Auf dem Weg in eine unternehmerische Gesellschaft?

Management:

Von Richard Straub
25. Februar 2016

Vor über 30 Jahren schrieb der Management-Vordenker Peter Drucker ein bahnbrechendes Buch mit dem Titel "Innovation and Entrepreneurship". Darin prophezeite er den Wandel einer Gesellschaft aus Angestellten zu einer "Entrepreneurial Society", also einer unternehmerisch denkenden Gesellschaft. Seine Beobachtung machte er an vielerlei Entwicklungen fest, darunter etwa an dem damals schon sichtbaren demographischen Wandel, dem technologischen Fortschritt und der bereits an Fahrt gewinnenden Globalisierung.

Drucker zitiert in seiner Argumentation, warum eine unternehmerisch geprägte Gesellschaft eine vielversprechendere Zukunft hat, einen nicht minder bekannten altösterreichischen Landsmann von ihm, Joseph Schumpeter. Unternehmergeist stand im Zentrum der Theorien des Nationalökonomens: er sah den Unternehmer als treibende Kaft für eine prosperierende kapitalistische Wirtschaft. Dem Finanz- und Bankensektor kam in seinem Modell nur eine dienende und keinesfalls dominierende Aufgabe zuteil.

Auch wenn der Weg in eine unternehmerische Gesellschaft denkt, durchaus nicht immer geradlinig verläuft, haben die kulturellen Umbrüche der vergangenen Jahrzehnte dazu geführt, dass Unternehmertum vom Rand der Gesellschaft in den Mainstream vorgerückt ist und von der Politik und der jüngeren Generation als Inbegriff der Hipp- und Coolness gefeiert.

In diesem Zusammenhang erleben wir jedoch eine tiefgreifende Umwälzung des wirtschaftlichen Gefüges: Überall auf der Welt beobachten wir derzeit einen Boom von spezialisierten Plattformen, über die Freelancer ihre Arbeit auf Projektbasis anbieten. Die sogenannte "Sharing Economy" greift um und rüttelt bestehende Strukturenn auf. Auch die Versuche vieler Konzerne, ihre bürokratischen Strukturen aufzubrechen, um als Organisation kreativer und innovativer zu werden, gehen in diese Richtung: Werte wie Eigenverantwortung, Autonomie und Urheberschaft haben momentan Hochkonjunktur. Je umfassender der digitale Wandel eine Gesellschaft erfasst, desto mehr gewinnen für sie Themen wie Unabhängigkeit und Eigenverantwortung an Bedeutung.

Peter Drucker in seinem Büro im Jahre 1975
Getty Images

Peter Drucker in seinem Büro im Jahre 1975

Der technologische Wandel war für diese Entwicklung ein enormer Treiber - nicht zuletzt weil er dafür gesorgt hat, dass die Eintrittsbarrieren in vielen Märkten wesentlich niedrigschwelliger geworden sind und er neue Methoden ermöglicht, mit denen Wissen ohne große Reibungsverluste gemeinsam entwickelt und geteilt werden kann.

Die beschriebenen Veränderungen kann man auf allen Ebenen der Gesellschaft beobachten, selbst Gemeinden und Staaten sind nicht vor ihnen gefeit. Folgende Fragen scheinen mir angesichts dieses sich vollziehenden Wertewandels wichtig:

  • Wie weit ist die Idee einer unternehmerischen Gesellschaft heute bereits Realität? An welchen Kriterien kann man diese Entwicklung festmachen?
  • Wenn der alte Gesellschaftsvertrag nicht mehr gilt: Wie sollte der neue aussehen?
  • Was ist die neue Rolle des Staates in einer unternehmerischen Gesellschaft? Kann der öffentliche Bereich selbst unternehmerisch denken und agieren? - Wie kann die Entwicklung einer unternehmerischen Kultur durch das Bildungssystem unterstützt werden?
  • Kann Unternehmergeist der Schlüssel zu mehr Innovation und Wachstum sein?
  • Wie kann es auch großen Organisationsstrukturen gelingen, agiler und dynamischer zu werden und alte Denkmuster und Hierarchien über Bord zu werfen?
  • Welche Rahmenbedingungen können sowohl Unternehmensgründungen als auch rasche Skalierug von Unternehmen fördern?
  • Welches sollte das neue Gleichgewicht zwischen staatlicher Regulierung und unternehmerischer Freiheit sein?
  • Das Neue kommt nicht ohne Unsicherheit und Risiko in die Welt: Wie kann es vor diesem Hintergrund gelingen, die immer noch verbreitete Vorbeugungs-Mentalität abzulegen und sich stattdessen einen pragmatischeren Umgang mit Risiken und mehr Mut anzueignen?
  • Welches sind die neuen Wege soziale Fragen mit unternehmerischen Ansätzen zu lösen? Wie kann dies in Bereichen geschehen wo keine Rentabilität erzielbar ist?
  • Und: Wie können Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft der Gesellschaft bei der Transformation vom Finanzkapitalismus hin zu einer unternehmerisch orientierten Wirtschaftsordnung helfen?

Der französische Romancier Victor Hugo wird wie folgt zitiert: "Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist." Lassen Sie uns beim 8. Global Drucker Forum in Wien gemeinsam herausfinden, ob die Zeit reif für eine unternehmerische Gesellschaft ist.


Mehr Informationen über den Namensgeber des Drucker Forums finden Sie hier:



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Peter Drucker



Zum Autor
Nach 32-jähriger Karriere bei IBM gründete Richard Straub die Peter Drucker Society Europe. Er ist Mitglied des Leitungsgremiums der European Foundation for Management Development (EFMD), Generalsekretär der European Learning Industry Group (ELIG) und fungiert als strategischer Berater für IBM Global Education. Folgen Sie ihm auf Twitter @rstraub46.

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Kommentare
2
allwin.de 28.02.2016

Ware Worte. Wenn der Wettbewerb und auch die Anforderungen an das Personal steigen, sind es die Menschen, die den Unterschied in der unternehmerischen Wertschöpfung machen. Jeder Unternehmer sieht die verschenkten Potenziale in seinem Unternehmen und fragt sich, warum diese von der Belegschaft nur unzureichend gehoben werden. Unser Erfahrung sagt: Weil die Ziele der Mitarbeiter unklar sind und zudem meist kein ausreichender Anreiz geben ist, die Ziele konsequent umzusetzen. Wir ändern die Spielregeln und machen aus Mitarbeitern -> Mitunternehmer. allwin.de – weil alle gewinnen!

mayconsult 01.04.2016

Spätestens wenn Konzerne auf einen Zug springen, dann bedeutet dies, dass dort Geschäft oder die Einsparung von Kosten gewittert wird. Das erwartet man von guten Unternehmenslenkern. Da mittlerweile in vielen Branchen die Margen erodieren ist der Kostenaspekt sehr wichtig. Das Outsourcen von Arbeitskräften auf deren eigenes Risiko ist ein recht alter Hut, der mir neuem Namen daher kommt. Umfragen haben ergeben, dass junge Menschen aus Sicherheitsgründen lieber bei Konzernen oder dem Staat angestellt wären. Die unternehmerische Gesellschaft scheint mir derzeit weitgehend Fiktion zu sein, da Sicherheit ein Grundbedüfnis der meisten Menschen ist. Funktioniert Kapitalismus aktuell eigentlich noch? Möglicherweise nicht. Machtkonzentration bei relativ wenigen, aber sehr großen Marktteilnehmern, Oligopole auf der einen und massiver staatlicher Sozialismus auf der anderen Seite bestimmen derzeit maßgeblich unser angeblich kapitalistisches System. Sind Non-Profit-Organisationen die Lösung? Sicher wird der Anteil solcher Unternehmen und Organisationen ansteigen. Letztlich wird aber eine Frage das Leben eines jeden bestimmen: Wie erreiche ich ein Einkommen, von dem ich leben und meine Rechnungen, Krankenversicherung und so weiter begleichen kann? Nur die Organisationsformen, die diese Frage beantworten und erfüllen, werden schließlich für den Einzelnen/Freelancer entscheidend sein. Auch Non-Profit-Organisationen müssen soviel verdienen, dass sie die Löhne und Gehälter ihres Personals bezahlen können. Klappt das nicht, so werden viele von diesen schnell wieder verschwinden, denn dauerhafte Selbstausbeutung ist nicht sexy. Auf die Hoffnung, der Staat werde wie bisher bei vielen Projekten Transferzahlungen leisten, würde ich nicht zählen. Dieser dürfte sich zunehmend von Leistungen trennen, um seinen eigenen Apparat (u.a. Pensionslasten) aufrecht zu erhalten und seinen gesetzlichen Pflichten nachzukommen. Sicherlich verbessern die neuen Freelancer-Plattformen das Matching von Arbeitsangebot und -nachfrage. So schreiben Konzerne etwa Designwettbewerbe aus und viele Hundert oder gar Tausend Entwürfe gehen ein. Der Gewinner steckt die ausgelobte Prämie ein. Der Rest geht leer aus und hat umsonst gearbeitet. Freelancer mutieren zukünftig möglicherweise zu elektronischen Tagelöhnern. Vielleicht ist die mächtige Idee, deren Zeit angeblich gekommen sei, nur eine Selbsttäuschung.

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