Management neu denken

Kapitalismusdebatte:

Von Richard Straub
24. März 2016
Corbis

Es sieht ganz so aus, als stünden wir an einer entscheidenden Schwelle, was die Zukunft der Menschheit und des Kapitalismus betrifft. Zweihundert Jahre lang haben unternehmerisches Können und Finanzkapital für eine lange Phase des wirtschaftlichen Wachstums gesorgt. In dieser Periode schuf die kapitalistische Martkwirtschaft nich nur gewaltige Innovationszyklen, die den Lebensstandard im Westen in ungeahnte Höhen trieben sondern überwand auch die Phasen überborndender Spekaulation und die darauf folgenden Börseeinbrüche. Letztlich übernahme Produktionskapital die Vorreiterrolle vor dem Finanzkapital, der tatsächliche Wert war wichtiger als der auf dem Papier, wie die venezolanische Wissenschaftlerin Carolta Perez zeigt.

Heute ist das Bild weit weniger rosig: Das Finanzkapital hat das Ruder übernommen. Nach acht Jahren ist die Welt immer noch dabei, sich von den Folgen einer Finanzkrise zu erholen, die um ein Haar die globale Wirtschaft zum Erliegen gebracht hätte. Mittlerweile haben wir wieder so etwas wie Stabilität erreicht, doch stehen wir immer noch vor zahlreichen ungelösten Problemen: In den Himmel schießende Staatsverschuldung, ein nach wie vor fragiles Finanzsystem, stagnierende Produktion, zunehmende soziale Ungleichheit, latente Währungskrisen, Wachstumsrückgang an den aufstrebenden Märkten, hohe Volatilität an den Börsen und Rohstoffmärkten sowie geopolitische Instabilität und Extremismus erschweren die Trendwende hin zu nachhaltigem Wirtschaftswachstum.

Anlass zur Sorge gibt auch, dass die meisten Organisationen trotz Kapitalschwemme und überschüssiger Mittel offenbar nicht in der Lage sind, dieses produktiv zu nutzen. Anstatt in zukunftsorientierte Technologien zu investieren, wird Kapital eher spekulativen Zwecken gewidmet. Der Aktionrückkauf durch Großunternehmen zum Zweck der Kurspflege hat ein skandalöses Ausmaß erreicht. Zahlreiche Ökonomen sagen bereits eine lang anhaltende Phase der Stagnation voraus, da der Wachstumsquell allmählich versiegt. Alles hofft auf das nächste technologische Wunder, eher traditionelle aufgestellte Unternehmen, die auch für Wachstum und wichtige Arbeitsplätze sorgen könnten, sind zum Stiefkind der Investoren geworden.

Die meisten großen Firmen scheinen den Geschmack am Unternehmertum verloren zu haben. Ihre CEOs konzentrieren sich lieber darauf, mithilfe neuer Technologien maximalen Profit aus dem bereits bestehenden Geschäft zu schlagen. Zu oft orientieren sie sich allein am Interesse der Aktionäre, die ein Unternehmen nicht als einen Zusammenschluss von Menschen begreifen, der Engagement und Verantwortung verlangt, sondern als reines Spekulationsobjekt sehen. Während die Kapitalmärkte auf kurzfristige Gewinne aus sind statt auf langfristige Unternehmensentwicklung, versuchen Regierungen, den Herausforderungen unserer Zeit mit Überregulierung zu begegnen. Das Ergebnis sind Mikromanagement und Mikroregulation in den sich mit rasanter Geschwindigkeit entwickelnden wirtschaftlichen Umfeld, was die Probleme, die es zu lösen gilt, oft noch verschlimmert. Ob Tausende Seiten lange Regularien den Banken helfen, ihre Hauptaufgabe zu erfüllen, nämlich die Finanzierung der Realwirtschaft zu gewährleisten, ist höchst fraglich.

Artikel
© Harvard Business Manager 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Die neuesten Blogs
Nach oben