Fünf Wege zu besserer Führung

Selbstmanagement:

Von Anthony K. Tjan
2. April 2015
Corbis

Ohne Selbstwahrnehmung kann man keine gute Führungskraft sein. Sie ist das Fundament eines starken Charakters und befähigt uns zu zielgerichtetem Führen, Authentizität, Offenheit und Zuversicht. Von unserer Selbstwahrnehmung hängt ein großer Teil unserer Erfolge und Misserfolge ab. Und da diese Fähigkeit uns hilft, uns selbst besser zu verstehen, lässt sie uns auch erkennen, was wir von unseren Mitmenschen am dringendsten brauchen, um unsere eigenen Mängel und Schwächen als Führungskraft auszugleichen.

Die Frage ist nur: Wie können wir unsere Selbstwahrnehmung verbessern und weiterentwickeln? Dazu gibt es viele Möglichkeiten. Ich möchte Ihnen hier fünf Wege zeigen, die uns meiner Erfahrung nach am weitesten bringen:

1. Meditieren Sie.

Ja - meditieren Sie! Wie mittlerweile allgemein bekannt ist, kann man sich durch Meditation darin üben, mehr im Jetzt und Hier zu leben. Die meisten Meditationsformen beginnen damit, dass man sich auf das Ein- und Ausatmen konzentriert und sich die Einfachheit dieses Vorgangs bewusst macht. Aber Meditationen müssen nicht unbedingt an starre Formen oder Rituale gebunden sein - man kann auch größere innere Klarheit gewinnen, indem man in regelmäßigen Zeitabständen innehält und nachdenkt. Ich persönlich versuche einen Zustand tieferer Bewusstheit zu erreichen, indem ich mich einfach ein paar Sekunden lang auf meine Atmung konzentriere. Oft tue ich das vor dem Einschlafen, und manchmal nutze ich dazu eine der verschiedenen Meditations-Apps. Während dieser Meditationen stelle ich mir auch Fragen, zum Beispiel:

  • Was will ich erreichen?
  • Was mache ich zurzeit richtig?
  • In welcher Hinsicht stehe ich mir selbst im Weg?
  • Was kann ich tun, um mich zu verändern?

Doch die Meditation, die ich am häufigsten praktiziere, besteht darin, scheinbar banale, alltägliche Aufgaben zu erledigen, die mich in einen Zustand therapeutischer Gelassenheit versetzen: zum Beispiel Geschirrspülen, Gartenarbeit - oder am Samstagmorgen schreibend im Bostoner Museum of Fine Arts zu sitzen und darauf zu warten, dass mein Sohn aus dem Zeichenunterricht zurückkommt.

2. Schreiben Sie Ihre wichtigsten Pläne und Prioritäten auf.

Man kann seine Selbstwahrnehmung am ehesten verbessern, indem man sich aufschreibt, was man erreichen möchte, und seine Fortschritte zu diesem Ziel schriftlich dokumentiert. Warren Buffet ist beispielsweise bekannt dafür, bei jeder Investition seine Gründe dafür genau zu formulieren. Seine Tagebucheinträge sind historische Dokumente, anhand deren er beurteilen kann, ob künftige Ergebnisse von Investitionen wohl auf ein gesundes Urteilsvermögen oder einfach nur auf Glück zurückzuführen sind.

Li Lu - einer der Anführer der Studentendemonstration am Platz des himmlischen Friedens und heute ein sehr angesehener Investor - erzählte mir einmal von einer Gewohnheit, zu der Benjamin Franklin ihn inspiriert hat und die er jahrelang praktizierte: Franklin führte eine "Bilanz" der Plus- und Minuspunkte seiner Charaktereigenschaften. Dadurch, dass er über alle neuen Stärken Buch führte, die er von anderen Menschen lernen zu können glaubte, und alle Schwächen notierte, die er an sich selbst feststellte, konnte er besser beurteilen, ob der "Nettowert" seines Charakters im Lauf der Zeit stieg.

3. Machen Sie psychometrische Tests.

In dem Buch Heart, Smarts, Guts and Luck haben meine Koautoren und ich einen einfachen "Eignungstest für Unternehmer" entwickelt, um herauszufinden, von welchen Eigenschaften sich die Testabsolventen in ihrem Berufs- und Privatleben am stärksten leiten lassen. Zu den bekanntesten Tests dieser Art gehören der Myers-Briggs-Typenindikator und der Predictive Index. Alle in diesen Tests erhobenen Daten konzentrieren sich auf eine bessere Selbstwahrnehmung. Sie sind so aufgebaut, dass es keine richtigen oder falschen Antworten gibt. Die Testfragen fordern den Leser vielmehr dazu auf, eine Reihe von Charaktereigenschaften anzukreuzen, die im Vergleich zu anderen Menschen ihrer Meinung nach am ehesten auf sie zutreffen.

In unserer Version dieses Tests (den Sie kostenlos unter www.hsgl.com absolvieren können) konfrontieren wir die Teilnehmer mit "Entweder-oder-Fragen", z.B.: Beruht Ihr Erfolg eher auf analytischen Fähigkeiten oder auf Ihrem "Bauchgefühl"? Lassen Sie sich hauptsächlich von leidenschaftlichem Engagement leiten, oder verlassen Sie sich in erster Linie aufs Handeln? Solche Fragen, bei denen man gezwungen ist, zwischen zwei Alternativen zu wählen, verhelfen den Testabsolventen zu einem besseren Verständnis ihrer wahren Persönlichkeit.

4. Fragen Sie Freunde, denen Sie vertrauen.

Niemand kann hundertprozentig sicher sein, wie er bei seinen Mitmenschen ankommt. Das können wir nur aus dem Feedback von Kollegen, Freunden und Mentoren ableiten. Damit Ihre Freunde es auch wirklich wagen, Ihnen einen ehrlichen Spiegel vorzuhalten, sollten Sie ihnen klarmachen, dass Sie an einer offenen, kritischen, objektiven Einschätzung interessiert sind. Geben Sie Ihrem Freund oder Kollegen das Gefühl, dass er keine Angst davor zu haben braucht, Ihnen ehrliches Feedback zu geben. Sie können Ihre Bitte zum Beispiel folgendermaßen formulieren: "Ich stelle dir diese Frage als guter Freund. Bitte sag' mir ganz offen deine Meinung dazu, ja?"

Sie können Ihre Freunde auch bitten, Sie darauf aufmerksam zu machen, wenn Sie wieder einmal in ein Verhalten verfallen, das Sie ändern möchten. Zum Beispiel: "Du weißt doch, dass ich manchmal ziemlich großspurig sein kann und am liebsten bei jedem Gespräch den Ton angeben möchte. Bitte sei so gut und erinnere mich (möglichst diskret) daran, wenn ich wieder einmal in diesen Fehler verfalle, damit ich mir das endlich abgewöhne."

5. Holen Sie sich regelmäßig Feedback am Arbeitsplatz.

Sie können nicht nur Freunde und Familienangehörige um Hilfe bitten, sondern auch die formelleren Prozesse und Mechanismen am Arbeitsplatz zu Ihrer persönlichen Selbstverbesserung nutzen. Falls es so etwas in Ihrem Unternehmen nicht geben sollte, versuchen Sie Feedbackschleifen zu implementieren. Gutes, konstruktives, formalisiertes Feedback führt uns unsere Stärken und Schwächen deutlicher vor Augen. In meiner eigenen Venture-Capital-Firma Cue Ball motivieren wir Unternehmensgründer seit einiger Zeit dazu, in ihren Firmen einen alljährlichen formellen 360-Grad-Feedback-Prozess einzuführen, der das Geben von Feedback über verschiedene Kompetenzbereiche und Arbeitsstile hinweg ermöglicht.

Der Schlüssel zu einem effektiven formellen Feedback besteht darin, a) ein festes Procedere und b) einen effektive Führungskraft dafür zu haben. Für Letzteres braucht man entweder gute unternehmensinterne Personalmitarbeiter, oder man muss externe Moderatoren und Berater heranziehen.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es sowohl in kleinen als auch in größeren Unternehmen effektiver ist, mit externen Beratern zusammenzuarbeiten, weil sie unvoreingenommen und nicht in unternehmensinterne Hierarchien eingebunden sind. Sobald der Feedbackprozess abgeschlossen ist, sollten alle Beteiligten ihn genau durchdenken und schriftlich festhalten, welche wichtigen Erkenntnisse er ihnen gebracht hat. Achten Sie dabei sowohl auf Stärken, die Ihnen bisher nicht bewusst waren, als auch auf Schwächen oder blinde Flecken.

Letzten Endes ist eine bessere Selbstwahrnehmung für uns alle wichtig. Ohne sie kann man keine wirklich effektive Führungskraft sein. Nur mit ihrer Hilfe kommen wir dem Zustand der "Selbstkongruenz" - in dem unsere Worte, Gedanken und Gefühle miteinander übereinstimmen - näher. An der Verbesserung seiner Selbstwahrnehmung muss man ein Leben lang arbeiten. Aber mit den fünf praxisorientierten Strategien, die ich Ihnen hier vorgestellt habe, werden Sie auf diesem Weg schneller und besser vorwärtskommen.

Zum Autor
Anthony K. Tjan ist CEO, geschäftsführender Gesellschafter und Gründer des Venture-Capital-Unternehmens Cue Ball, Vice Chairman der Beratungsfirma Parthenon und Koautor des New York Times-Bestsellers Heart, Smarts, Guts, and Luck (HBR Press, 2012).

Artikel
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