Gehen Deutschland die Unternehmer aus?

Innovation:

Von Serhan Ili
7. Juli 2016
Getty Images

Wenn es uns also an Erfindern nicht mangelt, dann fehlt es uns an etwas Anderem: an Unternehmern. Denn derjenige, der eine Idee urbar macht ist ein Innovator - und nicht derjenige, der sie hat.

Selbstzufriedenheit - Opium für das Management
Der Fisch stinkt vom Kopf her - mit dieser These stehe ich nicht alleine: Einer aktuellen Studie der Schweizer Business School IMD zufolge gehört Deutschland nicht mehr zu den zehn wettbewerbsfähigsten Nationen der Welt, nachdem man sich noch 2014 auf dem sechsten Platz befand. Die Studie, die auf einer Befragung von weltweit mehr als 5400 Managern und der Auswertung von 342 Kriterien fußt, bezeichnet als größte Gefahr für Deutschland die Selbstzufriedenheit. Und wem sollte man das zur Last legen, wenn nicht den Führungsetagen?

Der Gedanke daran war schwer zu unterdrücken, als mir der Innovationschef eines großen deutschen Pharmaunternehmens erklärte, die jüngst patentierte Cashcow-Innovation sei für die nächsten zehn Jahre eine sichere Miete. Man könne die Entwicklungs-Pipeline erst einmal ruhen lassen. Fatal - denn wer den Markt nicht beobachtet, keine Chancen sucht und neue Wege geht, verlernt zu betreiben, was die Zukunft sichert. Die Ambitionen auf diesem Feld fortwährend zu befeuern, ist deshalb erste Führungspflicht.

Mangelnde Ambitionen wo es Hunger braucht
Vorweg eine Randbeobachtung wie hierzulande risikoaverses Denken das unternehmerische zunehmend ablöst: In unserer Arbeit für Konzerne und Mittelstand stellen wir fest, dass viele Start-up Unternehmungen das sichere Dach der Großen suchen - Sie geben Ihre Beweglichkeit, Entscheidungsfreiheit und allzu häufig ihre Visionen auf und fesseln sich an mächtige, beengende Strukturen. Start-ups in den USA, gerade im Silicon Valley, erleben wir anders: Sie glauben an die eigene Dynamik und sind überzeugt, dass alleine sie bestimmen werden, wo morgen vorne ist. Man muss keine Zahlen vergleichen, um zu bewerten, wo Ambitionen und Unternehmergeist größer sind.

Begeistert bin ich immer wieder von der Anerkennung für große, besonders neu geborene Erfolge in den USA. Sie ist ungleich größer als in der Bundesrepublik - Neid oder Abschätzigkeit für diese oft mutigen Husarenstücke? Fehlanzeige!

Fatales Innovationsmanagement: Dienst nach Vorschrift
Dass beim Thema Erneuerung die Zeichen auf Sturm stehen, hat so mancher erkannt. Doch viele Reaktionen zeugen immer noch von selbstzufriedener Behäbigkeit: Innovation wird in Deutschland gerne inkrementell betrieben. Das ist nicht mehr als Dienst nach Vorschrift! Der Kampf um fünf Prozent weniger Verbrauch oder zwei Prozent mehr Inhalt ist nicht falsch - er verstellt aber allzu leicht den Blick auf das Wesentliche: Echten Vorsprung, etwas wirklich Neues. So wähnen sich Unternehmen noch aktiv, während sie sich tatsächlich schon in der Vorstufe zum vollständigen Innovationskoma befinden. Wird die Ausweglosigkeit zu lange beschrittener Wege am Ende erkannt, sind die Ressourcen sich neu zu erfinden meist erschöpft.

…...und Melden macht frei
Die Bedeutung von Innovation scheint vielerorts in der Bundesrepublik selbst im Ansatz noch nicht angekommen. Oft sind regelrechte physische Abstoßungserscheinungen festzustellen - psychisch begründet: Innovationsabteilungen führen ein Feigenblattdasein. Isoliert, personell und budgetär inadäquat ausgerüstet, ohne zweckmäßige Vernetzung mit Entwicklungsabteilungen und insbesondere dem Management. Ansätze von hier verhallen im weiten Raum. Aber Innovation ist Chefsache! Warum sind hier so wenig Kapitäne am Ruder?

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