Bindung steigt, Leidenschaft dümpelt

Mitarbeiterengagement:

Von Christina Kestel
10. März 2015
Corbis

Gute Nachrichten aus den deutschen Unternehmen: Die Belegschaft denkt immer weniger an Kündigung. Das legen die Zahlen des neuesten Engagement-Index des Beratungsunternehmens Gallup nahe. Demnach ist der Anteil deutscher Arbeitnehmer, die emotional nicht an ihren Arbeitgeber gebunden sind, auf 15 Prozent gesunken. Schon im vergangenen Jahr verzeichnete Gallup einen Rückgang auf 17 Prozent - nach einem jahrelangen Anstieg der inneren Kündigungen (siehe Bild 1 in der Fotostrecke).

Die Gruppe der engagierten Arbeitnehmer wird durch diese Entwicklung nicht größer, sondern sinkt sogar um ein Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 15 Prozent - von 100 Beschäftigten in einem durchschnittlichen Unternehmen sind das gerade mal 15 Personen. Was übrig bleibt, ist eine große Gruppe von Arbeitnehmern (70 Prozent) mit geringer emotionaler Bindung an ihr Unternehmen. Das bedeutet in der Konsequenz: Sie macht Dienst nach Vorschrift.

Die Frage nach dem Grad der Bindung der Mitarbeiter an ihr Unternehmen steht und fällt mit der Qualität der Führung. Und hat sich Gallup auf der Suche nach den Ursachen besonders mit Führungskräften beschäftigt. Der alte Spruch, Mitarbeiter kommen wegen des Jobs und gehen wegen des Chefs, wird auch in dieser Umfrage durch neue Zahlen untermauert: 42 Prozent der emotional nicht Gebundenen erwogen in den vergangenen 12 Monaten ihr Unternehmen wegen ihres Vorgesetzten zu verlassen, 13 Prozent waren es unter den Mitarbeitern mit geringer Bindung (siehe Bild 3). Ein Viertel aller befragten Mitarbeiter hat diesen Schritt schon einmal in ihrem Berufsleben vollzogen und die eigene Stelle wegen des Chefs gekündigt, um sich besser zu fühlen. Und 39 Prozent der nicht Gebundenen würden ihren Chef sofort entlassen, wenn sie könnten.

Schaut man sich die Fluktuationsneigung (Bild 2) an, wird deutlich, dass die Hälfte der Dienst-nach-Vorschrift-Arbeiter resigniert hat und keine berufliche Karriere mehr in ihrer derzeitigen Firma anstrebt. 32 Prozent beabsichtigen, in einem Jahr nicht mehr da zu sein, 42 Prozent planen keine weiteren drei Jahre mehr in ihrer Firma.

"Wenn das Führungsverhalten nicht stimmt und die Situation am Arbeitsplatz schlecht ist, leiden die Mitarbeiter letztlich psychisch und physisch drunter," sagt Marco Nink, Strategic Consultant bei Gallup in Deutschland. Deshalb sind die Burnout-Raten bei den nicht Gebundenen so hoch und der Spaß an der Arbeit so gering. Am Ende hat nicht nur der Mitarbeiter das Nachsehen, sondern auch das Unternehmen: Neben einer höheren Fluktuation steigt die Zahl der Fehltage: Emotional nicht gebundene Mitarbeiter fehlen fünf Tage im Jahr mehr als die zufriedenen Kollegen. "Jeder Fehltag kostet ein Unternehmen im Schnitt 252 Euro. Aus dem Mehr an Fehlzeit aufgrund fehlender oder nur geringer emotionaler Mitarbeiterbindung entstehen einem Unternehmen mit 2000 Mitarbeitern Kosten in Höhe von rund 1,3 Millionen Euro", fasst Nink zusammen.

Hinzu kommen die jährlichen Kosten für die Mitarbeiterfluktuation. Hier gilt: je größer, desto teurer. Nach Berechnungen von Gallup belaufen sich die Kosten für ein Unternehmen mit 500 Mitarbeitern auf rund 617.000 Euro, für einen Konzern mit 30.000 Mitarbeitern werden bereits 36,9 Millionen Euro fällig.

Die Studie

Gallup befragte im vergangenen Jahr 2034 Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen ab 18 Jahren in drei Erhebungszeiträumen zwischen April und November. Das Beratungsunternehmen stellte in computergestützten Telefoninterviews zwölf Fragen zum Arbeitsplatz und dem -umfeld und ermittelt so den Grad der emotionalen Bindung und der Arbeitszufriedenheit von Mitarbeitern. Der Engagement-Index wird seit 2001 jährlich erstellt.

Zur Autorin
Christina Kestel ist Redakteurin des Harvard Business Managers.

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Kommentare
1
MarcoHass 12.03.2015

Seit 14 Jahren ignorieren Führungskräfte also mehr oder weniger diese Umfrageergebnisse! Welche Macht mag dahinterstecken, dass 85 % der Mitarbeiter resignieren? Mit Angst und Druck zu führen ist eine große Macht! Angst saugt jedem Menschen Willen, Eigeninitiative, Kreativität und Engagement ab. Die Unternehmen kostet das Milliarden. Was führt bei Führungspersönlichkeiten zur Veränderung dieses hilflosen Verhaltens? Es bleibt ganz alleine der Selbsterkenntnis der Führungskräfte überlassen, dass die eigene Handlungsfreiheit, öffentlich beachtetes Ansehen und Erfolg steigen, wenn unbegründete Lieblingsüberzeugungen infrage gestellt werden und Offenheit für Fortbildung oder persönliches Coaching entsteht. Allerdings interessiert es diese Menschen nicht oder sie informieren sich gar nicht erst in solchen Quellen wie z.B. HBM. Es besteht also keine Gefahr, dass es bald besser wird. MarcoHass et aol com

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