Trügerische Charts

Börsenwerte:

Von Nina Bärschneider und Martin Lechtape
Heft 2/2019
Getty Images
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  • Jeden Monat überprüfen wir die Thesen eines Wissenschaftlers zu einem aktuellen Forschungsprojekt.

Frau Iliewa, erklären Sie Börsenexperten jetzt ernsthaft den Unterschied zwischen Kursen und Renditen?

Iliewa: Wir versuchen es! Meine Kollegen und ich halten laufend Vorträge. Kürzlich war ich in Paris und habe bei einer bekannten Vermögensverwaltung unsere Ergebnisse vorgestellt. Eigentlich sollte die Art der Darstellung für einen rationalen Anleger keinen Unterschied machen. Wir haben allerdings herausgefunden: Selbst Börsenexperten, die mehr als 20 Jahre Erfahrung mitbringen, handeln nicht rational.

Bauch schlägt Kopf - wieso sind Sie sich da so sicher?

Iliewa: Experten haben sich im Versuch von der Art der Fragestellung täuschen lassen: Fragten wir sie nach den erwarteten Renditen statt den Preisen, schätzten sie die Aktienentwicklung zu positiv ein. Auf dem Finanzmarkt treffen CEOs und Börsenanalysten häufig schnelle und intuitive Entscheidungen. Doch ihre Intuition ist fehleranfällig. Das kann gravierende Folgen haben, denn auf sie hören viele andere.

Übertreiben Sie da nicht? Ist der Effekt der Visualisierung wirklich so stark, dass Anleger Gefahr laufen, sich zu verspekulieren?

Iliewa: Absolut. In unserem Experiment haben wir den Laien zwei Diagramme vorgelegt: ein Kurs- und ein Renditediagramm. Deren Verlauf zeigte dieselbe Entwicklung einer fiktiven Aktie über ein Jahr. Mit Blick auf die vergangenen zwölf Monate sollten die Probanden dann ihre Rendite für den nächsten Monat schätzen. Wer das Kursdiagramm sah, erwartete im Schnitt 1,7 Prozentpunkte mehr Gewinn als jemand, dem das Renditediagramm vorgelegt wurde. Das heißt konkret: Bei einer Anlage von 1000 Euro im Dax, die in der Vergangenheit durchschnittlich acht Euro Gewinn pro Monat erzielt hat, erwarten Investoren 17 Euro mehr Gewinn, sollten sie das Kursdiagramm statt des Renditediagramms sehen.

Wie erklären Sie den Unterschied? Warum ist ausgerechnet das Kursdiagramm Anlass für Optimismus?

Iliewa: Das menschliche Gehirn kann positive Zahlen viel leichter verarbeiten als negative. Im Kursdiagramm sind nur positive Zahlen abgetragen, da der Preis nie negativ wird. Das lässt uns vergessen, dass die monatliche Rendite auch negativ sein kann. Im Renditeformat werden wir hingegen durch die Balken unterhalb der Nulllinie daran erinnert.

Sollten Unternehmen ihre Aktienkurse dann nur noch als Kurven veröffentlichen, um Anleger anzulocken?

Iliewa: So kann man tatsächlich Erwartungen kurzfristig manipulieren. Unternehmen müssen dabei aber bedenken: Systematische Manipulationen von Aktienkäufen helfen auf Dauer niemandem. Denn wenn der Optimismus der Anleger langfristig unbegründet ist, verkaufen sie ihre Anteile.

Inwieweit kann man Börsenexperten überhaupt noch trauen?

Iliewa: Finanzprognosen darf man generell nicht trauen, weil auf effizienten Märkten niemand die Zukunft vorhersagen kann. Trotzdem brauchen vor allem Kleinanleger, die kein oder wenig wirtschaftliches Know-how haben, Berater, die das Risiko einer Anlage einschätzen können. Darin liegt ein Vorteil für sogenannte Robo Advisors ...

... also Finanzdienstleister, die automatisierte, auf Algorithmen beruhende Vermögensverwaltung anbieten ...

Iliewa: ... Robo Advisors können unverzerrte Anlagetipps geben und somit den menschlichen Berater ersetzen. Doch auch sie müssen berücksichtigen, wie Formatänderungen die Erwartung ihres Klienten verändern. Denn sie kommunizieren ausschließlich über Zahlen und Diagramme. (...)


Das vollständige Interview finden Sie im aktuellen Harvard Business Manager.

Ausgabe 2/2019


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