Der Ursprung der Führung

Management:

Von Lutz Becker
18. Oktober 2013

Führung in der Urgeschichte: Eine bessere Chance zu überleben
Corbis

Führung in der Urgeschichte: Eine bessere Chance zu überleben

Wir werden mit Methoden und Rezepten geradezu überschwemmt, die uns helfen sollen, unsere Führungsqualitäten zu verbessern. Die meisten funktionieren erstaunlich gut. Dennoch wird immer wieder eines übersehen: Führung ist kein Werkzeugkasten, sondern eine anthropologische Konstante. Sie hat uns Menschen geholfen, uns im Dschungel der Evolution erfolgreich durchzuschlagen. Dieses Erbe lässt Schlussfolgerungen für moderne Manager zu, was gute Führung ausmacht - und was nicht.

Zwar sind wir auf wenige Funde, anthropologische Untersuchungen und logische Schlussfolgerungen angewiesen. Doch wir können annehmen, dass sich "Leadership" und "Followership" in einer Zeit entwickelten, als unsere Vorfahren durch die Savannen Afrikas streiften und Bruchteile von Sekunden darüber entscheiden konnten, ob sie genug Nahrung fanden - oder zu Nahrung wurden.

Evolutionsforscher und Neurologen gehen heute davon aus, dass es überlebenswichtig für diese Urmenschen war, das Gehirn immer wieder zu entlasten, um für die Überraschungen des Alltags gerüstet zu sein. Denn wenn sich die Frühmenschen Afrikas von komplexen ungelösten Problemen ablenken ließen, konnte schon eine nicht wahrgenommene Bewegung im Gras das Ende bedeuten.

Wir kennen das auch heute noch, zum Beispiel vom Telefonieren am Steuer. Deshalb funktionieren auch klassische Verkäufersprüche so gut. Wie zum Beispiel: "Das ist gar kein Problem." Oder auch: ""Das ist alles ganz einfach."

Selbst in der Politik feiert die klassische Formel weiter Erfolge, dieses Mal in der Variation von Angela Merkel: "Das ist alternativlos." Wenn es keine Alternative gibt, dann ist ja alles ok, und wir können uns wieder den wichtigen Dingen unseres kleinen Lebens widmen.

Was bedeutet Führung eigentlich? Es bedeutet zunächst einmal, dass Aufgaben und Ressourcen innerhalb einer Gruppe neu verteilt werden. Die hochkomplexen Führungsaufgaben wurden umverteilt, die anderen Gruppenmitglieder gewannen Ressourcen, um sich auf andere Aufgaben zu konzentrieren, die für ein Überleben des Individuums in der Gruppe und der Gruppe als Ganzem wichtig waren.

In der kleinen Menschengruppe der afrikanischen Savanne konnte sich vielleicht der Fährtenleser ganz auf seine Aufgabe konzentrieren, ohne Angst haben zu müssen, vom nächsten Löwen gefressen zu werden, weil andere die Flanken sicherten. Ein andere kümmerte sich darum, dass die Gruppenmitglieder zusammenarbeiteten, ob bei Jagd, bei der Nahrungsaufnahme oder um im Fall der Fälle die Flucht sicherzustellen.

Eine bessere Gruppenkoordination durch Führung bedeutete unterm Strich ein höheres Kalorienangebot und damit eine bessere Chance, zu überleben.

Spätestens an dieser Stelle sollten sich "moderne" Führungskäfte, die vor allem Konflikt und Wettbewerb in ihrem Team fördern, Gedanken machen, ob sie auf dem richtigen Weg sind. Die Evolution lehrt uns das Gegenteil.

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M. Alznauer 18.10.2013

Das evolutionäre Führungsmodell
Dieser Ansatz ist vermutlich derzeit am differenziertesten in "Evolutionäre Führung " (Gabler, 2006) und "Natürlich führen" (Springer-Gabler, 2013) ausgearbeitet.

bosbach.mobi 18.10.2013

Was bedeutet Führung denn heute?
Die parallelen zwischen früherer und heutiger Führung sind natürlich vorhanden und teilweise nicht von der Hand zu weisen. Allerdings fehlen aus meiner Sicht in dieser Betrachtung einige wichtige Merkmale heutiger Führung, die sich ebenso auf "alte Gegebenheiten" zurückführen lassen. Zum Beispiel muss (und natürlich spekuliere ich an dieser Stelle) ein wesentlicher Teil von Führung früher wie heute zeit- und themenabhängig (gewesen) sein. Wenn auf der Jagd das Objekt der Begierde auf der Seite der Gruppe auftauchte, auf der der Führer dieser Gruppe gerade nicht anwesend war, hat sicherlich dasjenige Mitglied der Gemeinschaft die Koordinierung und den Aktion selbst in die Hand genommen, das der Beute am nächsten Stand, um den Erfolg sicherzustellen. Damit war die Delegation von Führung dort sicherlich gegeben. Das kann man beliebig weiterdenken. In der Konsequenz ergibt sich damit für Führungskräfte, früher wie heute, ein wesentliches Punkt vor allen anderen Dingen Führungsstärke und -kompetenz ausmacht. Führungskräfte waren/werden/sollten vor allem Werte- und Kulturwächter sein. Das ist der Punkt der, auf den für alle existenziellen Zusammenhalt der Gruppe, den größten Einfluß hat. Nach meiner Erfahrung ist dies leider auch der Punkt der heute sträflich vernachlässigt wird. Sich darauf zu konzentrieren, dass die gelebte Kultur, die Kommunikation und die Zusammensetzung der Gruppe zu dem Grund passt zu dem sich die Gruppe zusammengefunden hat, entscheidet am Ende über deren Erfolg - und nicht die Frage wer "das ultimative Sagen" hat.

M. Alznauer 04.01.2016

Aus evolutionspsychologischer Sicht müssen wir uns zunächst fragen, worin denn der evolutionäre Vorteil einer (gut) geführten gegenüber einer nicht oder schlecht geführten Gruppe besteht. Wenn es den nicht gäbe, hätte Mutter Natur das "Prinzip Führung" schon wieder eliminiert. Wir müssen also die existenzielle Kernaufgabe finden, für die Führung die Lösung ist. Ihr zusätzlicher Beitrag besteht vermutlich darin, sich um die Dinge zu kümmern, die dem (Überlebens-)Erfolg der Gemeinschaft im Wege stehen! Gelingt das, macht freiwilliges Folgen Sinn! Die Vorstellung von "ultimativem Sagen" hätte unsere Ahnen wohl irritiert. Ob Führungskräfte "vor allem Werte- und Kulturwächter" sein sollten, hängt damit davon ab, welche Bedeutung Werte und Kultur in einer speziellen Gruppe aktuell für den gemeinsamen Erfolg haben. Daraus ließe sich ableiten, dass wirksame Führungskräfte zuvorderst verstehen müsssen, worin der gemeinsame Engpass für den Erfolg aktuell besteht, - um diesen anschließend anzugehen. Ganz pragmatisch und befreit von irgendwelchen Führungstricks und Machtspielchen. (Die haben wohl eher die Funktion erfüllt, die den Führenden von der Gruppe möglicherweise zugestandenen Privilegien zu sichern.)

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