Die Entzauberung des Glücks

Bücher:

Von Alison Beard
10. September 2015
GK Hart / Vikki Hart / Getty Images

Nichts frustriert mich mehr als Bücher zum Thema Glück. Warum? Weil es so unendlich viele Ratschläge dazu gibt, wie das Glück zu finden sei. Wie schon Frédéric Lenoir schreibt, diskutieren die großen Denker dieses Thema seit mehr als 2000 Jahren (in: Über das Glück: Eine philosophische Reise). Und doch ist die Vielfalt der Meinungen nicht kleiner geworden. Das zeigt schon ein Blick auf die 5194 Titel, die Amazon unter seinen Lebensführungsratgebern in der Kategorie "Glück" auflistet, oder auf die 55 TED-Talks unter dem Schlagwort "Happiness". Was also macht uns glücklich? Gesundheit, Geld, soziale Kontakte, Sinn, "Flow", Großmut, Dankbarkeit, innerer Frieden, positives Denken... Wie die Glücksforschung zeigt, ist jede dieser Antworten richtig (auch alle zugleich?). Sozialwissenschaftler erklären uns, dass selbst die denkbar einfachsten Tricks - dankbar sein, täglich zehn Minuten meditieren, bewusst lächeln - uns in einen glücklicheren Geisteszustand versetzen können.

Und doch bleibt das Glück für mich, wie für viele andere auch, stets flüchtig. Natürlich fühle ich mich hin und wieder glücklich und zufrieden - beispielsweise wenn ich meinen Kindern eine Gutenachtgeschichte vorlese, jemanden interviewe, den ich sehr bewundere, oder die Arbeit an einem schwierigen Text abschließe. Doch obwohl ich mich bester Gesundheit erfreue, eine Familie und Freunde habe, die für mich da sind, und einem erfüllenden und flexiblen Beruf nachgehe, werde ich immer wieder von negativen Emotionen überfallen: Sorgen, Frustration, Wut, Enttäuschung, Schuld, Neid, Bedauern. Mein Grundzustand ist ein unzufriedener.

Kein Kampf der schlechten Laune

Die enorme und weiter wachsende Zahl der Bücher zum Thema Glück verspricht, mich aus diesem Zustand zu befreien. Doch die Wirkung ist eher die eines Fußtritts, wenn ich ohnehin schon am Boden liege. Ich weiß, ich sollte glücklich sein. Ich weiß, dass ich allen Grund dazu habe, dass ich besser dran bin als die meisten. Ich weiß, dass glücklichere Menschen erfolgreicher sind. Ich weiß, dass mir schon ein paar gedankliche Übungen helfen könnten. Und dennoch: Wenn meine Laune schlecht ist, fällt es mir schwer, etwas daran zu ändern. Und - ich gestehe - ein kleiner Teil von mir betrachtet mein Unglück nicht als unproduktive Negation, sondern als hochproduktiven Realismus. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, jederzeit glücklich zu sein. Stattdessen ist mir jeder verdächtig, der vorgibt, immer glücklich zu sein.

Ich war bereit, diesen Essay zu übernehmen, weil mir scheint, dass diese Haltung in denen vergangenen Jahren eine wachsende Anzahl von Anhängern gefunden hat. Auf Barbara Ehrenreichs Buch Smile or Die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt von 2009 über das "unerbittliche" Werben für das positive Denken und dessen zerstörerische Effekte folgten im vergangenen Jahr die Titel Die Psychologie des Gelingens von Gabriele Oettingen, die an der Universität New York als Professorin der Psychologie wirkt, und The Upside of Your Dark Side von Todd Kashdan und Robert Biswas-Diener, zwei Experten auf dem Feld der positiven Psychologie. In diesem Jahr sind erschienen: Ein großartiger Artikel von Matthew Hutson in Psychology Today unter dem Titel Beyond Happiness: The Upside of Feeling Down; The Upside of Stress der Stanford-Wissenschaftlerin Kelly McGonigal; Beyond Happiness des britischen Historikers und Gesellschaftskritikers Anthony Seldon; sowie The Happiness Industry: : How the Government and Big Business Sold Us Well-Beingebenfalls britischen Autors William Davies, der am Goldsmiths College der University of London Politikwissenschaft lehrt.

Wider die Obsession vom ewigen Glück

Erleben wir nun endlich die Entzauberung des Glücks? Es scheint so. Viele Veröffentlichungen der jüngsten Zeit wenden sich gegen unsere moderne Obsession des sich glücklich Fühlens und des positiven Denkens. Oettingen erläutert, weshalb es wichtig ist, den sonnigen Fantasien eine nüchterne Analyse der Hindernisse entgegenzusetzen, die uns den Weg versperren. Das Buch von Kashdan und Biswas-Diener und der Artikel von Hutson beschreiben den Nutzen all der negativen Emotionen, die ich eingangs beschrieben habe. Letztlich spornen uns derartige Gefühle dazu an, für eine Besserung unserer Umstände und unserer selbst zu sorgen.(Die Harvard-Psychologin Susan David, die den HBR-Artikel Emotional Agility (emotionale Beweglichkeit) mitverfasst hat, schreibt ebenfalls sehr sachkundig zu diesem Thema.)

McGonigal legt dar, wie wir unsere unglückliche Verfassung - unseren Stress - in etwas verwandeln können, dass unserer Gesundheit nutzt, statt ihr schadet, indem wir uns ihr mit einem liebevollerem Blick zuwenden. Diejenigen, die das Gefühl von Stress als die natürliche Reaktion des Körpers auf Herausforderungen begreifen, können besser mit Stress umgehen und leben länger, als diejenigen, die versuchen Stress zu bekämpfen.

Seldon beschreibt seinen eigenen Wandel von jemandem, der die schnelle Befriedigung sucht, zu jemandem, der Sinnvolleres anstrebt und dabei Freude findet. Bedauerlicherweise zieht er seine Ratschläge ins Triviale, indem er sie in alphabethische Reihenfolge bringt: Sich selbst akzeptieren (Accepting), sich einer Gruppe zugehörig fühlen (Belonging), einen guten Charakter entwickeln, Disziplin, Empathie, Fokussierung, Großzügigkeit und Gesundheit (Health), Forscherdrang (Inquiry), sich auf eine innere Reise begeben (Journey), Karma annehmen und sich der Liturgie und der Meditation widmen. (Es stellt sich die Frage, welche Begriffe er in seinem nächsten Buch für X und Y wählen wird.)

Davies behandelt das Thema unter einem anderen Gesichtspunkt. Er ist der Versuche der Institutionen und Konzerne überdrüssig, die "Gefühlsduselei in unseren Köpfen" für ihre eigenen Ziele zu missbrauchen. Aus seiner Sicht hat es etwas sehr Unheilvolles, wie Werbetreibende, Personalmanager, Regierungen und Pharmakonzerne unseren schier unersättlichen Drang, uns glücklicher zu fühlen, vermessen, manipulieren und letztlich zu Geld machen.

Doch keiner dieser Autoren widerspricht der These, dass es die Pflicht des Einzelnen sei, ein insgesamt besseres Leben anzustreben. Wir nennen es das Streben nach "Glück", doch was wir wirklich meinen ist die "langfristige Erfüllung". Martin Seligman, der Begründer der positiven Psychologie, bezeichnet es als "Aufblühen" (Flourishing) und erklärte schon vor Jahren, dass positive Gefühle (also das Glücklichsein) nur ein Element davon sind - neben Engagement, Beziehungen, Sinn und Erfolg. Der Begriff, den Arianna Huffington in ihrem jüngsten Buch verwendet, ist "Gedeihen". Und Lenoir, dessen Geschichte der Glücksphilosophie vermutlich das aufschlussreichste und unterhaltsamste Buch unter den genannten ist, beschreibt es schlicht als die "Liebe zum Leben". Wer will schon gegen solche Ziele argumentieren?

Die meisten Glücksgurus irren jedoch in der Ansicht, dass das tagtägliche, oder gar beständige, Glücklichsein ein Weg zur langfristigen Erfüllung sein kann. Für einige Optimisten, die im halb vollen Glas bereits ihre ganze Erfüllung sehen, mag das stimmen. Sie "stolpern ins Glück", wie es Dan Gilbert, der bekannteste unter den Glücksforschern, beschreibt, oder erringen "den Glücksvorsprung", von dem Shawn Achor spricht, ein zum Berater gewandelter ehemaliger Wissenschaftler, oder sie "verstrahlen Glück", wie es Michelle Gielan, die Frau von Achor und zugleich dessen Geschäftspartnerin bei der Firma GoodThink, in ihrem neuen Buch empfiehlt.

Wie schon gesagt, es reichen offenbar ein paar einfache Tricks.Uns anderen erscheint so viel Heiterkeit jedoch erzwungen. Sie wird uns kaum helfen, bedeutsame Bindungen einzugehen oder die perfekte Karriere aufzubauen. Und ganz sicher kann sie uns nicht durch unsere Arbeitgeber oder andere externe Kräfte entlockt werden. Wir finden unsere Erfüllung auf anderem Wege und ohne die Unterstützung von Selbsthilferatgebern. Auf lange Sicht, denke ich, werden wir ganz gut damit fahren - und, wer weiß, vielleicht sogar unser Glück finden.


Harvard-Psychologe Daniel Gilbert wurde mit seinem Bestseller "Ins Glück stolpern" auch in Deutschland bekannt. Ein Gespräch über die neuesten Erkenntnisse der Glücksforschung, Wege, sich glücklicher zu fühlen, und den Wert bequemer Schuhe.


Wir machen aus allem das Beste


HBM-Beitrag als PDF, 7 Seiten

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Zum Autor
  • Alison Beard ist Redakteurin bei der Harvard Business Review.

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