarem, beleidigendem oder anderweitig inakzeptablem Inhalt werden von unseren Moderatoren gelöscht.

© Harvard Business Manager 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH



Der Management-Tipp
des Tages als Newsletter
oder kostenlose App



ANZEIGE
Nach oben