Vertrauen... ist Macht

Umfrage:

4. Dezember 2018

Unsere Macht gehört uns nicht. Es ist eine vom Verbraucher geliehene Macht, die wir immer wieder bestätigen müssen durch vernünftige und unabhängige Tests. Man vertraut uns als Institution, dass die Testergebnisse stimmen und man sich danach richten kann. Unsere Macht ist das Vertrauen der Verbraucher. Befragungen zeigen, dass wir genauso bekannt sind wie Angela Merkel. Unsere Vertrauenswerte liegen bei 80 Prozent - und sind damit wahrscheinlich höher als die der Kanzlerin. Das Vertrauen können wir aber auch wieder verlieren. Zuletzt haben wir das bei der Auseinandersetzung mit Ritter Sport erfahren. Da wurden wir plötzlich in einen Topf geworfen mit gefälschten Bewertungen beim ADAC und dem Fall der fehlerhaften Brustimplantate mit TÜV-Siegel. Ja, wir haben beim Test der Schokolade von Ritter Sport einen Fehler in der Darstellung der Ergebnisse gemacht, aber den zugegeben und erklärt. Wir haben daraus gelernt und schnell wieder Vertrauen gewonnen.

Die Macht, die wir haben, ist eine gute Macht. Wir schätzen die Ethik unserer Arbeit sehr hoch ein, es ist durchweg gut, Verbraucher aufzuklären. Aber unsere Macht bürdet uns eine große Verantwortung auf. Ganz konkret wird das, wenn wir an ein Produkt die Note "mangelhaft" vergeben und ein Unternehmen daraufhin sagt, es sei von Insolvenz bedroht. Ich betone dann immer, dass wir uns der Verantwortung sehr bewusst sind. Aber wenn unsere Daten die schlechte Note ergeben, dann gibt es keine zweite Chance. Wir können ja nicht sagen, dass uns ein bestimmtes Unternehmen besonders leidtut. Es ist schließlich selbst dafür verantwortlich, welche Produkte auf den Markt gebracht werden. Wir vergeben ein "mangelhaft" trotz aller Folgen, die das haben kann.

Produkte, die bei uns nicht so gut abschneiden, verschwinden oft vom Markt. Insgesamt trägt das dazu bei, dass die Deutschen auf dem Weltmarkt mit ihren Produkten sehr erfolgreich sind. Ich glaube schon, dass wir da etwas bewirken. Nachweisen kann man den Effekt zum Beispiel bei Olivenöl. Da haben wir auf schädliche Weichmacher getestet und diese auch gefunden. Wir haben das kritisiert und mit "mangelhaft" bewertet. Heute gehört der Test auf Weichmacher zum Standard, damit Olivenöl überhaupt auf dem Markt zugelassen wird. Es gibt viele Beispiele, in denen unsere Tests zum Anlass genommen wurden, um bestimmte Untersuchungsergebnisse in Anforderungen, Richtlinien und Normen zu übersetzen.

Wer Macht oder Einfluss hat, muss den Kopf frei haben. Man darf nicht unter der Last der Verantwortung leiden und nur verzagt herumlaufen. Es geht bei uns um die objektive und neutrale Bewertung von Produkten. Angst vor Auseinandersetzungen mit Anbietern oder Rechtsstreitigkeiten darf es nicht geben.

Hubertus Primus ist seit 2012 Vorstand der Stiftung Warentest. Davor war der Volljurist Chefredakteur der Zeitschriften "finanztest" und "Test".

Spezial 1/2019

Macht


Was künftig über Einfluss und Erfolg entscheidet


Artikel
© HBM Sonderheft 1/2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
Die neuesten Blogs
Nach oben